Das Kruzifix vor Gericht

18. März 2011


Schon wieder wird über das Kruzifix im Klassenzimmer (und damit über die Frage, was Religionsfreiheit bedeutet: Freiheit von Religionsausübung oder Freiheit zur Religionsausübung) vor Gericht gestritten, diesmal an ziemlich hoher Stelle: vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Da sich die Argumente und Stereotype sowie das allgemeine Unverständnis hinsichtlich der im christlichen Glauben gewandelten Bedeutung des Kruzifix‘ (vom Symbol des Leides und des Todes zum Zeichen des Heils und des Lebens) nebst ideengeschichtlichen Fehleinschätzungen (wie der, dass sich das Gedankengut der Aufklärung nicht etwa aus dem Christentum entwickelt hat, sondern in einem Gegensatz dazu gedacht werden müsse; zu diesem Missverständnis gehört dann auch, dass Humanismus und Christentum scharf voneinander abgegrenzt werden, so als habe es keinen christlichen Humanismus gegeben, aus dem heraus erst in jüngster Vergangenheit ein Humanismus entstanden ist, der sich nicht mehr als christlich versteht – ob er noch human ist, kann ich hier jetzt nicht diskutieren) – da sich dies alles in den Debatten zu Online-Kommentaren und in den einschlägigen Foren penetrant wiederholt (neu ist allenfalls, dass jetzt ab und zu auf die Missbrauchsthematik angespielt wird, die für einige Menschen offenbar hinsichtlich der Frage nach dem Wesen der Religionsfreiheit entscheidungsleitende Relevanz besitzt), nehme ich mir ebenfalls das ressourcenschonende Recht, auf bestehende Abhandlungen und Diskussionen zu verweisen.

Vor Jahresfrist hatte ich an anderer Stelle einen Kommentar zum Thema geschrieben, der von Stefan Ehrhardt in seinem Weblog Zeit zu beten mit Thesen von Jan Philipp Reemtsma kontrastiert und sehr kritisch diskutiert wurde. Ich hatte seinerzeit im dortigen Kommentarbereich einige Erläuterungen zu meiner Intention ergänzt. In der Gesamtschau ergibt sich vielleicht ein rundes Bild meiner Position, ohne dass ich meinte, diese sei der Weisheit letzter (oder auch nur vorläufiger) Schluss; gerade in der Frage nach dem Verhältnis des historisierten Christentums (als Kulturgut, christliches Abendland: „Wir sind christlicher Prägung.“) und dem persönlichen Christentum (als Glaubensgut, christliches Bekenntnis: „Ich bin Christ.“) sowie dem daraus resultierenden Anspruch auf öffentliche Repräsentation (historisiert heißt ja nicht „historisch“ und persönlich nicht „privat“), bin ich noch zu keinem abschließenden Urteil gelangt, das nicht nur meiner Haltung als katholischem Christen entspricht, der das Kruzifix und das Kreuz als Zeichen von Glaube, Hoffnung und Liebe höchst wertschätzt, sondern auch unserer religiös und weltanschaulich immer stärker zersplitterten Gesellschaft zumutbar ist (denn in einem haben die Kläger Recht: Das Kruzifix/Kreuz ist eine Zumutung, insoweit, als angesichts des Kruzifix’/Kreuzes eine Entscheidung fallen muss.).

Vielleicht gibt es hierzu noch erhellende Stellungnahmen aus der Blogozese. Das würde mich freuen.

(Josef Bordat)

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