Weihnachtsgeschichten

22. Dezember 2010


Nein, das ist kein Schreibfehler. Zwar gibt es nur eine Weihnachtsgeschichte – sie steht bei Lukas 2, 1-20 –, nur eine Geschichte von der Menschwerdung Gottes in einer armen Familie inmitten einer Militärdiktatur, nur diese eine Geschichte, die die Welt veränderte und eine neue Zeit beginnen ließ. Doch Weihnachten inspiriert die Menschen, immer wieder neue Geschichten zu erzählen, die von dem handeln, das auch im Hintergrund der Menschwerdung Gottes steht: Versöhnung aus dem Wunsch nach Frieden, Neuanfang im Bewusstsein der alles verzehrenden Kraft der Liebe.

Das Thema Weihnachten ist wie kaum ein anderes Motiv literarisch, musikalisch und kinematographisch verarbeitet worden. Kein Jahr ohne Weihnachtsfilm. Man mag diese Verarbeitungen als Verkitschungen und Verfälschungen der eigentlichen Weihnachtsbotschaft kritisieren, doch kann man sich ihrem Zauber nur schwer entziehen. Sicherlich denkt man an Charles Dickens’ A Christmas Carol („Eine Weihnachtsgeschichte“), der vielfach verfilmten Geschichte von der moralischen Wandlung des geizigen und selbstsüchtigen Ebenezer Scrooge. Oder an Miracle on 34th Street („Das Wunder von Manhattan“), den mit drei Oscars und zwei Golden Globes prämierten Film von 1947 (Neuverfilmung: 1994), der davon spricht, niemals die Hoffnung aufzugeben. Oder – na, klar – an It’s a Wonderful Life („Ist das Leben nicht schön?“) von 1946, einer von Kritikern hoch gelobten (und immerhin fünf mal für den Oscar nominierten) Tragikomödie, deren Erfolg beim Publikum jedoch überschaubar blieb. Oder an die vielen Zeichentrick- und Kinderfilme der letzten Jahre, an die einfacher gestrickten Fernsehproduktionen oder auch an Hollywood-Blockbuster, die mit den Motiven „Santa“, „Geschenke“ und „Familie“ spielen, ohne dabei wirklich in die Tiefe zu gehen.

Es ist klar, dass ein derart mit Bedeutungen und Subtexten überfrachtetes Ereignis wie Weihnachten auch Anlass für Persiflagen war und ist, die die Oberflächlichkeit der dahingeheuchelten „Heile Welt“-Stimmung des Weihnachtsfestes eingedenk der nüchternen Realität seiner gnadenlosen Vermarktung spitz karikieren. Man denke etwa an die Vorspann-Sequenz in Monty Python’s Life of Brian („Das Leben des Brian“), in der die Mutter Brians beim Besuch der Heiligen Drei Könige von „Myrrhezeug“ (prophetisches Zeichen für das Leiden Christi) nichts wissen will, bei Gold aber schwach wird. Oder an Loriots Weihnachten bei Hoppenstedts, in der eine nach Harmonie und Gemütlichkeit strebende Drei-Generationen-Familie an divergierenden Partikularinteressen („Ufftata! Ufftata!“), einem gefährlichen Spiel mit der Atomenergie und dem allseitigen Verpackungsmüll des Festes scheitert. Gnadenlos.

Zwischen allzu idealisierender Familienidylle und dem satirischen Verriss (aus dem freilich auch die Sehnsucht nach dem Idyll spricht), gibt es berührende Geschichten als Zeugnisse davon, wie man den weihnachtlichen Gedanken der Versöhnung und Liebe leben kann.

Zum einen denke ich an die Weihnachtsgeschichte in Smoke (deutscher Untertitel: „Raucher unter sich“), ein Film, der mit so großartigen Darstellern wie William Hurt und Harvey Keitel die Geschichte von Menschen erzählt, deren Lebenslinien sich in einem Brooklyner Tabakladen kreuzen. Regisseur und Drehbuchautor Wayne Wang bekam für Smoke u. a. den Silbernen Bären bei der Berlinale 1995. Im gleichen Jahr wurde Smoke mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet – als bester ausländischer Film.

