Mensch, Tier, Seele

11. März 2011


Ein Kommentar zu Benno Kirsch: Haben Tiere eine Seele?

1. Es ist richtig und wichtig, die Kirche vor allzu voreiligen Anschuldigungen in Schutz zu nehmen, zumal, wenn diese nicht stimmen. Das ist gerade im Zusammenhang mit ökologischen Fragen sehr oft der Fall, wie ich auch schon feststellen musste. Der Unkenntnis auf die Sprünge zu helfen, ist immer ein gutes Anliegen.

Andererseits zeugt es nicht unbedingt von Ignoranz gegenüber der kirchlichen Lehre und Tradition, wenn ein Bischof sagt, dass Tiere keine Seele haben. Das könnte nämlich auch an einem anderen Seelenbegriff liegen. Seele wird ja nicht (nur) als Empfindungsfähigkeit („sensitiva“) angesehen, sondern auch und vor allem als „Mitwissenschaft“ („conscientia“), ein Mitwissen an der Schöpfung selbst. Seele meint das Wissen davon, Geschöpf zu sein und darauf dem Schöpfer zu antworten – „conscientia“ bedeutet ja einerseits „Bewusstsein“ (das ist der epistemische Aspekt), andererseits aber auch „Gewissen“ (das ist der ethische Aspekt). Gewissen ist ohne Bewusstsein nicht möglich. In beidem steckt „Wissen“, was auf die Vernunft hinweist. Die gibt es nur beim Menschen. [Nota bene: Wenn Verhaltensforscher feststellen, dass sich Affen „moralisch“ verhalten (etwa, wenn sie Nahrung teilen), dann stellen sie eigentlich nur fest, dass sie sich äußerlich so verhalten wie wir, wenn wir uns moralisch verhalten (etwa, wenn wir Geld teilen, also: spenden). Was ja damit längst nicht gezeigt wird, ist, ob dem Verhalten die Einsicht in die moralische Notwendigkeit zugrunde liegt. Erst dann kommt bzw. käme die Vernunft ins Spiel.]

2. Ich persönlich sehe die Anstrengungen der Bio-Theologie mit gemischten Gefühlen: Mit Thomas von Aquin erkenne ich, dass Tiere leiden können, mit Franz von Assisi verbinde ich den Versuch, alles von Gott geschaffene (und damit von Gott geliebte) auch mit der eigenen Liebe zu umfangen, doch ich sehe die zunehmenden Nivellierungsvorsätze einer evolutionistischen Anthropologie sehr kritisch. Mit einer naturalistischen Sicht auf Welt und Mensch, welche „die“ Wissenschaft in ihrem Rücken wähnt, wird hier der – meiner Ansicht nach – prinzipielle Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier geleugnet – mit dramatischen Auswirkungen auf die Ethik; ich habe das vor einigen Wochen in einem Leserbrief beschrieben.

Die Gleichsetzung von „Natur des Menschen“ mit „Biologie des Menschen“ halte ich für einen schweren Fehler. Denn es erwächst aus ihr ein gravierender Angriff auf die Menschenwürde und die Menschenrechte – ironischerweise aus dem Motiv heraus, die Würde des Tiers zu schützen und die Rechte des Tieres zu stärken. Dazu habe ich an verschiedenen Stellen schon einige Gedanken geäußert – derzeit bemühe ich mich, diesen Zusammenhang in einem Artikel darzustellen, der dann hier erscheinen wird.

Das weite Ausgreifen der Biologie, die sich selbst als Leitwissenschaft versteht und ein anthropologisches Deutungsmonopol beansprucht, kann philosophisch nicht überzeugen, da die in Rahmen der Ergründung des Menschen angesprochene Ontologie – nach Christian Wolff die „Grund-Wissenschaft“ – metaphysische, nicht naturwissenschaftliche Fragen aufwirft. Entsprechend verlangen die Antworten nach einer Methodik, die nicht die Perspektive verengt, sondern weitet. Das naturwissenschaftliche „Erklären“ kann ein geisteswissenschaftliches „Verstehen“ ergänzen, aber nicht ersetzen. Zu meinen, mit einer biologischen Erklärung bereits alles verstanden zu haben, was es über den Menschen zu verstehen gibt (einschließlich seiner Religiosität) ist ein Brachialreduktionismus, dem tatsächlich nicht begegnet werden kann, weil die Argumente dafür ja gerade auf methodische Mittel angewiesen sind, die im Biologismus keinen Platz haben. – Insoweit stimme ich Benno Kirsch zu.

3. Dass Benno Kirsch beherzt und kenntnisreich für die Kirche argumentiert, freut mich. Seine Darstellung überzeugt mich weitgehend; eingeschränkt ist meine Zustimmung hinsichtlich des etwas leichtfertigen Umgangs mit dem Begriff „Seele“. Im Text wird die Diskussion des Seelenbegriffs nur angerissen. Es wäre aber wichtig, diese (nicht unbedingt neue) Diskussion unter dem neuen Gesichtspunkt zu führen, denn offenbar wird in Theologie und Kirche, in Theorie und Praxis das Wort „Seele“ nicht immer äquivok verwendet. Es ist im Rahmen der dafür zweckdienlichen Metaphysik dringend nötig zu klären, was „Seele“ bedeuten soll, wenn wir einerseits Menschen, andererseits auch Tieren eine „Seele“ zusprechen, um danach die – meiner Meinung nach unüberwindlichen, weil wesentlichen – ontologischen Differenzen zu erkennen und das Mensch-Tier-Verhältnis soteriologisch bzw. eschatologisch richtig zu deuten (Anschlussfrage: „Kommen Tiere in dem Himmel?“, also: Was bedeutet Ewiges Leben – für die „Menschen-Seele“ und die „Tier-Seele“? Was bedeutet dann der zentrale Glaubensgrund des Christentums: Auferstehung?).

Bleibt mir abschließend, Benno Kirsch meinen Dank zu sagen für die Mühe, die er sich gemacht hat und für die freundliche Erlaubnis, den Text hier zu veröffentlichen! – Weitere Stellungnahmen können gerne in der für Jobo72’s Weblog üblichen Art und Weise übermittelt werden.

Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auf eine weiterführende Stellungnahme von Alipius hin, an die sich eine beachtenswerte Diskussion anschließt. Auch Akatair hat sich mittlerweile ausführlich zu dem Thema geäußert.

(Josef Bordat)

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