Gedanken über Gedankenexperimente

8. Juni 2011


Im Vorfeld der PID-Abstimmung im Deutschen Bundestag fragte das Christliche Medienmagazin PRO (21/2011) die Bundesfamilienministerin Kristina Schöder, die vor einiger Zeit noch PID-Gegnerin war, warum sie nun gegen ein vollständiges PID-Verbot votieren wird. Sie antwortete, dass ein Gedankenexperiment für ihren Sinneswandel ausschlaggebend war: „Dabei geht es um die Frage, ob man aus einem brennenden Krankenhaus entweder 20 Embryonen in Petrischalen oder einen einzigen Säugling retten würde. Nicht immer liegt man mit seiner Intuition richtig, aber wer befruchtete Eizellen für vollwertige Menschen hält, der müsste die Auffassung vertreten, dass es ethisch richtig wäre, den Säugling liegen zu lassen und die befruchteten Eizellen zu retten.“ – Es ist die Frage, ob er das müsste. Vor allem ist die Frage, was das mit der PID zu tun hat. Doch der Reihe nach.

1. Zum Sinn von Gedankenexperimenten

Gedankenexperimente sind sehr beliebt in der Philosophie. Mit ihnen spitzt man ethische Fragen zu, die uns im Extremfall vor eine Dilemmasituation stellen können (etwa die „Rettungsfolter“), aus der es keinen wirklich guten Ausweg gibt. Zu diesem Zweck werden hypothetische Dilemmata entworfen (je drastischer, desto besser), um diese Situationen zu simulieren. Solche Entscheidungsprobleme gibt es wirklich, doch sind sie in der Praxis eher selten. Ein Mensch wird in 99 von 100 Situationen das moralisch Richtige tun, wenn er seinem Gewissen folgt, Metanormen wie die Goldene Regel beachtet und insgesamt nach Kräften bemüht ist, sich in andere Menschen einzufühlen. Wenn wir unmoralisch handeln, dann meist nicht aus einem Dilemma heraus, sondern aus Willensschwäche, Bequemlichkeit, Egoismus, Geltungssucht usw.

Ich halte daher die in ihrem schlichten, glasklaren Entweder-Oder-Design „einleuchtenden“ Gedankenexperimente für weit überschätzt, wenn es um die theoretische Grundlegung einer alltagstauglichen Moral geht (und genau das soll die Ethik ja leisten). Die Wirklichkeit ist viel komplizierter als das vom Gedankenexperiment modellierte Dilemma erahnen lässt. Gedankenexperimente sagen schließlich mehr über unsere Vorstellungskraft und deren Grenzen aus als über die moralische Wahrheit, die es im komplexen System „Wirklichkeit“ zu suchen gilt.

2. Konsequentialismus

Gedankenexperimente mit Dilemmasituationen unterstellen eine konsequentialistische Ethik, ohne die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, erkennbar zu machen. Sie arbeiten mit der erwarteten Projektion des Verhaltens auf die (nach dem Design des Dilemmas eindeutigen und sicher eintretenden) Handlungsfolgen, ohne zu problematisieren, dass diese in wirklichen (regelmäßig weit komplexeren) Situationen gar nicht so eindeutig vorherzusehen sind.

Ein Kritiker konsequentialistischer Argumente in der Moraltheorie ist Robert Spaemann, der zunächst mal eine gute Frage stellt, die im Gedankenexperiment immer schon als beantwortet vorausgesetzt wird: Habe ich eigentlich die Verantwortung für den Zustand, der durch mein Unterlassen eintritt? Beim Handeln ist das klar, aber beim Unterlassen? Das ist eine für die Praxis viel wichtigere Frage, weil und soweit es eben darum geht, mit seinen Handlungen das eigene als integer empfundene Selbstbild (die „Gesinnung“) herauszufordern.

3. Intuition, Emotion, Rationalität

Längst hat sich die Moralpsychologie des Gedankenexperiments bemächtigt und will damit die Kraft der Intuition aufweisen. Die Soziobiologie wiederum meint, aus den kulturübergreifend weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen bei der Lösung von ethischen Dilemmata die Existenz eines moralischen Instinkts ableiten zu können. Vor dieser Reduktion der Moralität auf Instinkt und Intuition ist dringend zu warnen. Gefühle und Ahnungen sind wichtige Hinweisgeber, sollten aber nicht das letzte Wort haben. Sie zeigen unsere Neigung, unser „Bauchgefühl“, sagen aber noch nichts über deren Relevanz für die moralische Wahrheit, bei deren Suche auch die Vernunft eine Rolle spielen sollte.

