Standardwerk für Lebensschützer

17. Juli 2011


Der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff entfaltet auf über 600 Seiten sein bioethisches Denken. Ein großartiger Text!

1. Das Leben ist kurz, lang ist die Kunst. Den „Schockenhoff“ in der Hand (oder in beiden Händen) möchte man abwandeln: „Das Leben mag kurz sein, die Ethik des Lebens nicht!“ Über 600 Seiten braucht der bekannte katholische Moraltheologe (Professor an der Universität Freiburg i. Br. und Mitglied im Deutschen Ethikrat) für seinen gut strukturierten Durchgang durch die Ethik des Lebens. Es lohnt sich, den Text aufmerksam zu lesen, denn auch in dieser Länge ist die Abhandlung an keiner Stelle langatmig, weitschweifig oder gar abwegig. Schockenhoff behandelt lediglich einen umfangreichen Themenkomplex mit der diesem gebührenden Sorgfalt und fördert so mit jedem Satz das Verständnis der Sachverhalte, in die er so tief wie nötig und so einfach wie möglich einführt. Dass auch für die Besprechung dieses – ich nehme es vorweg – Meisterwerks etwas mehr Raum eingenommen wird als sonst üblich, sei daher dem Rezensenten zugestanden.

2. Die Ausgangsfrage liegt auf der Hand: Was ist Leben? Ihr lässt sich auf zwei Arten Antwort geben: biologisch („von unten“) und – da sich der Mensch nicht aus seiner Körperlichkeit allein bestimmen lässt – metaphysisch („von oben“). Mit Begriffen wie Freiheit und Beziehung werden von Schockenhoff Facetten des menschlichen Lebens angesprochen, die sich nicht in den Vitalfunktionen seiner biologischen Konstitution niederschlagen. Die Bedeutung des Menschen, so Schockenhoff, erschöpfe sich eben nicht in den chemischen Prozessen, die in seinem Körper ablaufen, sondern sie hängt unmittelbar an dem Lebensprinzip, das man „Bewusstsein“ oder – in der Sprache der aristotelischen Naturphilosophie und der christlichen Theologie – auch „Seele“ nennen kann. Wenn vom Leben eines Menschen die Rede ist, dann ist also weniger sein Blutdruck oder Cholesterinspiegel gemeint, sondern, das, was dieses bestimmte menschliche Leben ausmacht: Subjektivität, Autonomie, Freiheitsgebrauch, Gemeinschaftsorientierung. Dieser komplexen Form von Leben kommt nur derjenige näher, der sich auf Abstand begibt, um in „erweiterter Wahrnehmungsperspektive“ nicht nur die einzelnen Teilfunktionen, sondern die „funktionale Ganzheit“ des Körpers und insbesondere auch dessen „Innenwelt“ in den Blick zu bekommen. Von dieser Warte spricht Schockenhoff über das Leben.

3. Schockenhoff zeigt, vor welcher epochalen Wende die Ethik des Lebens steht: Vom Grundsatz des Lebensschutzes, wie ihn eine christliche Lebensethik vertritt, hin zu einer säkularen Bioethik, in der an die Stelle des In dubio pro vita ein Katalog von Freiheitsrechten tritt, zu der die Kontrolle der Elternschaft (Verhütung, Abtreibung, künstliche Befruchtung, Sterilisation) ebenso zählt wie das Recht zu sterben (Euthanasie). Schockenhoff sieht einen „radikalen Paradigmenwechsel“ im Umgang mit dem Leben in Grenzsituationen, also zu Beginn, am Ende und in Krankheit: „An die Stelle allgemeingültiger Normen, die dem Menschen verbindliche Auskunft darüber geben, was er in den einzelnen Handlungsbereichen tun oder lassen soll, tritt die situationsgerechte Entscheidung aufgeklärter Individuen, die über alle Aspekte der ihnen offen stehenden Wahlmöglichkeiten zu informieren sind.“ (S. 39) Die Patientenautonomie verdrängt die Verantwortung des Arztes – in der Tat: ein Paradigmenwechsel.

