Als mal ein Engel zu mir kam

29. September 2011


Heute feiert die Kirche das Fest der Heiligen Erzengel Michael, Gabriel und Raphael. Was ist das – ein Engel? Das weiß wohl nur der, dem mal ein Engel begegnet ist.

Engel sind Wesen, die einen wieder auf den Weg bringen. Auf den richtigen Weg, der manchmal dem Pfad der Tugend gleicht, ihn aber auch manchmal quert. Diese Engelswesen kommen als ganz normale Menschen daher, aber das, was sie anrichten, ist nicht ganz normal. Denn ihnen gelingt es aufzurichten. Sie machen Mut und geben Kraft, den Blick zu heben und den richtigen Weg zu suchen. Und zu finden.

Manchmal wird einem dabei gerade der zum Engel, den man immer für einen Teufel hielt, weil man zu sehr auf seinen Weg blickt, der einem unter den Füßen Halt gibt und als schnurgerade Bahn vor einem liegt. Dass es auch einen anderen Weg geben könnte – ausgeschlossen! Für Teufel – vielleicht. Für einen selbst – niemals. „Woher willst Du das wissen?“ Typische Frage eines Engels, den man leicht für einen Teufel hält.

Den richtigen Weg finden, das beginnt mit der Suche. „Komm, ich helfe Dir suchen!“ Jetzt weiß man, dass es ein Engel ist. Das würde ein Teufel nämlich nicht sagen. Der sagte etwa: „Verlass Deinen Weg! Der ist doch viel zu steinig! Ich habe einen neuen, besseren, breiteren, kürzeren! Wechsel die Spur und alles wird gut!“ Teufel bieten ihren Weg als den richtigen an, Engel helfen einem, den richtigen Weg selbst zu finden. Das kann eben auch den abstrakten Denkweg betreffen, die Methode, mit deren Hilfe man die Welt und den Menschen sieht. Erfahrungen mit Engeln bilden die Grundlage dafür, sich immer wieder neu ausrichten zu können auf das Ziel, auf Gott.

Einmal kam ein Engel zu mir. Er hatte die Gestalt einer alten, verwirrten Frau, die einen Pfarrer sprechen möchte. „Ich bin kein Pfarrer“, sage ich und verweise auf unser Pfarrbüro, biete ihr an den Kontakt herzustellen. „Der wird sich bedanken!“, denke ich insgeheim dabei. „Aber es ist ja sein Job! Wäre er Bankkaufmann geworden, bräuchte er sich nicht mit alten, verwirrten Frauen zu unterhalten.“ Ich bin zwar auch kein Bankkaufmann, aber ich habe trotzdem keine Lust auf Gespräche mit alten, verwirrten Frauen. Außerdem habe ich keine Zeit. Meine „Zu tun“-Liste ist voll. Ein Aufsatz zu dem schwierigen Thema „Gerechter Krieg“ steht ganz oben. Da er auf Englisch sein soll, steht er nicht nur auf der Liste, sondern liegt mir auch schwer im Magen.

Sie will plötzlich nicht mehr den Pfarrer sprechen und sagt mir lächelnd, sie sei evangelisch. Ich weise auf unsere evangelische Nachbargemeinde hin. Dort komme sie gerade her. „Meine Güte noch mal: Was wollen Sie dann?!“, denke ich, doch ich schweige.

Sie setzt sich und beginnt zu erzählen. Dass sie eben im Supermarkt Trauben gekauft hat. „Möchten Sie?“ Ich möchte nicht. Dass ihr Enkel zwölf ist und ihr Sohn nicht heiraten will, was sie ihm als Klugheit auslegt. Jetzt lächle ich. Dass sie Arthrose habe und ob ich wisse, was das ist. Ich weiß es. Jedenfalls so ungefähr. Dass Presswehen schmerzhaft sind und Busfahrer manchmal unfreundlich – letzten Sommer habe ihr einer vorgehalten, keinen gültigen Fahrausweis mitzuführen. Letzten Sommer, als es so heiß war in Berlin. Letzten Sommer, als der Arzt ihr eine Diät verordnete. Sie habe zwar eine schöne Torte bekommen, zum Geburtstag, aber 70 sei kein schönes Alter. Heute sei es kalt. Und es regne fürchterlich. Ich habe von meinem Arbeitsplatz aus einen recht guten Blick nach draußen. Es hatte an diesem Tag noch keinen Tropfen geregnet. Die alte, verwirrte Frau beginnt zu nerven.

Dann sieht sie mich an: „Wissen Sie, was Krieg ist?“ Die Frage trifft mich wie ein Blitz. Ich denke an meinen Aufsatz. Ehe ich antworten kann, fährt sie fort. Ganz plötzlich seien sie in ihrer Wohnung gewesen, hätten ihrem Vater ein Gewehr auf die Brust gesetzt und zu ihrer Mutter gesagt: „Komm, Frau!“ Es sei schrecklich gewesen, mitzuerleben, wie der Hitler-Krieg sie heimsuchte. Mit ansehen zu müssen, wie die Mutter vergewaltigt wird. Die Ohnmacht und Angst des Vaters zu spüren. Und die eigene Ohnmacht, die eigene Angst. „Ich war ein kleines Mädchen. Damals, als Krieg war. Heute bin ich eine alte Frau.“ Sie blickt zu Boden, dann wieder auf, wieder auf den Boden. Mir scheint, als sammle sie sich für die entscheidende Botschaft. Sie blickt hoch und sagt: „Sie sind jung.“

Gerechter Krieg. Sie sagt nicht: „Vergiss es!“ Sie erzählt mir nur eine Geschichte. Ihre Geschichte. „Sie sind jung.“ Das heißt übersetzt: „Sie haben den Krieg nicht miterlebt.“ Sie sagt nicht: „Was bilden Sie sich ein, über etwas schreiben zu wollen, das Sie nicht kennen!“ Sie sagt nur: „Sie sind jung.“

Sie steht auf, wünscht mir Gottes Segen und geht. „Vielleicht komme ich mal wieder!“, meint sie zum Abschied. Ich habe den Eindruck, dass ich derjenige bin, der den Zeitpunkt des nächsten Besuchs festlegt. Sie wird kommen, wenn ich mal wieder Mut und Kraft brauche, den Blick zu heben und den richtigen Weg zu suchen. Und vielleicht ja auch zu finden. Sie wird jedenfalls da sein, um mir bei dieser Suche zu helfen. So wie Engel nun mal sind.

(Josef Bordat)

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