„Wir suchten keinen Gott, Gott suchte uns.“ Christ sein im Osten

3. Oktober 2010


In Dankbarkeit zur Deutschen Einheit

Wenn man bedenkt, dass sich das politische Interesse bzw. das Bewusstsein für gesellschaftliche Prozesse etwa im Alter von 10 bis 14 Jahren entwickelt, werden viele derer, die das jetzt lesen, die Sowjetunion, den Kommunismus, den Ostblock, den Warschauer Pakt und die DDR nur aus Erzählungen ihrer Eltern und aus historisch orientierten Medien kennen. Auch mir ist diese Zeit sehr fremd, obwohl ich im Jahr der Einheit volljährig wurde – und an Politik und Geschichte sehr interessiert war. Dennoch: Hier spüre ich eine gewisse Verbundenheit mit der Jugend, die sagt: „DDR, UdSSR – das sind Länder vor unserer Zeit.“

Aus einem Land vor unserer Zeit kommt eine Bekenntnisschrift, die mir ein Pfarrer einer Berliner Brudergemeinde vor über einem Jahr ausgeliehen hat, für die ich aber nie recht Zeit und Muße fand. Bis ich vor einigen Wochen mal wieder in unserer Berliner Pfarrhauswohnung war, das Buch fand, es in die Hand nahm und nach dem ersten Blättern immer noch viel anderes, aber nichts besseres mehr zu tun hatte, als es zu lesen.

Es geht darin um eine Philosophin, die in der UdSSR zum orthodoxen Christentum findet und die zudem den Mut hat, diesen neugefundenen Glauben offen zu bekennen, an einem Ort, an dem das gefährlich war, zu einer Zeit, als die Schwestern und Brüder im Herrn in Russland verfolgt wurden – zumal, wenn sie eine Stelle an einer staatlichen Universität innehatten.

Tatiana Goritschewa beschreibt in Die Rettung der Verlorenen ihren Weg vom Marxismus, den sie als Dozentin an der Medizinischen Hochschule in Leningrad lehren sollte, über die Existenzphilosophie französischer Autoren (Sartre, Camus) zum christlichen Glauben. Es ist eine Umkehr inmitten des Bösen, inmitten der Angst. Sie beschreibt ihn in klaren Bekenntnissen über sich und andere Gemeindemitglieder, die alle diesen Schritt wagten. Sie sagt Dinge wie diese:

„Ich möchte von Wundern erzählen, die ich erlebt habe. Aus Steinen kann Gott Kinder Abrahams schaffen. Er hat auch uns zu seinen Kindern gemacht, obwohl wir vor Angst und Geistlosigkeit wie versteinert waren. Und daß es Gott gibt, das wissen wir ohne jeden Zweifel. Viele von uns sind ganz unerwartet Christen geworden und haben ganz besondere Offenbarungen vom Himmel erhalten. Sie haben Zustände erlebt, die denen des Apostel Paulus sehr ähnlich waren, als er nach Damaskus unterwegs war. Wir suchten keinen Gott, Gott suchte uns, und Er fand uns. Das ist die größte Wahrheit unserer Umkehr. Das ist der beste Beweis für Gottes Sein.“

Starke, eindrückliche, aber durchaus nachvollziehbare Worte. Es ist Gott, der sucht und findet. Es ist Gott, der in Seiner Freiheit die Gnade der Wandlung beim Menschen derart wirksam werden lässt, dass dieser auf eine Weise zur Umkehr genötigt wird, die in der bloßen Beschreibung von Ereignissen rund um eine Konversion nie ganz aufgeht. Es bleibt ein geheimnisvoller Rest, der das undurchdringliche Zusammenspiel von innerer Notwendigkeit und äußerer Entscheidung zu dem besonderen Akt der Glaubensannahme kulminieren lässt. Klar ist: Gott spielt in diesem Spiel die Hauptrolle, nach Seinen Regeln und Regieanweisungen. Es ist Gott, der wirkt. Das spürte Tatiana Goritschewa deutlich. Wieso sollte sie sich sonst dem Risiko für Leib und Leben ausgeliefert haben, wenn nicht unter dem Druck überwältigender Evidenz, unter dem der alte Mensch zusammenbricht und sich nur der neue Mensch aufzurichten weiß, der getrost die Totenmaske, die der Gesellschaft so gut gefällt, herunterreißt. Es ist ein göttlicher Zwang, der über die menschliche Angst triumphieren lässt – ein Zwang, der frei macht.

