Philosophie und Literatur in Lateinamerika

13. Juni 2011


Wer sich im Zusammenhang mit der Geschichte und Gegenwart der Philosophie und Literatur in Lateinamerika einen Überblick verschaffen will, dem seien zwei ausgesprochen kenntnisreiche Bücher von Heinz Krumpel empfohlen, die in der Thematik für eine erste Orientierung sorgen: Aufklärung und Romantik in Lateinamerika (2004) sowie Philosophie und Literatur in Lateinamerika. 20. Jahrhundert (2006), beide im Peter Lang Verlag (Frankfurt a.M.) erschienen, in der Reihe „Wiener Arbeiten zur Philosophie“. Untertitelt sind sie jeweils mit: „Ein Beitrag zu Identität, Vergleich und Wechselwirkung zwischen lateinamerikanischem und europäischem Denken“. Damit schließt Krumpel an seine drei einschlägigen Bücher aus den 1990er Jahren an –Die deutsche Philosophie in Mexiko. Ein Beitrag zur interkulturellen Verständigung seit Alexander von Humboldt (1999), Notas Introductorias a la Filosofía Clásica Alemana (1995) und Philosophie in Lateinamerika. Grundzüge ihrer Entwicklung (1992).

In Aufklärung und Romantik in Lateinamerika geht es zunächst um die Aneignung europäischer Denktraditionen, welche die Philosophie Lateinamerikas beeinflussten und zu den weltweit wahrgenommenen Strömungen der Befreiungsphilosophie und -theologie maßgeblich beitrugen. Der Begriff der Aufklärung wird über die Jesuiten in Lateinamerika bekannt und bleibt – bis heute – in der scholastisch-metaphysischen Tradition eingebettet. Die Aufklärung vollzog sich in Lateinamerika nicht wie beispielsweise in Frankreich vornehmlich als Religionskritik und Emanzipation von Klerus und Kirche, sondern als Aufklärung mit Gott. Die Romantik wird in der Neuen Welt rasch aufgegriffen, insbesondere in ihrem Bezug zur Identitätsphilosophie (Fichte, Schelling) und zum „Sturm und Drang“ (Herder, Schlegel, Jacobi, Schiller und Goethe), werden doch dort die großen Themen der lateinamerikanischen Philosophie adressiert, die Frage nach der eigenen Identität und die Frage nach den Bedingungen einer besseren Zukunft.

Krumpel schildert, wie zunächst die Philosophie der Aufklärung und später die der Romantik antikoloniale Kraft entfalten konnte. Die politischen Ideen vom freien Volk und einer republikanischen Staatsorganisation wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begierig aufgesogen und breiteten sich aus wie ein Lauffeuer. Zeitschriften, welche die Ideen popularisierten, fanden große Verbreitung – so wie in Europa, bloß ein halbes Jahrhundert später. Wichtig waren u. a. der „Mercurio Peruano“ (1791-1795) und die „Gazeta de Literatura de México“ (1788-1795). Damit, so Krempel, trug die Aufklärung maßgeblich zur Vorbereitung des Zusammenbruchs der Kolonialherrschaft bei: „Sie förderte das Heranreifen einer gesamtgesellschaftlichen Krise, in deren Verlauf eine Situation entstand, in der die unteren Schichten nicht mehr wollten und die oben Regierenden nicht mehr konnten.“

Philosophiehistorisch bereitete die Aufklärungsliteratur der liberalen Bewegung der Romantik und dem in Lateinamerika prominent vertretenen Positivismus den Boden. Während dabei zunächst der Einfluss der englischen und französischen Aufklärung spürbar ist, verweist Krumpel auf den deutschen Beitrag zur lateinamerikanischen Aufklärung: Die Forschungsreise des Alexander von Humboldt (1799-1804) und eine auf Karl Christian Friedrich Krause, einen Schüler Kants, zurückgehende Reformbewegung, den Krausismo.

