Neue Sicht auf Schöpfung und Evolution

17. Mai 2011


Der Theologe Hans Kessler argumentiert in seinem 2010 in dritter Auflage bei Butzon & Bercker (Kevelaer) erschienenen Buch „Evolution und Schöpfung in neuer Sicht“ überzeugend für eine Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion.

Hans Kessler unternimmt den Versuch, Naturwissenschaft und Religion als aufeinander angewiesen zu begreifen und miteinander ins Gespräch zu bringen, in einen echten Dialog, der disziplinäre Grenzen behutsam zu überwinden versucht, ohne in kulturimperialistischer Weise den Beitrag der jeweils anderen Art, die Welt zu sehen, missachtet.

Dieser Dialog ist bekanntlich ein Lebensthema Papst Benedikts XVI., der zu der Kontroverse um Schöpfung und Evolution vielfach Stellung bezogen hat. Seine Position fasst der Heilige Vater wie folgt zusammen: „Ich sehe, daß zur Zeit in Deutschland, aber auch in den Vereinigten Staaten, eine recht erbitterte Debatte geführt wird über den sogenannten Kreationismus auf der einen und den Evolutionismus auf der anderen Seite, die als einander ausschließende Alternativen dargelegt werden: Wer an den Schöpfer glaubt, müsse die Evolution ablehnen, und wer dagegen die Evolution befürwortet, müsse Gott ausschließen. Diese Gegenüberstellung ist absurd, denn einerseits gibt es viele wissenschaftliche Beweise für eine Evolution. Sie zeigt sich als Realität, die wir erkennen müssen und die unser Wissen in Bezug auf das Leben und das Sein als solches bereichert. Aber die Evolutionslehre beantwortet nicht alle Fragen, und sie beantwortet vor allem nicht die große philosophische Frage: Woher kommt alles? Und wie entwickelt sich schließlich alles zum Menschen hin?“ Gerade die letzte Frage ist spannend: Wie kann die erkennbare teleologische Ausrichtung (die „Höherentwicklung“) hinreichend durch einen an sich zweckfreien Naturprozess erklärt werden?

Einen wichtigen Beitrag zur Diskussion dieser Fragen hat schon 2009 Christian Kummer geleistet. Der Jesuit hat Theologie, Philosophie und Biologie studiert und ist daher für die Fragen rund um Schöpfung und Evolution ein kompetenter Ansprechpartner. Er leitet das Institut für naturwissenschaftliche Grenzfragen zur Philosophie und Theologie. In seinem Buch „Der Fall Darwin. Evolutionstheorie contra Schöpfungsglaube“ (erschienen in der Verlagsgruppe Droemer Knaur, München) zeigt Kummer, dass die Idee eines Schöpfergottes kein Widerspruch zur Evolutionstheorie ist, wenn man den Begriff der Schöpfung richtig deutet. Die Furcht der einen, die Hoffnung der anderen, sie sind unbegründet, denn: Darwin und Gott schließen einander nicht aus.

Ganz ähnlich argumentiert der Theologe Hans Kessler in „Evolution und Schöpfung in neuer Sicht“. Dort findet man zunächst eine ernsthafte und knappe Auseinandersetzung mit den Spitzen des szientistischen Darwininismus, die einen guten Überblick über grundlegende Muster der an Fakten und Argumenten unzureichenden Auseinandersetzung mit Schöpfung im Besonderen und Religion im Allgemeinen verschafft. Dazu wird der Begriff des christlichen Schöpfergottes ausführlich und verständlich erklärt: Gott ist der überpersonale Urgrund allen Seins, kein Anfang einer innerweltlichen Kausalkette. Gott ist kein objekthaftes übernatürliches Wesen außerhalb von Raum und Zeit, kein im Himmel (lokal verstanden) thronender Übervater, der die Welt „gemacht“ hat, sondern ein allgegenwärtiges Sein, das sich zugleich in Differenz (nicht Distanz) und in Einheit (nicht Gleichheit) zum Sein der Welt verhält. Alle Vorstellungen von Gott seien, so Kessler, in gewisser Weise hilflose Krücken, nicht aber der Glaube an Gott. Jede Rede von Gott bedeutet, das Unsagbare zu sagen, und Begriffe unserer Vorstellungswelt als Metaphern zu benutzen, um sich Gott zu nähern, obgleich das Scheitern dieses Unterfangens geradezu konstitutiv zum Gottesglauben gehöre.

In seiner theologischen Aufklärung über einen Gott, der „macht, dass sich die Dinge selber machen“ (Teilhard de Chardin), zeigt sich eine große Diskrepanz zum Zerrbild des „begrenzten Lückenbüßers“, der „die Dinge selber macht“, an das sich einerseits Kreationisten klammern, das andererseits (ironischerweise) von einigen Evolutionisten übernommen wird und dazu dienen soll, jeden Glauben an Schöpfung (und an Gott) bequem zu diskreditieren und als „überwunden“ zu deklarieren, sobald gewisse Erklärungslücken naturwissenschaftlich als geschlossen angesehen werden können. Hier wie dort dient ein fragwürdiges Gottesbild dazu, einen Konflikt zu befeuern, der gar nicht da ist. Nur weil der Schöpfergott als Karikatur vorgestellt wird und die Differenz von Bild und Sache, von Vorstellung und Wahrheit, von metaphorischem Verweis und dem Verwiesenen verschwimmt, ist es beiden Extrema möglich, die Evolutionstheorie als „atheistisch“ auszuweisen, mal, um religiöse Menschen auf die kritiklose Annahme exegetisch unhinterfragter biblizistischer Schöpfungsideen einzuschwören, mal, um jeden Schöpfungsgläubigen pauschal einer wissenschaftlich unredlichen Weltanschauung zu bezichtigen.