Wichtig ist es daher, zu einer reflektierten Entscheidung zu kommen. In der Dilemmasituation des Gedankenexperiments, in der „spontan“ eine Entscheidung getroffen werden muss (das tatsächliche Handeln in einer realen Situation bleibt bei einer solchen „Simulation“ ohnehin ungewiss), wird die Vernunft vom Gefühl überlagert, von einer Intuition, die sicher im Gewissen wurzelt, der aber eine rationale Flankierung zu wünschen wäre, wie sie ihrerseits wiederum Teil der Gewissensbildung ist, die auch normative Vorgaben aufnehmen kann (der Gewissensgebrauch ist zwar eine höchstpersönliche Angelegenheit, aber keine, die rein subjektivistisch zu bestellen ist). Denn nicht immer ist der erste Ratschluss „aus dem Bauch heraus“ der, mit dem man wirklich dauerhaft leben will. Und schon gar nicht der, den man nach Bedenken aller Gründe als den richtigen ansieht (von „wahr“ will ich gar nicht sprechen – die Wahrheit sitzt viel tiefer und verbirgt sich unter dicken Schichten von Gefühlen, Meinungen und Stimmungen).

So sollte nach der intensiven und informierten Reflexion des besagten Gedankenexperiments die ontologische Qualität stärker binden als die Morphologie, obwohl wir uns emotional viel stärker zu etwas hingezogen fühlen, das nicht nur ein Mensch ist, sondern auch aussieht wie ein Mensch. Entscheidend ist das Sein, nicht der Schein. Rein rational betrachtet können wir bei Gleichheit des Seins keine Unterschiede machen – wie auch der Gesetzgeber an höchster Stelle die Möglichkeit einer Abstufung des Lebens und damit des Lebensrechts verneint.

4. Zweifelhafte Zuschreibung, fehlerhafte Schlussfolgerung

Schließlich stellt sich damit die Frage, was das Gedankenexperiment, das Kristina Schröder zitiert, eigentlich mit der PID zu tun hat. Bei dieser Technik geht es um die Ermöglichung von Selektion menschlichen Lebens unter der Maßgabe bestimmter Kriterien. Der Mensch wird damit zum Richter über „lebenswertes“ und „lebensunwertes“ menschliches Leben – das ist das ethische Hauptproblem der PID. Und dass es sich bei den Embryos um menschliches Leben handelt, dürfte nun wirklich nicht umstritten sein. Letztlich wird es ja auch im Gedankenexperiment unterstellt, denn sonst gäbe es ja keine Dilemmasituation, wenn sich Embryo und Baby nicht irgendwie auf eine moralische Stufe stellen ließen. Übrigens wäre offenbar keine Dilemmasituation gegeben, ginge es um „(Menschen-)Baby versus 20 Schimpansen“. Wer, bitte schön, würde das Baby sterben lassen, um 20 Affen zu retten? Gut, wir kennen die Antwort, doch der Rest der Menschheit sieht hier wohl kein großes ethisches Problem. Sagt uns das jetzt irgendwas über die moralische Notwendigkeit des Tierschutzes? Eben!

Falsch ist in jedem Fall die Schlussfolgerung Kristina Schröders, dass jemand, der einem Embryo Menschsein zubilligt, auch sagen müsste, dass es ethisch richtig wäre, den Säugling liegen zu lassen und die befruchteten Eizellen zu retten. Das Gedankenexperiment verführt in seinem Entweder-Oder-Design zu dieser Schlussfolgerung. Doch Moral ist mehr als es diese Bipolarität nahe legt – und eine kluge Ethik muss darauf hinweisen. Man kann nämlich auch zu dem Schluss kommen, dass wir – beeinflusst vom Geschrei des Babys und seiner menschlichen Gestalt – nicht anders können als dieses zu retten und damit die Embryos „opfern“ müssten, dass wir uns aber im Klaren darüber sind und bleiben, dass dieses Opfer ethisch so falsch ist, wie es richtig ist, das Leben von Babys zu retten. Wie gesagt: Beim Dilemma gibt es keinen guten Ausweg. Man kann das eine tun wollen und im gleichen Augenblick bedauern, das andere deswegen lassen zu müssen.

5. Fazit: Viel Lärm um Irreführendes

Für die Frage der Moralität der Alltagspraxis, die keine rein intuitiv-emotionale Angelegenheit ist, ist das Gedankenexperiment nicht zielführend. Für die Frage, ob Embryos Menschen sind, ist das Gedankenexperiment unbrauchbar. Und mit dem ethischen Problem der PID hat es gleich gar nichts zu tun.

Kristina Schröder ist zudem der Ansicht, ihre Haltung – meines Erachtens das tragische Ergebnis einer irreführenden Anwendung von Gedankenexperimenten – lasse sich mit ihrem christlichen Glauben vereinbaren. Das ist eine andere Frage (die ich verneine), doch abgesehen davon rate ich ihr dringend, sich von den Eingebungen, die durch Gedankenexperimente provoziert werden, welche den Kern des moralphilosophischen Problems völlig verfehlen, nicht in ihrer Entscheidung beeinflussen zu lassen.

Bei allem Respekt vor der persönlichen Gewissensentscheidung der Bundesfamilienministerin: Sie trägt dabei keine guten Gründe vor. Das erste ist bedauerlich. Das zweite noch viel mehr.

(Josef Bordat)

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