Was ist Positivismus?

23. September 2011


Der Papst hat sich kritisch zum Positivismus geäußert. Was bedeutet das?

Positivismus ist die Auffassung, dass nur das zählt, was man positivieren kann, was man durch logische Ableitung aus Axiomen und empirische Erkenntnis als gegeben ansehen kann. Als Logischer Positivismus wurde diese Auffassung zu einem wirkmächtigen Ansatz der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, also dem Versuch, eine Antwort auf die Frage zu geben, was die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und Wissen sind.

Der Positivismus hat seinen methodischen Ursprung in Francis Bacons Optimismus einer vollständigen Naturerkenntnis aus dem Geist des Empirismus. Bacons experimentelle Induktionsmethode hat für die Wissensproduktion einen neuen erkenntnistheoretischen Zugang eröffnet, auf den sich die Naturwissenschaft bis heute stützt. Bacon sah seine Methode als eine Möglichkeit, zur unverfälschten, unverdorbenen Erkenntnis des „Wesens der Dinge“ vorzustoßen und feierte es zugleich die s. A. n. störende Metaphysik der mittelalterlichen Scholastik hinter sich zu lassen. Bacons Erkenntnistheorie ist strikt gegen die deduktive Methodik der aristotelisch-thomistischen Naturphilosophie gerichtet. Der Positivismus sieht sich denn auch in dieser Tradition als Befreier der Wissenschaft von der Metaphysik, wobei freilich übersehen wird, dass die Annahme einer Gleichsetzung von dem, was beobachtbar ist, mit dem, was ist, bereits zu Beginn eine (starke, gleichwohl schlechte) metaphysische Annahme gemacht wird. Darauf verwies der Papst, als er die kulturzersetzenden Konsequenzen einer positivistischen Weltsicht ansprach.

Noch einmal etwas genauer zum positivistischen Denken. Charakteristisch ist für dieses, dass eine Aussage nur dann Bedeutung hat, wenn wir sagen können, unter welchen Bedingungen sie falsch und unter welchen sie wahr ist. Es gilt also methodologisch: Die Wahrheit bzw. Falschheit von Aussagen ist nur logisch (analytische Aussagen, z.B. „Junggesellen sind unverheiratet.“) oder empirisch (synthetische Aussagen, z.B. „Gras ist grün.“) nachweisbar. Der Test, ob eine Sache „wahr“ ist, ist durchzuführen anhand dessen, was wir als Wirklichkeit dieser Sache sinnlich wahrnehmen. Handelt die Aussage von Sachverhalten, die auf diese Weise nicht testbar sind, ist die Aussage nicht bestätigungsfähig und scheidet damit aus dem Kreis der sinnvollen Sätze aus.  Damit ist das Urteil über Aussagen eines, das sich auf einen empirischen Nachweis stützen muss.

Mit diesem empiristischen Signifikanzkriterium liegt ein Abgrenzungskriterium gegenüber nichtempirischer Realerkenntnis vor, ein Kriterium für die scharfe Trennung zwischen syntaktischer Zulässigkeit und empirischer Signifikanz. Das bedeutet: Wir brauchen uns ernsthaft nur über empirisch signifikante Aussagen zu unterhalten, was der Einzelne darüber hinaus an syntaktisch zulässigen, aber empirisch nicht signifikanten Aussagen bildet, ist sein Privatvergnügen. Klar ist, dass religiöse Glaubenssätze nicht empirisch signifikante Inhalte haben. Daraus folgt dann – ganz logisch: Religion ist Privatsache.

Dieses Programm der Privatisierung des Nicht-Empirischen ist aber keineswegs so alternativlos, wie es der Positivismus darstellt. Man kann sehr wohl auch über das, was man nicht sieht, vernünftig nachdenken und sprechen. Daraus hinzuweisen, war ein Anliegen der Rede des Papstes – und ist zudem ein zentraler Aspekt seines Lebenswerks als Theologe.

(Josef Bordat)

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