Abbau von Feindbildern mit Franz von Assisi

4. Oktober 2010


Es gehört zu den schwierigsten Übungen der menschlichen Kultur: Dem Anderen das zu gewähren, was man selbst in Anspruch nimmt. Vielleicht kann der Heilige des heutigen Tages, Franz von Assisi, bei dieser Übung helfen.

1. Unsere Kultur ist kommunikativ. Das bedeutet, das wir uns über Sprache verständigen. Damit sich diese Erkenntnis mit der Handlungstheorie verträgt, sagt man auch, dass wir uns über „sprachliche Handlungen“ oder „Sprechakte“ verständigen. Zeichensprache (also etwa Schrift), Symbolsprache (z. B. Verkehrsschilder) oder auch andere Sprechakte transportieren Bedeutungen, die wir verstehen, weil wir sie teilen. Das bedeutet aber auch, dass wir uns über die Anwendung von Sprache entzweien können, sobald wir die Bedeutung von Begriffen, Gesten, Piktogrammen etc. nicht teilen, wenn wir etwas ganz Unterschiedliches darunter verstehen.

Das kann einerseits daran liegen, dass wir über die Bedeutung falsch informiert sind oder sie nie richtig erlernt haben. Dann ergeben sich in Gesprächen Missverständnisse, die epistemischer Natur sind. Diese Irrtümer sind verhältnismäßig leicht aufzuklären – auch wenn es ärgerlich ist, wenn Fakten die Meinung torpedieren. In den meisten Fällen gibt es hier keine Schwierigkeiten. Manchmal verblüfft der Erkenntnisgewinn sogar und das vermeintlich unüberwindbare Problem löst sich in Wohlgefallen auf. Irrige Annahmen sorgen oft für Streit, aber auch für Unterhaltung. Viele Witze basieren auf der Eigenschaft von homophonen Wörtern, äquivok verwendet werden zu können, weil sie zwei (oder mehrere) Bedeutungen tragen. Als Spiel beliebt („Teekesselchen“), im Leben weniger, in der Praxis des kommunikativen Umgangs jedoch leider fast unvermeidlich, zumal, wenn die Wörter nicht aus der Muttersprache stammen. Aber, wie gesagt: Solche Fälle lassen sich schnell klären.

2. Tragischerweise gehören andererseits einige Begriffe, die zudem für unser Selbstverständnis ganz wichtig sind, in eine Kategorie von Bedeutungsträgern, über deren Bedeutung es aufgrund unterschiedlicher Ansichten kein Einvernehmen gibt. Hier sind die Missverständnisse ethischer Natur. Wörter wie „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Glück“ oder „Liebe“ sind zwar fast allen Menschen in ihrer jeweiligen Muttersprache bekannt und sie werden im Alltag oft verwendet. Daraus folgt aber nicht, das man etwa wüsste, was diese Begriffe bedeuten. Zumindest nicht, was sie bedeuten müssen, allenfalls, was sie bedeuten können. Schlimmer noch: Man weiß, dass die eigene Bedeutungszuschreibung nicht geteilt wird, verwendet die Begriffe aber oft so, als gäbe es Einvernehmen.

Interessanterweise ergibt sich daraus ein weiteres Paradox: Da jeder der Meinung ist, dass die eigene Deutung wahr ist (sonst würde er sie, die Meinung, ja nicht vertreten), werden die Meinungen Anderer oft abgewertet, ungeachtet dessen, dass sie, die Anderen, ja ebenfalls von der Richtigkeit ihrer Deutung überzeugt sind. Wie lässt sich unter diesen schwierigen Bedingungen überhaupt noch sinnvoll über diese Begriffe miteinander sprechen? Darunter verstehe ich, dass man sich austauscht, um die existierenden Positionen zu klären und zu verstehen, ohne dabei die eigene Position aufzugeben oder dies vom Anderen zu verlangen. Dass man sich mithin auf die andere Position so bezieht, dass man sie im Wege des Perspektivwechsels einnimmt (ohne sie zu übernehmen). Dazu gehört freilich zunächst die wohlwollende Rekonstruktion dieser fremden Meinung.