Am Ende des Films gibt es einen „Film im Film“, der die Entstehung von Smoke erzählt, eine berührende Weihnachtsgeschichte: Der Schriftsteller Paul Benjamin (William Hurt) soll eine Kurzgeschichte zum Weihnachtsfest verfassen, hat aber keine Idee. Der Besitzer des Ladens, Auggie Wren (Harvey Keitel) erzählt ihm ein Erlebnis, das er vor Jahren am Weihnachtstag hatte. Im Abspann wird diese Erzählung filmisch dargestellt, untermalt von Tom Waits’ Innocent When You Dream.

Die Geschichte bewegt: Auggie verfolgt einen Ladendieb, der auf der Flucht seine Geldbörse fallen lässt. Die Familienfotos, die Auggie darin findet, rühren ihn so sehr, dass er beschließt, den Jungen am Weihnachtstag aufzusuchen, um ihm sein Portemonnaie zu bringen. Er trifft jedoch nur seine Großmutter an, die ihren Enkel erwartet. Die alte Frau ist blind und fragt den Gast, ob er ihr Enkel sei. Auggie schlüpft kurzerhand in die Rolle des Enkels und feiert mit der Großmutter des Diebs Weihnachten. Natürlich merkt sie, dass Auggie nicht ihr Enkel ist, aber sie spielt das Spiel mit, denn es macht sie glücklich. Am Ende schläft die Großmutter friedlich ein, für immer. Das letzte, das sie erlebt, ist ein Weihnachtsfest, mit einem Fremden, der ihr Nähe gibt.

Tatsächlich hatte Paul Auster (nicht Benjamin!), der später Wang beim Drehbuch half, am ersten Weihnachtstag 1990 in der New York Times einen Text mit dem Titel Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte veröffentlicht, die Wang las und zur Grundlage seines Filmprojekts machte. Wang nimmt Kontakt mit Auster auf und dieser erzählt ihm Geschichten über Brooklyn und seine Bewohner, die den Stoff der fünf Erzählstränge bilden. Die Hauptperson hatte Auster schon mit seiner (bzw. Auggie Wrens) Weihnachtsgeschichte kreiert, den warmherzigen Auggie, den, wenn man beginnt darüber nachzudenken, niemand anders spielen konnte als Harvey Keitel.

Zum anderen denke ich an Merry Christmas (2005), eine deutsch-britisch-französisch-belgisch-rumänische Co-Produktion, die 2006 als bester ausländischer Film Oscar und Golden Globe gewann. Der Film spielt im Ersten Weltkrieg, genauer: Weihnachten 1914, und beschreibt auf beeindruckende Art die Verbrüderung deutscher, britischer und französischer Soldaten an der Westfront. Merry Christmas gibt mit der Geschichte, die er erzählt, eine wahre Begebenheit wieder, auch wenn dies unglaublich erscheint. Doch die intensive Aufarbeitung der Feldpost – sie spielt deswegen auch im Film eine herausragende Rolle – und der Lebenserinnerungen einiger Veteranen – etwa des Tagebuchs von Leutnant Zehmisch, im zivilen Leben Studienrat am Gymnasium in Plauen – brachte die Wahrheit über die Weihnachtstage 1914 an diesem Abschnitt der Westfront zu Tage. Die Quellen bilden die Grundlage für Michael Jürgs Buch Der kleine Frieden im großen Krieg, auf dem das Drehbuch zu Merry Christmas basiert, das von Regisseur Christian Carion verfasst wurde.