Insgesamt belegt Krumpel eindrucksvoll den Wissenstransfer zwischen Europa und Lateinamerika und macht deutlich, wie europäische Ideen in Lateinamerika auf dem historischen Hintergrund eines mythologisch und metaphysisch-theologisch geprägten kulturellen Umfelds rezipiert werden. Diese Aneignungs- und Verwandlungsprozesse der europäischen Aufklärung und Romantik sind von dem Bemühen geprägt, einen authentischen Stil zu entwickeln. Der partikuläre Charakter der lateinamerikanischen Kontextualität zeigt sich dabei insbesondere in der Sprache, in typischen indianischen, afro-amerikanischen und mestizischen Ausdrucksformen.

In Philosophie und Literatur in Lateinamerika – 20. Jahrhundert werden Strömungen der lateinamerikanischen Gegenwartsphilosophie und -literatur untersucht, wiederum mit dem Blick auf ihre europäischen Wurzeln. Doch hier werden auch vermehrt die Rückwirkungen erkennbar: Blieb die Philosophie und Literatur aus Lateinamerika im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts weitgehend unbeachtet, erfreut sie sich im 20. Jahrhundert, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, einer wachsenden Beliebtheit in Europa. Autorinnen und Autoren wie Octavio Paz (Mexiko), Isabel Allende und Pablo Neruda (Chile), Jose Luis Borges (Argentinien), Gabriel García Márquez (Kolumbien) und Mario Vargas Llosa (Peru) sind weltberühmt.

Doch die Auswahl der Namen zeigt schon: Es muss differenziert werden. Denn ist die lateinamerikanische Literatur mittlerweile in Europa nicht nur populär, sondern auch geachtet, so gilt dies nicht in gleichem Maße für die Philosophie. Kurse zur lateinamerikanischen Philosophie werden an den Hochschulen kaum angeboten, lateinamerikanische Philosophen sind weitgehend ungekannt. Dennoch ist es sinnvoll, die beiden verwandten kulturellen Praktiken des Denkens und Dichtens mit dem Blick auf Lateinamerika im 20. Jahrhundert zusammen zu behandeln, verfolgen sie doch in der Hauptsache ein gemeinsames Ziel: die Klärung der lateinamerikanischen Identität.

Diese Klärung geschieht zunächst in Abgrenzung zur europäischen Identitätsphilosophie, die in ihrem Zentrum-Peripherie-Denken den Anderen nicht berücksichtige, wie der mexikanische Philosoph Leopoldo Zea herausstellt. Dies verweist auf die Problematik von Universalität auf der einen und Partikularität, Pluralismus und Relativismus auf der anderen Seite der philosophischen Deutung des Menschen und der Gesellschaft im Spannungsfeld von Individuum und Gemeinschaft.

In fünf Schritten erschließt Krumpel das Thema. Zunächst wird das Verhältnis von Philosophie und Literatur bzw. Dichtung bestimmt und ein Überblick zu philosophischen Strömungen in Lateinamerika gegeben. Mit der Darstellung der Vermittlungslinien zwischen Europa und Lateinamerika, der Grundzüge des romantischen Bewusstseins, des sozialkritischen Denkens und des Kerndiskurs um die Identität im Spiegel der Kolonialvergangenheit greift der Autor dabei auf die Ergebnisse der philosophiehistorischen Monographie aus 2004 zurück. Sodann werden am Beispiel Mexikos (Octavio Paz, Carlos Fuentes) und Brasiliens (Jorge Amado) verschiedene literarische Gattungen (Lyrik, Essay, Roman) behandelt und die dabei augenfälligen kulturellen Besonderheiten herausgearbeitet. Anschließend geht Krumpel auf die indianischen Traditionen ein, wobei er insbesondere die peruanische Literatur betrachtet. Ferner thematisiert er eine Richtung, die in einer solchen kulturhistorischen Darstellung des 20. Jahrhunderts in Lateinamerika nicht fehlen darf: die Befreiungsphilosophie bzw. -theologie, die er im Zusammenhang mit der Dichotomie von Mythos und Logos bespricht. Schließlich wird das Denken zeitgenössischer Romanautoren analysiert, Schwerpunkte bilden dabei Argentinien (Jorge Luis Borges, Ernesto Sábato, Julio Cortazár), Peru (Alejandro O’Deústua, Cesar Vallejo, Mario Vargas Llosa), Kolumbien (Gabriel García Márquez) und Kuba (Alejo Carpentier, Manuel Cofiño López).

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.