4. Mit diesem Paradigmenwechsel stehen plötzlich moralische Basisforderungen zur Disposition, die bisher für selbstverständlich erachtet wurden, zum Beispiel, dass man „keine Gewalt gegen Unschuldige“ anwenden darf. Bei der Abtreibung geschieht aber genau dies, begründet mit dem Wahlrecht der Frau für oder eben auch gegen die Mutterschaft, ein Recht, das im neuen Paradigma so frei wie irgend möglich gestaltet werden soll. Auch die Unterscheidung von Mensch und Person ist eine „philosophische Vorentscheidung“, die bis vor fünfzig Jahren noch Niemand verstanden hätte. Heute wird sie gebraucht, um in der wissenschaftlich-technisch fortgeschrittenen Medizin ohne Skrupel die Autonomie-Agenda umsetzen zu können. Der Philosoph wird Gründe-Lieferant und die Philosophie zur Magd des Fortschritts. So taucht die Mensch-Person-Distinktion nun allenthalben auf, suggeriert eine Würdedifferenz und versichert uns auf der Grundlage fragwürdiger Kriterien die moralische Vertretbarkeit eines gestaffelten Achtungsanspruchs, abhängig vom Entwicklungsstadium, insbesondere von Schmerzempfindungs- und Präferenzbildungsfähigkeit, Kompetenzen, an die sich die Zuerkennung des Rechtsschutzes binden lässt. Überlistet werden dabei – mit cleveren philosophischen Argumenten – sowohl die ontogenetische Faktizität (der Mensch entwickelt sich nicht zu etwas anderem als zu dem, der er von Beginn an ist: ein Mensch) als auch intuitive Bedenken einer dem Menschen inhärenten praktischen Rationalität (man könnte diese „Gewissen“ nennen), die ganz altbackene moralische Prinzipien zu Bewusstsein steigen lässt, zum Beispiel: „Du sollst nicht töten!“ Mit dem Argument, es sei ja eben keine Person, die etwa bei einer Abtreibung getötet wird, können solche Anwallungen von Moralität schnell heruntergekühlt werden.

Was kann die christliche Ethik, der sich Schockenhoff verpflichtet fühlt, angesichts dessen ausrichten? Will sie im Diskurs gehört werden, muss sie sich auf die Argumentation – auch in ihrer Verlogenheit a priori – einlassen. Doch soll sie wirklich versuchen, mitzuhalten im Wettstreit der „vernünftigen Gründe“, wenn der instrumentelle Charakter der dabei zum Tragen kommenden Vernunft so offenkundig ist? Schockenhoff fragt zurecht: „Ist es angesichts der Unmöglichkeit, auf dem Boden der säkularen Kultur und ihres unversöhnlichen moralischen Pluralismus zu gehaltvollen Konsensen in Grundfragen des Menschseins zu gelangen, nicht ein aussichtsloses Unterfangen, auf die Karte der Vernunft zu setzen?“ (S. 55). Dennoch schlägt Schockenhoff für die christliche Bioethik den Weg der „Hochschätzung der praktischen Vernunft“ vor, also: „anthropologische Prämissen offenlegen“, „menschliche Grunderfahrungen deuten“, „den Weg rationaler Argumentation beschreiten“ und „die innere Vernünftigkeit der dargelegten Positionen aufzeigen“. Mit dieser Methode erarbeitet Schockenhoff die Grundlagen der Lebensethik in einem Dreischritt, indem er zunächst die philosophische, dann die theologische Perspektive einnimmt, um daraus Prinzipien abzuleiten.

5. Eine Lebensethik aus philosophischer Sicht basiert auf gewichtigen Fragen. Wie lassen sich Ursachen, Gründe, Wirkungen und Zwecke in Bezug auf das Leben denken? Welches Lebensmodell soll bei ethischen Problemstellungen zugrunde gelegt werden – das physiozentrische, das biozentrische oder das anthropozentische? Wie lässt sich das Mensch-Natur-Verhältnis denken? Etwas konkreter lauten die Fragen: Haben Menschen irgendwelche Vorrechte gegenüber der nicht-humanen Natur oder wäre das „Speziesismus“? Wie lassen sich die Vorrechte des Menschen begründen? Hat die Natur ein Eigenrecht, ohne Bezug zu menschlichen Interessen?