Ein junger Schotte stürmt in die Kirche des besonnenen anglikanischen Priesters Palmer (Gary Lewis), läutet die Glocken und freut sich über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Sein stiller Bruder Jonathan (Steven Robertson) wird ihn ebenso an die Westfront begleiten wie der Priester, der sich als Sanitäter meldet. Mit einem Dudelsack unter dem Arm und einem Holzkreuz um den Hals zieht er in den Krieg und hofft, das körperliche und seelische Leid der Soldaten lindern zu können. Auch der Deutsche Nikolaus Sprink (Benno Fürmann), berühmter Tenor an der Berliner Oper, wird an die Westfront rekrutiert. Von nun an dient er unter Leutnant Horstmayer (Daniel Brühl), der ihn nicht leiden kann, weil er lieber Handwerker befehligt als Künstler. Nicht genug damit, dass Sprinks Karriere durch den Krieg jäh unterbrochen wird, auch bleibt seine Gesangspartnerin und Geliebte, die dänische Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger), in großer Sorge zurück. Zur gleichen Zeit nimmt der junge französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) letzte Anweisungen von seinem General (Bernard Le Coq) entgegen, der – wie der Zuschauer ahnt – ein naher Verwandter ist. Audebert steht schweren Herzens an der Front: Vor Monaten musste er seine hochschwangere Frau in den von den Deutschen besetzen Gebieten zurücklassen. Noch sehnlicher als einen schnellen Sieg wünscht er sich eine Nachricht von ihr. Zwischen der Schweizer Grenze und Flandern graben sich die drei Armeen im tiefen Schlamm ein und liefern sich erbitterte, verlustreiche Gefechte. Doch dann kommt die Weihnachtsnacht, Geschenke der Familien und der Oberbefehlshaber erreichen die französischen, britischen und deutschen Schützengräben und etwas Unfassbares geschieht. Der Tenor Sprink – von einem Kurzauftritt beim Kronprinzen Wilhelm (Thomas Schmauser) mit seiner Geliebten Anna an die Front zurückgekehrt – singt das bewegende Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“– und an der Westfront, an der vor kurzen noch der Kanonendonner grollte, wird es tatsächlich still. Erst zögernd und dann unaufhaltbar tauchen die verfeindeten Soldaten aus ihren Gräben auf und gehen aufeinander zu. Die Waffen werden niedergelegt. Französische, deutsche und schottische Soldaten, die gerade noch alles daran setzten, sich gegenseitig auszulöschen, steigen aus den Gefechtsständen, geben sich die Hand, tauschen Zigaretten und Schokolade, zeigen sich Fotos von ihren Familien und wünschen sich „Frohe Weihnachten“, „Joyeux Noël“, „Merry Christmas“. Sie trinken zusammen – jeder steuert sein Nationalgetränk bei: die Franzosen Champagner, die Schotten Whisky und die Deutschen Bier. Sie feiern zusammen einen Gottesdienst, begraben am folgenden Weihnachtsfeiertag gemeinsam ihre Toten und machen danach ein Fußballspiel. Kurzum: Sie bestätigen sich gegenseitig, trotz allem Mensch geblieben zu sein.

Doch nicht alle erreicht die friedliche Verbrüderungsstimmung, zu groß ist ihr Schmerz über den Verlust des Kameraden. Ganz besonders hart trifft es Jonathan, dessen kriegsbegeisterter Bruder kurz zuvor gefallen war. Jonathan ist verbittert und versucht, sich den Lebensmut zu bewahren, indem er seiner Mutter Briefe schreibt, in denen er ihr die reine Kriegsromantik ausmalt: Sein Bruder lebt in den Erzählungen weiter und das größte Problem der beiden ist die Schlacht um Mutters selbstgebackenen Kuchen. Auch bleibt die grausame Realität des Krieges immer präsent. Wenn aus anderen Frontabschnitten Artilleriefeuer zu hören ist, stehen die Soldaten angespannt beieinander. Klar ist, dass der „kleine Frieden im großen Krieg“ nicht mehr ist als eine Atempause.