3. Bevor ich sage, wie es gehen könnte, möchte ich sagen, wie es auf keinen Fall gehen wird. Unter der Bedingung nämlich, dass nicht die Mitteilung der eigenen, sondern die Abwertung der anderen Meinung zum eigentlichen Ziel von Sprechakten wird, wenn also nicht miteinander, sondern gegeneinander gesprochen wird. Die Abwertungsmechanismen gehorchen in diesen Fällen oft einem Prinzip, das die Psychologie „Feindbild“ nennt. Es zeichnet sich aus durch De-Individualisierung bzw. Pauschalisierung (Alle X sind a.), Entpersonalisierung (Xe sind keine mir gleichwertigen Wesen.), Misstrauen (Auch wenn X etwas sagt/plant/tut, das auch ich für gut/richtig/wahr halte, hat X dabei böse Motive oder Hintergedanken.), Entweder-Oder-Denken (X kann nicht Recht haben, denn ich habe Recht.), Nullsummen-Ansatz (Was X schadet, nützt mir; was X nützt, schadet mir.), Nulltoleranz-Denken (Jeder, der X toleriert oder gar respektiert, macht sich mitschuldig an dem Bösen, das durch X in die Welt kommt.), negative Antizipation (Was auch immer X vor hat, sie/er will mir schaden.) und – als ultima ratio – die Unterstellung mangelnder Aufrichtigkeit bei der Deutung der strittigen Begriffe bzw. die eigene Deutung der Deutung des Anderen (X sagt a, meint aber eigentlich b, so kann X es überhaupt nur meinen, denn nur b passt in mein Bild von X.). Vor, hinter und über all dem steht die komplexe Empathieverweigerung – Motto: X und mich verbindet nichts. – als Ergebnis von zu wenig Differenzierung (X ist immer a.) und zuviel Dichotomisierung (X ist a, ich bin nicht a.)

4. Wenn Empathieverweigerung das Problem ist, ist Liebe die Lösung. Eine ganz besondere Liebe für den Nächsten hatte Franz von Assisi, der auch vor gewagten Kommunikationsakten nicht zurückschreckte. 1219 mischt er sich als Pilger ohne Waffen unter das Heer der Kreuzfahrer. In Ägypten sprach er mit dem Sultan und hinterließ einen tiefen Eindruck. Getragen war er dabei von der Liebe Gottes, die zuerst in Christus selbst aufschien, sich dann aber – als „Licht in der Finsternis“ – ausbreitete.

In einem ganz bekannten Gebet bittet Franz von Assisi den Herrn um die richtige Einstellung gegenüber dem – oft fremden, manchmal auch unangenehmen – Nächsten. Es zeugt von einer inneren Bereitschaft zur Versöhnung und zum Frieden, die sich aber von äußeren Gnadengaben abhängig weiß: „Oh, Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens.“ Eine Demut, die keine Passivität ist – nicht: „Herr, mache Du selbst Deinen Frieden!“, sondern „Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens.“. Eine Haltung, die nicht mit Beliebigkeit um der Harmonie und Gemütlichkeit willen verwechselt werden darf, denn es geht um Seinen Frieden. Jesu Friede ist kein Burgfriede und auch kein Waffenstillstand. Es ist der wahre Friede, der die Feindschaft nicht verdeckt, sondern beseitigt, der Hass und Gewalt nicht vertagt, sondern besiegt. Franz zeigt die Eigenschaft eines offenen Gefäßes, das sich anfüllen lässt mit Liebe, so dass er am Ende als „Werkzeug“ funktionieren kann: nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft Christi.

5. Muss ich erwähnen, dass dieser Weg des Friedens kein Spaziergang ist? Er beginnt am besten mit einem Gebet – dem Friedens-Gebet des Heiligen Franz von Assisi.

Oh Herr,
mache mich zu einem Werkzeug
Deines Friedens.
Dass ich Liebe übe,
da wo man mich hasst;
dass ich verzeihe,
da wo man mich beleidigt;
dass ich verbinde,
da wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage,
da wo Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe,
wo Zweifel ist;
dass ich Hoffnung wecke,
wo Verzweiflung quält;
dass ich Dein Licht anzünde,
wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe,
wo der Kummer wohnt.

Ach Herr,
lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern, dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern, dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern, dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt,
der empfängt;
wer sich selbst vergisst,
der findet;
wer verzeiht,
dem wird verziehen;
und wer stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben.

Amen.

Vielleicht sollten wir jetzt nicht gleich alle auf einmal in den Nahen Osten fliegen, um den Abbau von Feindbildern mit Franz von Assisi ins Gespräch zwischen Israelis und Palästinensern einzubringen. Fangen wir einfach mit dem Menschen an, der uns heute als Erster auf die Nerven geht.

(Josef Bordat)

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