Karneval, geschlechtergerechter

19. Januar 2011


Es ist Karneval. Bevor die Session so richtig los geht, möchte ich aus der Perspektive der Geschlechtergerechtigkeit einige kritische Anmerkungen zum Liedgut machen, das voraussichtlich auch in dieser nunmehr beginnenden Karnevalssession 2011 zum Einsatz kommen wird und in dem die Frau als Frau im Allgemeinen und als Partnerin im Besonderen oft genug in unreflektierter Rezeption zur puren Stimmungsmache instrumentalisiert und inferiorisiert wird.

Ein Großteil der untersuchten Musikstücke beschäftigt sich insbesondere mit gesellschaftspolitisch eher randständigen Themen wie der Finanzkrise („Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld“), deren Bewältigung durch das subventionierte europäische Bankensystem („Die Karawane zieht weiter“), der zunehmend restriktiven Praxis baden-württembergischer Behörden in Fragen des Asylrechts („Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“) sowie der Beziehung von liberalem Bürgertum und restriktiver Staatsräson im Hinblick auf Justizvollzugsanstalten in der Volksrepublik China („Einer geht noch, einer geht noch rein“). Nur sehr fragmentarisch offenbaren sich die Anzeichen latenter Kulturkritik in Liedern wie „Jetz’ geht die Party richtig los“, „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ oder „Mensch“. Doch jede protorevolutionäre Regung kulminiert letztlich im Fatalismus („Ja, wenn das so ist, dann ,Prost’“).

Vereinzelt lassen zielgerichtete Anfragen an gustorische Präferenzen unter Einschluss spezifischer Voluntarität („Oh, la, la. Willst du eine Pizza?“) die Vermutung zu, es solle damit die Permanenz sympathetischer Geistesgemeinschaft angeregt werden („Äschte Fründe stonn zusamme’“), getragen vom Appell an die Gemütslage unbestimmter Kardial-Diminutive („Herzilein, du sollst nicht traurig sein“), der nicht selten in die Aufforderung zur singulären gemeinschaftlichen Flüssigkeitsaufnahme mündet („Drink doch eene mit“), oder aber in unzweideutige Transportationsofferten im Kontext des Strukturwandels innerhalb landwirtschaftlicher Produktionsbetriebe der Voralpenregion („Resi, I hol di mit’m Traktor ab“). Auch das wittgensteinsche Problem des Privatidioms wird sprachphilosophisch untersucht („Schantalle, mach dat Mäh mal Ei“).

Tendenziell überwiegt jedoch kontraemanzipatorisches Liedgut, was eine Fokussierung auf den Aspekt „Geschlechtergerechtigkeit“ im Rahmen des Karneval nahe legt.

Ganz besonders exponiert ein Dauerbrenner karnevalistischen Liedguts jede Session aufs Neue die zunehmend distinguierenden Verhältnisse unter den Konditionalitäten des Patriarchats, Bedingungen, die die Abhängigkeitsbeziehung der Frau vom Mann zementieren, der seine sozio-ökonomische Privilegiertheit schamlos ausnutzt: „Er hat ein knallrotes Gummiboot.“ Er, der Mann, ist im Besitz der Produktionsmittel. Er, der Mann, ist Inhaber des Mobilitätsmonopols: „Mit diesem Gummiboot fahr’n wir hinaus! / Er hat ein knallrotes Gummiboot / und erst im Abendrot kommen wir nach Haus!“ Es stellt sich die Frage: Mit welchem Recht fährt der Mann mit seinem unschuldigen Opfer „hinaus“, mit welchem Recht erfolgt die Rückkehr „erst im Abendrot“? Was ist dies anderes als romantisch verklärte Freiheitsberaubung unter den Bedingungen gesellschaftlich beförderter ökonomischer Differenz? Selbstverständlich beschränkt sich der Besitz des Mannes auf das zweckrational erforderliche Minimum: „Wir haben kein Segel und keinen Motor und keine Kombüse / Oh nein!“ – Kein Segel, kein Motor, keine Kombüse. Artefakte, welcher der weiblichen Begleitung in ihrer Zwangslage zumindest einen Rest an Menschenwürde ließen, sind nicht vorhanden. Die revolutionäre Reaktion ist in diesem Kontext nur zu verständlich („Oh nein!“). Sie ist das Wiedererwachen und Aufbegehren des antipatriarchalischen Pathos. In diesem „Oh nein!“ bündelt sich der Freiheitsdrang der unterdrückten Frau. Dieses „Oh nein!“ ist eine Absage an jede Form maskuliner Oppression. Doch letztlich verhallt dieser Schrei der Verzweiflung in den Abgründen der Männergesellschaft, denn es bleibt dabei: „Er hat ein knallrotes Gummiboot, / mit diesem Gummiboot fahr’n wir hinaus!“