Schockenhoff geht den Fragen geduldig und kompetent nach. Er begründet die besondere Stellung des Menschen aus dessen Personalität: „Der unbedingte Anspruch der menschlichen Person gründet nicht in ihrer biologischen Spezieszugehörigkeit als solcher, sondern in dem praktischen Selbstverhältnis des Menschen, das in seinem moralischen Bewusstsein und in seiner Gewissenserfahrung den maßgeblichen reflexiven Ausdruck finden.“ (S. 152 f., Hervorhebung im Original). Der Mensch – und zwar jeder Mensch, jeder Angehörige der menschlichen Art! – bildet als Person eine leiblich-seelische Einheit, der sich Schockenhoff aus dem Blickwinkel der phänomenologischen Analyse nähert.

Bewusstsein und Gewissen heben den Menschen als verantwortungsfähiges Wesen vom Rest der Welt ab. Die Rolle des „Herrschers“, die ihm daraus zukommt, hat er eingedenk seiner Verantwortung für die ganze Natur des Planeten auszufüllen, der ein „spezifischer Eigenwert“ (aber kein Eigenrecht) zukommt: „Tiere und Pflanzen sind weder Quasi-Personen noch reine Sachen, sondern lebendige Wesen und Erscheinungen, die in ihrer abgestuften Eigenwertigkeit zu achten sind.“ (S. 155) Das bedeutet: „Der unbedingte Respekt vor dem Personsein des Menschen, dessen Anspruch eine praktische Lebensethik auch in ihren konkreten Urteilen gerecht werden muss, führt unterhalb dieser Ebene nicht zu einem willkürlichen Umgang mit dem außermenschlichen Leben, sondern zu einer verantwortlichen Güterabwägung, die den Menschen zur Rücksichtnahme aus das Wohlbefinden der Tiere und den notwendigen Lebensraum der Pflanzen verpflichtet.“ (S. 155 f.)

6. Die theologische Sicht unterstreicht beides: die personale Sonderstellung des Menschen und die daraus resultierende unbedingte Würde aller und jedes einzelnen Menschen sowie seine Verantwortlichkeit für die ganze Schöpfung. Neben das personale, ganzheitliche und verantwortliche Sein des menschlichen Lebens tritt aber in der theologischen Deutung noch das relationale Sein: die Beziehung des Menschen zu Gott. Diese Vorstellung hat Auswirkungen auf die Begründung des Personseins. Der Mensch ist nicht allein mit Vernunft und Gewissen begabt und von daher Person, sondern übernimmt als „Bild Gottes“ dessen relationale Personalität. Gottebenbildlichkeit ist aber kein „drittes Standbein“ in der Argumentation, warum der Mensch Person ist, sondern der Schlüssel seiner Existenz. Der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er nicht Gottes Ebenbild wäre, zitiert Schockenhoff Karl Barth, was bedeutet: „Das geschöpfliche Sein des Menschen verdankt sich ganz der machtvollen Anrede durch Gottes Wort; er ist nur dadurch er selbst, dass Gott ihn anruft und im Anruf hält.“ (S. 191).

