„Und es waren Hirten auf dem Felde“

17. Dezember 2010


Was wäre gewesen, hätte sich der Engel des Herrn an Akademiker wenden müssen? Ein Gedankenexperiment.

Dass es sich bei den ersten Adressaten der Weihnachtsbotschaft um einfache Viehzüchter aus einer ländlichen Region des Nahen Ostens handelte, ist vielfach theologisch ausgedeutet worden. Gott wolle in den Hirten den ganz gewöhnlichen Menschen ansprechen. Der König, der geboren wurde, komme nicht nur für seinesgleichen, sondern für alle. Die Botschaft des Heils kenne keine Hierarchie.

Richtig.

Ich glaube aber, dass die Sache mit den Hirten auch noch einen ganz praktischen Grund hatte. Hirten sind Menschen mit wachem Verstand, die Botschaften aufnehmen und umsetzen können. Das ist für den Fortgang der Weihnachtsgeschichte von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Wäre Jesus zum Beispiel – ich spinn’ jetzt mal – in Heidelberg oder Cambridge geboren worden, hätte der Engel des Herrn zu dieser nächtlichen Stunde nur eine Sorte Mensch „auf dem Felde“ angetroffen: Studenten. Da wäre es sehr fraglich gewesen, ob die es noch vor den Weisen aus dem Morgenland zum Stall geschafft hätten. Und der Engel des Herrn hätte mit seiner Botschaft je nach Fakultät erheblich differenzieren müssen.

Zu Sozialpädagogen kann man – auch als Engel des Herrn – nicht einfach sagen: „Geht nach Bethlehem!“ Das ist viel zu repressiv. So ganz ohne Diskussion, um „mal irgendwie ein vorläufiges Meinungsbild zu bekommen“ geht da niemand. Nein, den Sozialpädagogen muss man sich schon anders nähern, etwa so: „Halloooooooo! Ähm, ich fänd’s total schön, wenn ihr kurz zuhört. Is’ echt wichtig. Denn ich verkünde euch große Freude oder so. Euch ist heute irgendwie ein ganz lieber Retter geboren. Also, ihr werdet ein Kind finden, das in diese biologisch abbaubaren Mehrweg-Windeln gewickelt ist. Es liegt in einer klimaneutralen Krippe, in so ’nem selbstverwalteten Öko-Stall. Das ist ein total wichtiges Projekt für mehr Autonomie der palästinensischen Kleinfamilie. Oder so. Irgendwie. Habt ihr das soweit verstanden? Nein? Dann sag ich’s jetzt noch mal, obwohl ich’s echt nich’ gut find!“

Ganz anders dagegen müsste der Engel des Herrn angehende Juristen adressieren: „Die M befindet sich mit J in einem handelsüblichen Stall S mittlerer Art und Güte in B, weil ihr Angebot zum Abschluss eines Mietvertrags über Wohnraum auf Zeit in der Herberge H mit dem Hinweis auf Auslastung nach § 23 Römisches Besatzungsstatut abgelehnt worden ist. Ihr Aufenthaltsort B ergibt sich konkludent aus Verordnung 3 Ziffer 6 aus 0, gezeichnet Augustus, in Vertretung Cyrenius, Statthalter von Syrien, nach der sich alle einschreiben müssen, und zwar dort, wo ihr Vater geboren wurde. Hinsichtlich des J aus N in G, selbständig, ledig, Staatsangehörigkeit ungeklärt, erging Verfügung vom 20.12.00 nach B zu gehen und sich einschreiben zu lassen mit der M, welche gemäß beigefügtem Gutachten schwanger ist. Insoweit liegen zwingende Gründe vor, der M und dem J nach B zu folgen, um dem Kind K der M zu huldigen. Diese Aufforderung ist ohne Gloria gültig. Gegen sie kann Widerspruch nur eingelegt werden, wenn hinreichende Widerspruchsgründe vorliegen. Beschlossen und verlesen. Gezeichnet, Engel des Herrn. Nach Diktat verreist.“

In den Reihen der Ärzte in spe hätte der Engel des Herrn zunächst Vertrauen gewinnen müssen („Ihr werdet ein Kind finden. Ein gesundes Kind, keine Angst. In Bethlehem. Gleich da unten, neben dem Golfplatz.“), um dann die Mediziner in gewohnter Manier zum Handeln zu veranlassen („Das Kind a) liegt in einem Stall, b) liegt in einer Krippe, c) ist unser Retter und Heiland, d) Antworten a und b sind richtig, e) Antworten a, b und c sind richtig.“).