Ein weiteres Beispiel besonders drastischer Ungerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter zeigt sich in einem Lied, das andeutet, wie tief bereits die hierarchisierte Sozialstruktur in Ritualen an und für sich zweckfreier Freizeitgestaltung verwurzelt ist: „Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter.“ Er im Tor, ich dahinter. Deutlicher ist das Rollenverhältnis selten auf den Punkt gebracht worden. Durch die dreimalige Wiederholung („im Tor, im Tor, im Tor“), die wie Hammerschläge auf die feminine Seele einwirken, wird die Feststellung „und ich dahinter“ dramatisch vorbereitet. Der Mann steht im Tor und damit gleichsam im Zentrum der Macht, die Frau bleibt dahinter verborgen und von jeder Partizipationsmöglichkeit prinzipiell ausgeschlossen. Das Spiel, um das es geht, findet ohne sie statt. Mehr noch: „Frühling, Sommer, Herbst und Winter bin ich nah bei meinem Schatz / auf dem Fußballplatz“. Der Mann wird als „Schatz“ verklärt, die Frau hat ihm permanent („Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter“) „nah“ zu sein, ganz gleich, an welch’ unwürdigen Stätten er sich aufhält („auf dem Fußballplatz“). Dass dies nur unter Aufgabe aller Minimalanforderungen an Geschlechtergerechtigkeit realisierbar ist, wird verschwiegen.

Doch nicht nur das ökonomische Gefälle oder die psychosozialen Interdependenzen des Freizeithabitus stabilisieren das Patriarchat, nein, es sind auch die in den familiären Strukturen über Generationen tradierten männlichen Vorstellungen zur Daseinsbewältigung, die Frauen einseitig festlegen. Dies kulminiert vor dem Hintergrund der kontemporären Anthropologie in einer subtilen Indoktrination hinsichtlich unterstellter genetischer Dispositionen, die angeblich geeignet seien, die patriarchalischen Abhängigkeitsverhältnisse biologistisch zu legitimieren: „Mein Vater war ein Wandersmann und mir steckt’s auch im Blut.“ – Die wehrlose Tochter ist prädeterminiert durch Leidenschaften des „Vaters“, ohne die Möglichkeit zu haben, eigene Strategien zur Verortung von Lebensinteressen zu entwickeln. Die Verzweiflung, die angesichts der ausweglosen Interdependenz nur zu verständlich ist, wird durch fatalistischen Zweckoptimismus zu überwinden versucht („D’rum wand’re ich froh“), der die Frau an die Grenzen ihrer Resistenzen führt („so lang ich kann“), gepaart mit übersprungshafter Kompensationsaffektivität („und schwenke meinen Hut.“). Im sich unmittelbar anschließenden Refrain zeigen sich erste Spuren eines beginnenden inneren Verfalls („Falderi, faldera“), der sich in bizarren Wahn steigert („Falderi, falderahahahaha“). Es wird klar: Die Tochter ist das a priori wehrlose Opfer der grausamen Methoden des penetranten „Vaters“, der sein Partikularinteresse am „Wandern“ ins „Blut“ seiner weiblichen Nachkommenschaft „steckt“. Es stellt sich angesichts dessen die Frage: Wo ist die Mutter des Opfers? Ist sie etwa – verzeihen Sie mir die polemische Note – „Wandersfrau“? Sicherlich nicht! Die Einseitigkeit manipulativer Edukationsansätze unter der falschen Prämisse genotypischer Realitäten und fragwürdiger epistemologischer Paradigmata ist offenkundig.

Die einzige Hoffnung, die mir angesichts dieses Befundes bleibt, ist die, das die Forschungsresultate der Gender-Studies endlich auch im karnevalistischen Liedgut Berücksichtigung finden. Diese Hoffnung ist nicht so illusorisch, wie die Analyse vermuten lässt. Es gibt einen Silberstreif am Horizont: „Scheißegal, scheißegal, ob de ’n Huhn bis’ oder ’n Hahn“. Ich denke, diese Einsicht wird sich durchsetzen.

Sonst wird sie durchgesetzt.

Helau und Alaaf!

Ihr Gleichmachungsbeauftragter

Josef Bordat

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