Nicht nur der Mensch, die ganze Welt ist Schöpfung Gottes – alles Leben ist aus Gott. Schockenhoff untersucht im historischen Durchgang verschiedene schöpfungstheologische Ansätze und weist mit dem symbolisch-dialogischen Verständnis einer creatio continua, wie es bei Karl Rahner oder Hans Urs von Balthasar zu finden ist, sowohl die deistische Vorstellung getrennter Sphären von Gott und Welt nach Abschluss des singulären Schöpfungsakts als auch die Idee des „Designers“, der einen zeitlichen Beginn der irdischen Dinge markiert, zurück. Gott ist einerseits „ganz anders“, andererseits präsent. Die zeitgenössische christliche Deutung des Verhältnisses von Transzendenz und Immanenz geht daher von der Welt als „Gottes Gleichnis“ aus: „Die kreatürlichen Dinge […] sind aufgrund ihrer geschaffenen Wirklichkeit Ausdruck ihre Ursprungs und Gleichnis für das göttliche Sein, das ihnen unablässig zuströmt.“ (S. 223) Gott ist damit nicht Anfang, sondern Grund der Welt. Trotz der ontologischen Differenz lässt sich so eine weltimmanente Wirkung Gottes denken und es lässt sich sagen: Gott ist in allem Leben.

7. Aus der philosophischen und der theologischen Erörterung gewinnt Schockenhoff Grundsätze einer Lebensethik. Der zentrale Begriff ist dabei Menschenwürde. Sie zu achten ist das erste Prinzip des Lebensethik. Aus ihr entsteht das zweite Prinzip, das Tötungsverbot, das ausführlich – auch hinsichtlich seiner Grenzen (Notwehr, Krieg) – diskutiert wird. Hinzu treten argumentationstheoretische Überlegungen zu den notwendigen Elementen von Begründungen im Rahmen des bioethischen Diskurses: „Ein sicheres, wohlbegründetes Urteil verlangt dabei die Rechtfertigung der Ziele (angesichts konkurrierender Dringlichkeiten bei knappen Ressourcen), die Überprüfung der Mittel und die Verantwortung für die Folgen (bei gleichrangiger Gefahrenabschätzung und prospektiver Schadensabwehr).“ (S. 294 f., Hervorhebung im Original)

8. Im Zweiten Teil des Buches widmet sich Schockenhoff „konkreten Problemfeldern“ der Ethik des Lebens. Es geht um Gesundheit und Krankheit, um die Möglichkeiten und Grenzen medizinischer Diagnostik (Pränatal- bzw. Präimplantationsdiagnostik), um die Bedingungen neuer therapeutischer Verfahren (Intensivmedizin und Organtransplantationen, um die biomedizinische Forschung (Stichwort: Stammzellen), um den Umgang mit dem fremden Leben an dessen Beginn (Abtreibung) und Ende (Euthanasie) und zuletzt um die Tiere – bzw. um die ethischen Implikationen der jeweiligen Sachthemen. Es fehlt dabei nichts, was nicht in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit heiß diskutiert worden wäre. Als Mitglied des Deutschen Ethikrates war Schockenhoff selbst in vorderster Linie an den Debatten beteiligt, hat als Sachverständiger die Politik beraten, die dennoch nicht immer in seinem Sinne entschieden hat.

Jüngstes Beispiel: Die Entscheidung zur Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Ausnahmefällen (etwa wenn beim Kind „schwerwiegende Behinderungen“ zu erwarten sind), wie sie der Deutsche Bundestag vor wenigen Tagen getroffen hat, erscheint vor dem Hintergrund der Analyse Schockenhoffs mehr als fragwürdig. Schon die Eingrenzung der Anwendungsfälle, also die Definition von „schwerwiegende Behinderung“ ist prekär, wenn nicht gar unmöglich: „Der Gesetzgeber stünde [steht, J.B.] vor dem Dilemma, diese entweder durch eine offene Formulierung im Sinne einer Generalklausel zu umschreiben oder eine Liste der Behinderungsformen aufzustellen, die als besonders schwer gelten und durch die Anwendung von PID in Zukunft ausgeschlossen werden sollen. Im ersten Fall wäre eine künftige Ausweitung des Anwendungsspektrums der PID bereits absehbar, im zweiten Fall würde die Diskriminierung der an den aufgezählten Behinderungen leidenden Menschen in unerträglicher Weise verstärkt.“ (S. 376)

