Denglisch denken?

14. Juni 2011


Derzeit läuft in Koblenz die Bundesgartenschau 2011, die BUGA. Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hat sich daran mit einer netten Aktion beteiligt: Er gestaltete ein Plakat, auf dem neben einer Darstellung bedrohter deutscher Pflanzenarten (Hummelragwurz, Felsendrehstern und Co.) eine Liste bedrohte deutscher Wörter zu finden ist. Bedroht werden sie hauptsächlich durch englische Ersatzwendungen. „Fahrkarte“ gehört beispielsweise dazu. Heute sagt man auf gut denglisch: „Ticket“.

Neben dem überproportionalen Gebrauch englischer Begriffe in appelativen Texten der Werbewirtschaft („Colour your life!“) und in der politischen Sprache („Yes, we can!“), gibt es einen weiteren Bereich, in dem das Deutsche mehr und mehr zurückgedrängt wird: die Wissenschaft. Wer wissenschaftliche Texte („paper“) publiziert sehen möchte, schreibt sie am besten gleich auf englisch. Deutsch als Wissenschaftssprache ist „out“. „The language of good science is bad English“ oder genauer: „bad simple English“, abgekürzt BSE.

Indeed: Wer jemals das fragwürdige Vergnügen hatte, einer Fachtagung beizuwohnen (es muss keine internationale sein, nur eine, die „anerkannt“ werden will) und dort geschätzte deutsche Kollegen ihre differenzierten Thesen in plattem Englisch hat ausführen hören, kommt nicht umhin, den Wert einer solchen Vereinheitlichung in Frage zu stellen. Wenn dann – was vor allem in den Geisteswissenschaften nicht unüblich ist – auch noch auf deutsche Autoren, die deutsch dachten und schrieben, zurückgegriffen wird und sich Vorträge im krampfhaften Bemühen erschöpfen, für Hegels „Weltgeist“ oder Kants „Ding an sich“ englische Entsprechungen zu finden, dann zeigt sich die Problematik der Zwangsanglifizierung deutlich.

Dabei ist die Vereinheitlichung im Prinzip eine gute (und keineswegs neue) Idee: Über Jahrhunderte war Latein die Einheitssprache der europäischen Gelehrtenrepublik. Als in der Aufklärung landessprachliche Publikationen mit dem Motiv flächendeckender Volksbildung salonfähig wurden, beschwerten sich einige Gelehrte darüber. D’Alembert, der mit dem Kollegen Diderot ein ganz eigenes Bildungsideal verfolgte und die „Encyclopédie“ verfasste, meinte etwa, die neue Sprachverwirrung hemme den Austausch. Und heute? Heute gilt englisch als geeignete Sprache des internationalen Austauschs, weil es so schön „easy“ ist.

Doch die Sache mit der Vereinheitlichung ist eben auch nicht unproblematisch, denn Wissenschaftler aus dem nicht-angelsächsischen Raum – geplagt von allgemeiner „Excellence“-Hysterie – überschätzten oft ihre Englischkenntnisse bzw. schämten sich, in diesem Zusammenhang Schwächen zu haben, schließlich gilt: „English is a must.“ Am Ende wirken sich die sprachlichen Schwächen auf die Inhalte aus, denn komplizierte Gedanken, um die es ja geht, fasst man am besten in der Muttersprache. Um im Englischen überhaupt einen roten Faden in die Ausführungen zu bekommen, neigen mache zur Vereinfachung. Bestimmte Nuancen lassen sich ohnehin nur auf deutsch ausdrücken, eine facettenreiche Sprache, die sich ganz besonders gut zum Philosophieren eignet, wie schon Heidegger erkannte. Vereinheitlichung führt zur Vereinfachung, im negativen Sinne der Banalisierung. Das Gebot der Stunde – „Denglisch denken!“ – depotenziert die Kraft deutschsprachiger Philosophie.

Der Wert des Deutschen für die Philosophie zeigt sich bereits in der Aufklärung, etwa beim deutschen Gelehrten Christian Wolff, einem der wichtigsten Philosophen in der Zeit zwischen Leibniz und Kant. Wolff gilt als derjenige, der das von Leibniz errichtete philosophische System aufgriff und dessen Thesen zur Metaphysik und Ethik verbreitete. Dazu ordnet er Leibnizens disparates Gedankengut und kleidet es in ein strengeres terminologisches Gewand. Wolff bereitet so die reiche Ideenwelt des letzten Universalgenies Leibniz für die akademische Lehre auf und macht sie für die interessierte Öffentlichkeit verfügbar. Wie? Unter anderem dadurch, dass er auf deutsch schrieb. Er entwickelte sprachlich und inhaltlich das Konzept der „Welt-Weisheit“ als diejenige Philosophie, die sich mit allgemein interessierenden Themen beschäftigt. Wolffs Welt-Weisheit popularisiert somit die Philosophie und trägt sie ins Volk hinein. Der Halenser will dabei ein Bildungsideal verwirklicht sehen, dass die gesamte Gesellschaft durchdringt. Insoweit musste er sich der Sprache des Volkes bedienen, um für dieses verständlich zu sein.