Besonders schwer hätte es der Engel des Herrn hingegen mit Maschinenbauern, Informatikern und Physikern gehabt. Die hätten sich nämlich sehr gefürchtet. Da hätte der Engel des Herrn lange gebraucht, um ihnen klar zu machen, dass sie sich nicht zu fürchten brauchen, da er ja nur der Engel des Herrn ist. Und keine Frau. Schließlich wären nur die Informatiker losgegangen, weil sie der Engel des Herrn nach klarer Ansage („Weihnachten starten. Suche: Kind im Stall.“) vor die klare Alternative stellte: „Wenn ,liebliches Kind liegt im Stall’, dann Programm ,Huldigung’ starten.“ – Maschinenbauer und Physiker eilen derweil nicht nach Bethlehem, sondern nach Hause. Essen ist fertig. Und Mutti wartet nicht ewig.

Noch heiser von den angehenden Sportlehrern („Ey, na’ Bethlehem! Is’ dat kla’?! Und wenn ich einen seh’, der schlapp macht, dem reiß ich…“), wäre es dem Engel des Herrn geradezu unmöglich gewesen, promovierte evangelische Theologen nach Bethlehem zu bewegen, denn dass „uns heute der Heiland geboren“ wurde, wäre unter ihnen – historisch-kritisch betrachtet – mehr als fraglich gewesen. Unwahrscheinlich auch, so hätten sie angemerkt, dass Bethlehem wirklich der Ort des Geschehens sein soll. Vermutlich hätten sie den Engel des Herrn mit leicht spöttischem Unterton gefragt, was das denn sei, ein „Engel“. Und was heißt überhaupt: „des Herrn“?! Die wären dann wahrscheinlich lieber da geblieben, wo sie waren, um mit den Römern ein Orgelkonzert zu organisieren. Die Kollegen von der katholischen Fraktion hätte der Engel des Herrn unterdessen wohl weniger „auf dem Felde“ als vielmehr „in der Kneipe“ angetroffen (Einkehrtag).

Und die BWLer? Die wollen im Gegenzug für den Bethlehem-Deal eine echte geldwerte Leistung: „So eine Huldigung, das macht sich als soft skill sehr gut im Lebenslauf, glaubt mir. Social communication. Auf so was achten Personaler. Außerdem verfügt der menschgewordene Gott schon bald über ein ziemlich großes Netzwerk, in dem Synergien generiert werden können. Es gibt Gratiskugelschreiber von Holy-Consulting, die das ganze Event sponsern. Und bevor Wall Street aufmacht, dann seid ihr wieder zurück, versprochen!“

Bleiben die Philosophen. Mit denen kann man vernünftig reden. Dachte auch der Engel des Herrn. Doch leider musste er ausgerechnet an Vertreter der ontologischen Fundamentalhermeneutik geraten, was eine Textänderung unumgänglich machte: „Wenn das Sein sich im Seienden so entäußert, dass es mit ihm wesensgleich ist, dann ist es eines Wesens mit ihm. Das Wesen west in der heiligen Nacht in einem Stall. Das Wesen des Heils ist in der Gefasstheit der Nacht gefasst wie die Nacht im Fass geheilt ist. Was fastet, was nachtet, was heilt? In der Fassnacht fastet die Nacht in heiliger Weihe. Deswegen sprechen wir von ,Weih-Nacht’.“

Oh, weih!

Zum Glück waren’s Hirten.

Damals.

(Josef Bordat)

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