Schockenhoff erteilt der PID eine klare Absage, aus guten Gründen, mal mit Blick auf die Eltern („Es stellt den Gedanken elterlicher Verantwortung auf den Kopf, wenn den Eltern das Recht zugesprochen wird, unter ihren möglichen Kindern diejenigen auszuwählen, deren Lebensqualität voraussichtlich am Höchsten ist.“, S. 373), mal mit Blick auf das Kind, dem man bei der Verhinderung seines Lebens durch PID fraglos unterstellt, „das Nicht-Leben einem Leben mit Behinderung vor[zu]ziehen“, einfach dadurch, dass „die Eltern oder der behandelnde Arzt ihr eigenes Urteil auf das Kind projizieren“ (S. 374). Der Moraltheologe Schockenhoff bleibt in seiner Argumentation philosophisch, wenn er eingedenk der Vergegenständlichung des begutachteten Embryo feststellt: „Das Verfahren der PID beruht somit in klar erkennbarer Weise auf jener totalen Instrumentalisierung, die Kant in der so genannten Selbstzweck-Formel des kategorischen Imperativs als mit der Menschenwürde unvereinbar erkannte.“ (S. 375, Hervorhebung im Original). Besonders drastisch wird diese Instrumentalisierung bei der Herstellung von „Rettungsgeschwistern“ mit Hilfe der PID, ein Verfahren, das seit 2008 in Großbritannien erlaubt ist und „in mehrfacher Hinsicht“ als ethisch bedenklich gelten muss: „Ein erstes Bedenken, das für sich genommen bereits ausreicht, um die ethische Missbilligung dieser Verwendungsform von PID zu begründen, bezieht sich auf diejenigen Embryonen, die für den fremdnützigen Gebrauch nicht geeignet sind. Hierbei handelt es sich um gesunde, an sich lebensfähige Embryonen, die aus dem einzigen Grund verworfen werden, weil sie die erforderlichen Kompatibilitätskriterien mit dem Gewebe des erkrankten Geschwisterkindes nicht erfüllen.“ (S. 376 f.). „Fremdnütziger Gebrauch“ – Abgründe tun sich auf!

9. In einer Schlussbetrachtung fasst Schockenhoff „christliche Grundhaltungen der Lebensethik“ zusammen. Es sind dies „Ehrfurcht und Staunen“, „Mitleid und Fürsorge“ sowie „Selbstbegrenzung und Maß“.

Ehrfurcht ist einerseits auf die Welt gerichtet, als „dialektisches Ineinander von Zurückhaltung und Zuwendung“, andererseits hat es als „Selbstkundgabe des Geschöpfs vor Gott“ eine religiöse Bedeutung. Aus der christlichen Schöpfungstheologie ergibt sich der Konnex beider Ehrfurchtsmanifestationen: „Weil Gott selbst das Geheimnis des menschlichen Lebens und der tragende Grund aller Wirklichkeit ist, richtet sich die Ehrfurcht des kreatürlichen Menschen auch in der Begegnung mit seiner natürlichen Mitwelt auf ihn.“ (S. 611), wie Schockenhoff im Anschluss an Rahner feststellt. In ganz besonderer Weise ist daher die Ehrfurcht vor der Person des Mitmenschen geboten. Die ehrfürchtige Erkenntnis Gottes in seiner gleichnishaften Schöpfung lässt den Menschen staunen und dankbar sein. Als Beispiel für eine derartige Beziehung zur Schöpfung führt Schockenhoff den Cantico di Frate Sole („Sonnengesang“) des Franz von Assisi ein, der für die „gegenwärtige Schöpfungstheologie“ besonders wichtig ist, „weil er den Dienst der Schöpfung am Menschen und dessen Sorge für seine Mitgeschöpfe als ein enges wechselseitiges Verhältnis darstellt, durch das sich alle Kreaturen gegenüber ihrem Schöpfer gehorsam zeigen“; zugleich kann er weit darüber hinaus wirken: „Diese Interdependenz von Gott, Mensch und Natur, die einer Vergöttlichung des Kosmos ebenso entgegensteht wie einer unterschiedslosen Einordnung des Menschen unter seine Mitkreaturen, macht den Sonnengesang zu einem herausragenden literarischen Dokument des christlichen Schöpfungsverständnisses, das auch die aktuelle bioethische Grundlagendiskussion zur Überwindung falscher Alternativen anregen kann.“ (S. 614)