Tatiana Goritschewa schreibt weiter über das Wesen („Im Christentum haben wir vor allem seinen mystisch-geistigen Sinn entdeckt. Dieser Sinn ist unser Fundament.“), die Weisheit („Die Kirchenväter sind wieder unsere Lehrer geworden.“) und den Ausdruck des Glaubens: das Gebet. „Das Gebet“, so sagt sie, „ist für uns notwendiger als Luft. Es ist unsere Rettung.“, weil es als „Dialog mit Gott“ den Menschen in Ehrfurcht, Demut und Liebe mit Gott eins werden lässt, so wie Christus mit dem Vater eins ist und diese vertrauende Einheit in der Zwiesprache immer wieder bekräftigt hat – ihre spirituelle Erfahrung mit dem Vater Unser ist ein besonderes Bekehrungserlebnis: Ihr wurde klar, dass Gott keine abstrakte Größe philosophischer Verhandlung ist, sondern „der liebende himmlische Vater“, zu dem sie fortan betete. Dabei ist das Gebet für Tatiana Goritschewa keine Flucht in die Transzendenz: „Das Gebet führt nicht von der Welt weg, sondern bringt zurück in eine erneuerte, verwandelte Welt.“

Die Welt, in der sie lebte, mit den Augen des Glaubens als „erneuerte, verwandelte Welt“ wahrnehmen zu können, brachte für Tatiana Goritschewa zweierlei mit sich: Sie erkannte den Wandel der Herzen, ihres und der ihrer Schwestern und Brüder, sie konnte genau beobachten, wo und wie Gott wirkte und dabei erkennen, dass – äußeren Umständen zum Trotz – „die Geschichte nicht von den Kräften des Menschen, sondern vom Heiligen Geist bewegt wird, und daß die Kirche Gottes stärker ist als alle menschlichen Anstalten“. Und sie konnte zugleich von der Bedrängnis absehen und ihren Glauben mit großem Mut leben: „Der beste Schutz gegen die Dämonen ist der, sie einfach nicht zu beachten.“

Der Dämon hatte in Leningrad einen Namen: KGB. Tatiana Goritschewa war für ihn in dem Moment blind geworden, als sie sehend wurde für Gott. Sie spricht sehr klar davon: „Wir lebten und arbeiteten so, als gäbe es keine Sowjetmacht, keine Sowjetbehörden und keinen KGB.“ Ihre innere Freiheit im Bekenntnis angesichts der äußeren Zwänge nötigen mir den größten Respekt ab. Wenn jemand verstanden hat, was Psalm 23 ausdrücken möchte, dann Tatiana Goritschewa.

Ich bin sehr berührt davon, wie eine mir vertraute Spiritualität in einer mir völlig fremden Welt gelebt wird. Ich bin sehr beeindruckt von der Bedingungslosigkeit der Nachfolge Christi durch diese kluge Frau, die immer wieder durchblicken lässt, dass überhaupt nur in dieser Bedingungslosigkeit die Nachfolge Christi gelingen kann. Wenn sie den Glauben selig preist, „für den man ins Gefängnis und in die psychiatrische Klinik geworfen wird“, dann komme ich mir sehr klein vor, wenn ich daran denke, dass ich oft überlege, ob ich denn heute wirklich zur Heiligen Messe gehen soll. Schließlich regnet es.

Zugleich bin ich sehr irritiert von dem Gedanken daran, dass dies eine Gesellschaft war, die auch auf deutschem Boden Fuß fassen konnte. Froh bin ich, dass sie letztlich – auch durch die Kraft des Gebets – überwunden wurde. Das Ende der DDR begann mit der großen Courage von Menschen, die Kerzen trugen. Damit hatte der Stasi-Staat nicht gerechnet, wie er am Ende selbst bekennen musste.

Mir wurde beim Lesen der kostbaren Gedanken Tatiana Goritschewas klar, wie dankbar gerade auch wir Christen sein dürfen, für die Einheit Deutschlands und für die neue Chance auf Verständigung in Europa. Ich werde in Dankbarkeit eine Kerze anzünden, auch für die, die noch getrennt sind. Gott gebe, dass auch das koreanische Volk bald in Freiheit vereint ist!

(Josef Bordat)

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