Ach Benno!

16. Juni 2011


Benno Kirsch stellt das älteste Bennolied vor: Ach Benno.

Es war eine umstrittene Entscheidung in einer unruhigen Zeit: Die Aufnahme Bennos von Meißen in den Heiligenkanon der gesamten lateinischen Kirche durch Papst Hadrian VI. im Jahr 1523. Wenige Jahre zuvor hatte Luther mit seinem berühmten Thesenanschlag von Wittenberg Ereignisse ins Rollen gebracht, die nun unaufhaltsam – so schien es zumindest – der evangelischen Lehre zum Sieg verhalfen. Dass ausgerechnet in dieser Zeit im gar nicht fernen Meißen ein neuer Heiliger erhoben wurde, musste geradezu als Provokation aufgefasst werden. Und für den 16. Juni 1524 waren auch noch öffentliche Feierlichkeiten in Meißen angekündigt worden!

Luther nahm die Herausforderung an und veröffentlichte mit seiner Schrift „Wider den neuen Abgott“ eine Polemik, die sich gewaschen hatte. Damit war der Ton gesetzt, in dem um den heiligen Benno gestritten wurde. Von papsttreuer Seite folgten entsprechend derbe Antworten. Doch auch auf einer anderen Ebene als der des intellektuellen Disputs wurde die Auseinandersetzung geführt, nämlich der der Musik. In diesem Zusammenhang ist das hier zur Kenntnis gebrachte Lied zu sehen, das in mehreren Abschriften überliefert ist und 1833 zum ersten Mal wieder abgedruckt wurde. Ich habe es in „Music as propaganda in the German Reformation“ (erschienen 2001) von Rebecca Wagner Oettinger gefunden. Das Lied stammt aus dem Jahr 1524; die Urheberschaft ist nicht genau bekannt, aber man nimmt an, dass es aus der Feder von Hieronymus Emser stammt, einem der schärfsten romtreuen Widersacher Luthers.

Ach Benno

Ach Benno du vil heilger man
durch dich hat Got vil wunder than
bey manchem mensch auff erde
den du ghen ym verbetten hast
das er entledigt ist von last
von trübsal und gefehrde.

Dann Got seyn heilgen do mit ehrt
das er sie gnediglich erhört
was sie von im begeren
das vnns nur dint zur seligkeit
sint sie zu bitten gantz bereit
Gott will sie des geweren.

Denn sie an Gottes angesicht
erkennen woll was vnns gebricht
an seel und ouch an leybe
erwirb vns Benno heilger man
das vns der gloub auff auf rechter ban
vnd vngefelschet bleybe.

Ach Luter

Ach Luter du vil bößer man
Was hat dir Bischoff Benn gethan
das du yn ßo magst schenden
vnd thust im wie den andernmher
wilt yn berouben seyner ehr
furwar du wirdsts nit enden.

Er bleybt wol heilig vnde frumb
solstu dich ouch zerreyssen drumb
du vnnd all deyn gesellen
du meynst fulleycht sey wol gethan
wirdst aber nhemen deynen lon
vom teufel in der hellen.

Wie gar hat dich der neyd verblent
das ouch im hymel vngeschent
keyn heilg vor dir mag bleyben
Gros wunder ist das Got nit richt
deynr Luterey so lang zu sicht
du wirdsts nit ewig treyben.

Wie man sieht, ist das Lied zweigeteilt: Die ersten drei Strophen heben an mit einem Anruf des neuen Heiligen und der Feststellung, dass er Wunder bei Gott bewirkt hat. In der zweiten Strophe wird allgemein über den Status von Heiligen berichtet, desgleichen in der dritten, die dann aber wieder zu Benno zurückkehrt und damit die eingangs geöffnete Klammer wieder schließt.

Am zweiten Teil erkennt man, dass das Lied in einer erhitzten Atmosphäre geschrieben wurde. Inhaltlich ist er nicht so gut durchdacht wie der erste; er besteht im Grunde nur aus heftigen Beschimpfungen des Wittenbergischen Reformators, der direkt angesprochen wird: „du vil bößer man“ heißt es gleich zu Beginn des Vorwurfs, er habe den Heiligen geschmäht. Aber alle Anstrengungen Luthers, Bennos Angedenken in den Schmutz zu ziehen und ihm den Status der Heiligkeit abzusprechen, sind vergeblich – „solstu dich ouch zerreyssen drumb“. Benno ist heilig, und Luther und seine Gesellen sind bloß von „Neyd“ zerfressen, betreiben „Luterey“, die zu nichts anderem führt, als dass einen der Teufel holt. Das meint zumindest der Autor des Liedes. Alles in allem handelt es sich bei „Ach Benno“ also um ein ziemlich wüstes Propagandastück, von dem man nicht so recht glauben mag, dass es die Altgläubigen überzeugt hat.

Ich habe die ersten drei Strophen ins heutige Deutsch übertragen – die anderen Strophen mag entziffern, wer will (vgl. Ach Benno [1524]). Den Notensatz hat Hans Aerts modernisiert (vgl. Ach Benno [2009]). Man kann das Lied also auch selber singen. Es drängt sich allerdings die Frage auf, ob man das will. Der Text ist theologisch gesehen sicherlich nicht zu beanstanden, aber drückt er das aus, was uns heute mit den Heiligen, insbesondere mit Benno, verbindet?

Auch die Melodie erscheint mir nicht besonders ansprechend. Man vergleiche sie mit anderen Liedern, die in derselben Zeit entstanden sind, zum Beispiel die Nummern 109, 129, 138, 139 aus dem Gotteslob. Es spricht sehr viel für diese Lieder, dass Luther unter anderem für sie neue Texte geschrieben hat. Umgekehrt verwundert es nicht, dass es keine Anzeichen für eine dauernde Verwendung des Bennoliedes im Gottesdienst oder bei anderen Gelegenheiten gibt, dass es vielmehr in Vergessenheit geraten ist.

Allzu streng sollte man allerdings nicht sein. Das älteste Bennolied verdankt seine Entstehung ganz speziellen Umständen. Die Nerven der Menschen im damaligen Sachsen, im deutschen Reich und vielleicht sogar in der ganzen lateinischen Kirche lagen blank. Heute dagegen wissen Katholiken und Protestanten, was sie aneinander haben. Das Lied ist zum Gebrauch im 21. Jahrhundert also nicht geeignet. Es kann allerdings als Ermunterung begriffen werden, sich aufs Neue Gedanken über den heiligen Benno und ganz allgemein über die Heiligen zu machen und neue Lieder zu komponieren und neue Texte zu verfassen, die aktuelle Fragestellungen aufgreifen. Vielleicht entsteht dann ein Lied, das man in 500 Jahren noch singt.

Benno Kirsch

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