Aus Ehrfurcht, Staunen und Dankbarkeit erwächst im Fall von Krankheit und Existenzbedrohung Mitleid als „Solidarität im Leiden“. Dieses Mitleid ist nicht bloß ein „reaktives Gefühl“, das weniger auf den Leidenden als vielmehr auf den Betrachter des Leidens ausgerichtet ist (der das Leid aus genau dem Grund beenden will, eben weil es ihm unerträglich ist, mitzuleiden!). Mitleid im echten, im christlichen Sinne löst Zuwendung und Fürsorge aus – bis in den Tod. Dafür hat der Mensch im Paradigma der utilitaristischen Glückskonzeption kein Verständnis, wohl aber dafür, aus Pseudo-Mitleid zu töten: „Wer ein Menschenbild vertritt, in dem sich der ,Wert‘ des Lebens über Individuengrenzen hinweg aus dem Beitrag zur Gesamtsumme des Glücks errechnet, kann in der Bereitschaft, unabwendbares Leid mitzutragen, keinen Sinn mehr erkennen. Er muss daher den Begriff des Mitleids in sein Gegenteil verkehren, indem er den Gedanken der Solidarität im Leiden daraus eliminiert und so die Tötung eines anderen Menschen aus Mitleidserwägungen legitimiert“ (S. 625, Hervorhebung im Original). Verkehrte Welt!

Mit erheblichen Folgen für das, was die christliche Lebensethik schlussendlich fordert: Selbstbegrenzung. Wir sollten unsere Grenzen kennen und sie annehmen. Maß halten bedeutet eben auch Verzicht, soweit er einer „kultivierten Lebensordnung“ dient. Schockenhoff meint, dass wir „nicht allen Wünschen und Bedürfnissen nachgeben dürfen“, denn: „Auch in der Tugend des rechten Maßes, die in dem Ensemble lebensförderlicher Einstellungen neben Staunen und Ehrfurcht, Fürsorge, Solidarität und Mitleiden tritt, geht es um die Bejahung des Lebens – um ein Ja, das Maß nimmt an dem guten Gott und seiner Schöpfung und dem endlichen Menschen Raum gibt, in seinen Grenzen zu leben.“ (S. 630)

10. Eberhard Schockenhoff hat nach Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf (2007) wieder ein Meisterwerk der Ethik vorgelegt, das zur Standardausstattung des christlichen Lebensschützers gehört, weil es den engagierten Laien mit den entscheidenden philosophischen und theologischen Argumenten pro vita versorgt. Es ist darüber hinaus auch für den professionellen Moraltheoretiker zu empfehlen, der sich einen Überblick verschaffen will über die Kerngedanken christlicher Lebensethik. Ihm wir die kenntnisreiche Schrift neue Einsichten verschaffen, die ihn seine bisherige Position überdenken lassen – so oder so. Schließlich wird es von all denen mit Gewinn zu lesen sein, die in der medizinischen Praxis oder der biowissenschaftlichen Forschung tätig sind.

Der Text ist lang, aber gerade durch die umfangreichen Erläuterungen schwieriger Sachverhalte gut zu lesen und seinem kleinschrittigen Argumentationsgang nachvollziehbar. Das Bemühen des Autors, die fachspezifische Diktion so schmal wie möglich zu halten, fördert weiterhin das Verständnis seiner Ausführungen. Ein rundum gelungenes Buch, das mit Nachdruck empfohlen sei!

Bibliographische Angaben:

Eberhard Schockenhoff: Ethik des Lebens. Grundlagen und neue Herausforderungen
Freiburg i. Br.: Herder (2009)
640 Seiten, 39,90 Euro
ISBN: 978-3451302176

(Josef Bordat)

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