Gegen diesen Konflikt schreibt Kessler sein Buch. In seiner theologischen Begründung für die Vereinbarkeit von Schöpfung und Evolution holt er weit aus. Es sei zunächst wichtig zu wissen, so Kessler, dass unsere Sprache ungeeignet ist für eine Annäherung an den christlichen Gott (schon weil sie grammatisch die Pluralbildung („Götter“) zulässt, die gleichwohl sinnlos wird, wenn man Gott als Urgrund allen Seins denkt) und weil unser begrenztes Denken auf eine Vergegenständlichung angewiesen ist, die das Missverständnis schon in sich trägt. Die Möglichkeit der Gotteserfahrung gibt es nur im Schweigen und unter Aufgabe aller Gegenständlichkeit. Diese jahrhundertealte Erkenntnis der mittelalterlichen Kontemplationsmystik, die hier in einen Kontext zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft im 21. Jahrhundert gestellt wird, mache Gott noch am ehesten zu einem „um uns und in uns schwingendem unfasslichen Du“.

Kessler grenzt den christlichen Schöpfungsglauben von Materialismus, Pantheismus, Dualismus und Deismus ab – dabei immer wieder auf das grundlegende Missverständnis im Gottesbild zurückkommend: Christlicher Schöpfungsglaube ist nicht ein immer weiter zurückgedrängter Mythos innerhalb der wissenschaftlichen Forschung, sondern eine bestimmte Perspektive auf die wissenschaftlich ergründete Welt. Gott, so Kessler, ein Bild Robert Spaemanns aufgreifend, sei der Projektor, der den Film ausstrahlt. Zu erwarten, dass der Projektor selbst im Film vorkommt, sei absurd.

Evolution hingegen sei eine Realität. Der Gedanke einer sich im andauernden Entwicklungsprozess befindlichen Welt bekommt in der christlichen Schöpfungsvorstellung einen Eigenwert, den Teilhard in die Formel fasste, Gott mache, dass „die Dinge sich selber machen“, was den von Kessler zitierten Kummer zu der treffenden Bemerkung veranlasst: „Erst dann entstehen keine Kreaturen oder Kreationen mehr, sondern wirkliche Geschöpfe, die dadurch sind, was sie sind.“

Evolution könne nach Kessler als Prozess angesehen werden, der auf Schöpfung basiert. Gott ist darin gleichsam kein Künstler, sondern Urheber der Künste, ja, sogar, wie wiederum der zitierte Kummer bemerkt, „Urheber von Kreativität“ schlechthin. Doch: Ist das nicht gerade der abstrakte „Rückzugs-Gott“ des Deismus – und damit ein unchristliches Gottesbild? Kessler verweist in dieser Frage zunächst darauf, dass der christliche Schöpfungsglaube Eingriffe Gottes in die Evolution für denkbar hält und sie in der kontinuierlich fortdauernden Perpetuenz von Schöpfung und Evolution auch jetzt noch stattfinden, freilich nicht unmittelbar und (wissenschaftlich) aufzuweisen, sondern als „uneigentliches Wirken“ im Verborgenen bleibend. Ferner darauf, dass der Schöpfungsglaube von einem „Ziel“ spreche, das durch die Höherentwicklung in der Naturgeschichte nicht unplausibel ist, und schließlich darauf, dass Gott mit seiner Schöpfung die Entwicklung bejaht, weil er den Menschen liebt; auch hier zeigten sich Spuren dieser Liebe in der Evolution, etwa in der menschlichen Moralität. Und schließlich gebe es – zumindest nach christlicher Überzeugung – einen erkennbaren Eingriff Gottes in den Weltlauf: seine Menschwerdung in Jesus Christus, den „Omegapunkt“ (Teilhard), mit dem Gott der Schöpfung das Ziel des Evolutionsprozesses offenbart.

Schließlich stellt Kessler die Theodizeeproblematik, den „Fels des Atheismus“ (Georg Büchner), auf den Kopf und fragt sinngemäß, wie man angesichts der Übel in der Welt nicht an Gott glauben kann, an Gott, der das unerfüllte Sinnverlangen, in dem bereits die Plausibilität durchscheint, von einer Existenz Gottes auszugehen ( auch hier nimmt er einen Gedanken Spaemanns auf, nämlich den, dass Sehnsucht und Glaubenspraxis ein Hinweis auf die Existenz Gottes sind, so wie Durst ein Hinweis auf die Existenz von Wasser ist), in der Vollendung kompensiert. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit für alle Menschen aufzugeben, gleich welches Leben sie lebten und welchen Tod sie starben, sei „Verrat an der menschlichen Vernunft“.

Eine beeindruckende Darstellung. Besonders wertvoll: Kessler schreibt sehr aufschlussreich, was Darwin selbst über das aus seiner Theorie erwachsende Verhältnis von Schöpfung und Evolution, Kultur und Natur, Gott und Welt dachte: Darwin würde sich im Grabe umdrehen, wüsste er, dass auf dem Rücken seiner Evolutionstheorie ein Kampf der Weltbilder stattfindet, hielt er selbst (wie viele andere Evolutionsforscher nach ihm auch) den Schöpfungsglauben sehr wohl für mit seiner Theorie vereinbar, welche die religiöse Frage nach dem „Warum?“ der Evolution sinnvoller Weise gar nicht zum Gegenstand erhebt.

(Josef Bordat)

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