Doch er tut dies nicht nur notgedrungen. Er war grundsätzlich der Meinung, dass „unsere Sprache zu Wissenschafften sich viel besser schickt als die lateinische“. In einer Rechtfertigung, „warum der Autor deutsch geschrieben“, sagt Wolff in seiner „Welt-Weisheit in deutscher Sprache“, dass er die Zuhörer nicht „von der Erlernung der Wissenschafften wegtreiben wollte, weil sie das Unglück gehabt in ihren Schul-Jahren in der Latinität versäumet zu werden“. Doch nicht nur mangelnde Lateinisch-Kenntnisse, selbst fehlende Bildung sollen kein Hemmnis, keine unüberwindbare Zugangsbarriere mehr darstellen, denn Wolff weiß, „wie sich aus deutschen Schrifften auch andere erbauen, welche nicht studiret haben. Und auf diese richtete ich zugleich mein Absehen […]“. Selbstbewusst resümiert Wolff, dass „ich in diesem Stücke meinen Zweck erreicht habe“.

Allein das ist schon aller Ehren wert. Doch auch inhaltlich gewinnt die Philosophie durch Wolffs landessprachlichen Weltweisheitsansatz. So stammt das Meta-Konzept „Bedeutung“ von ihm, der damit dem Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein die Vorlage für seine These lieferte, die Aufgabe der Analytischen Philosophie sei es, zu klären, was Bedeutung bedeute. Wolff bildete eine Fülle deutscher Kunstwörter als Verdeutschung vorhandener lateinischer Begriffe. Er selbst charakterisiert sein Vorgehen so, „daß ich die deutschen Wörter in ihrer ordentlichen Bedeutung nähme und darinnen den Grund der Benennung zu dem Kunstworte suchte. Denn auf solche Weise ist mein Kunst-Wort rein deutsch, weil ich deutsche Wörter in ihrer eigentlichen Bedeutung brauche und indem ich sie zu einem Kunst-Worte mache, auf Sachen ziehe, darinnen etwas anzutreffen so durch das Wort in seinem eigentlichen Verstande genommen und angedeutet wird. […] Ferner ist zu merken, daß ich […] die deutschen Kunst-Wörter nicht aus dem Lateinischen übersetzt habe, sondern sie vielmehr so eingerichtet, wie ich es der deutschen Mund-Art gemäß gefunden, und wie ich würde verfahren haben, wenn auch gar kein lateinisches Kunst-Wort mir wäre bekannt gewesen“. Auf diese Weise gelingt ihm eine sinnvolle Übertragung und er umgeht gleichsam die Gefahr einer direkten Übersetzung der Fachtermini, was manchmal eigenartige Begriffe hervorbringt. So ersetzt er „Ontologie“ nicht etwa durch das, was es ist, nämlich eine „Dinglehre“, sondern fragt nach der eigentlichen Semantik des Begriffs und kommt auf „Grund-Wissenschaft“. Teilweise erweitert er den Bedeutungsgehalt fremdsprachlicher Begriffe auf eine höchst fruchtbare Weise. So erscheint in seinem Deutsch die lateinische „causa“ je nach Verwendungszusammenhang als „Grund“ oder als „Ursache“.

Wolff hatte mit seiner Terminologie großen Einfluss auf Kant, dessen „Ding an sich“ nicht möglich gewesen wäre, ohne Wolffs Bestimmung des Terminus „an sich“. Zudem hatte Wolffs Sprachkritik über ihre Verbreitung in den Moralischen Wochenschriften großen Einfluss auf die Sprache der Poesie und Poetologie, etwa auf Johann Christoph Gottscheds „Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen“. Dennoch: Das Deutsche darbte trotz Wolff dahin. So schreibt Johann Friedrich Heynatz 1774 – zwanzig Jahre nach Wolffs Tod –, dass „die deutsche Sprache nicht recht emporkommen will“. Seine These in „Briefe die deutsche Sprache betreffend“ ist bestechend und verblüffend aktuell: „Was ist nun unausbleiblicher, als daß die Sprache zurückbleibt, da der edelste Theil der Nation sich ihrer nicht annimmt.“ Der „edelste Theil der Nation“, das sind Politiker, Medienvertreter, Wirtschaftsführer und – Wissenschaftler.

Ach, ja: Die BUGA geht noch den ganzen Sommer, bis Oktober. Come in and find out!

(Josef Bordat)

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