Als schließlich die wunderbare Geschichte den jeweiligen Heeresleitungen bekannt wird, offenbart der Krieg sein grausames Gesicht. Auf allen Seiten zeigt sich Entsetzen über den „Verrat“ an der Heimat. Doch weiß diese, was „ihre“ Soldaten an der Front erleben? Diese Frage Audeberts steht stellvertretend für den auf allen Seiten gefühlten Verrat der Heimat an ihren Soldaten. Letztlich siegt die Autorität der militärischen Hierarchie: Die an der Fraternisierung beteiligten Offiziere werden suspendiert, degradiert und mit ihren Einheiten an noch unangenehmere Fronten geschickt. Doch die Einheit Horstmeyers, die im Zug an die Ostfront (Ziel: Tannenberg) leise ein britisches Soldatenlied summt, macht deutlich: Der Befehlston, so laut und aggressiv er auch sein mag, ist nicht die letzte und höchste Artikulationsform des Menschen.

Merry Christmas ist ein Weihnachtsfilm. Nicht nur, weil er an Weihnachten, sondern weil er mit Weihnachten spielt, d. h. mit dem wesentlichen Motiv des Weihnachtsfests, der Hoffnung auf einen neuen Anfang, an dessen Ende Frieden und Erlösung stehen. Denn die Menschen erhalten zu Weihnachten ihren Erlöser, ihren Retter, den Erneuerer des zerstörten Bundes zwischen Gott und Mensch, einen Friedensfürsten. Der Prophet Jesaja nennt das für Ende Dezember erwartete Baby den „Immanuel“, den „Gott mit uns“. Diese Prophezeiung ist so wichtig, so zentral, dass sie der Evangelist Matthäus aufnimmt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.“ (Mt 1, 23). Die Weissagung Jesajas vom Gott Israels, der Mensch wird, um „mit uns“ zu sein, deutet auf das Christentum, lange vor dem ersten Weihnachtsfest. Sie hat etwas Tröstliches, Befreiendes, Erlösendes: Wenn Gott „mit uns“ ist, wer kann dann schon gegen uns sein?

„Gott mit uns“, das stand auch auf den Gürtelschnallen der deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs (und später auch der Wehrmacht). Als am Weihnachtsfeiertag die Leichen im Niemandsland beerdigt werden und Priester Palmer seinen Segen über jedem Gefallenen spricht, entdeckt er an einem toten deutschen Soldaten die Losung „Gott mit uns“ und erkennt in ihr die ganze Perversion einer machtpolitisch gebeugten Religion. Er hatte in der Heiligen Nacht eine Messe gehalten, die – wie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil üblich – in lateinischer Sprache gefeiert wurde und sich an den gesamten Orbus Christianum richtete, an protestantische Preußen, katholische Franzosen und die Vertreter der anglikanischen Kirche aus Schottland. Die orthodoxen Russen an der Ostfront mag er in seinem Gebet mitbedacht haben. Von dieser Messe wird er später sagen, es sei die wichtigste seines Lebens gewesen. Und nun also beanspruchen die Deutschen den lieben Gott für sich allein, der doch für alle Menschen Mensch geworden ist.

Doch es sind nicht nur die Preußen, die in ihrem arroganten Starrsinn die Unendlichkeit Gottes in einer irdischen Provinz verorten. Später kommt es zur Konfrontation des sympathischen Priesters mit seinem Bischof, der mehr als General auftritt, denn als Hirte. Während der Bischof eine Hasspredigt hält, weiß Palmer nicht, ob er lachen oder weinen soll. Schließlich nimmt er das kleine Holzkreuz ab, küsst es und hängt es an einem Haken auf. Und sich? Der Film lässt sein Schicksal offen. Was er nicht offen lässt ist die Frage, zu welcher Seite sich Religion schlagen muss: zu jener der Versöhnung und des Friedens.

Merry Christmas kann an die großen Anti-Kriegsfilme der Kinogeschichte anknüpfen, etwa an die Verfilmungen von Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues (1930, 1979). Er geht bei allem Pathos nicht in Kitsch und Klischee auf, sondern erzählt engagiert eine Geschichte vom Frieden inmitten der Feindseligkeit. Wie damals, zu Weihnachten.

(Josef Bordat)

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