Wer Hoffnung hat, lebt anders

2. Oktober 2011


Das Motto des diesjährigen Franziskusfests auf Gut Neuhof, auf den Einladungen versinnbildlicht durch ein gelbes Lachgesicht inmitten eines Stroms aus bläulich-blassen Trauerklößen, steht für die Erfahrung der Menschen auf den Fazendas, wo der Hoffnung der Hof gemacht wird, in Gestalt der Rekuperation von Abhängigen.

„Rekuperation“, das bedeutet, zu sich selbst zurückzufinden, zu seinen Wünschen und Hoffnungen. Ein Jahr dauert das Programm in der Regel, wenn nötig auch länger. Bruder Hans betont die Notwendigkeit, dieses Jahr in einer Gemeinschaft zu verbringen, in der das liebevolle Miteinander die entscheidende Rolle spielt. Wer auf einer Fazenda aufgenommen wird, macht einen radikalen Schritt. Sie oder er muss bereit sein, sich auf die Säulen des Alltagslebens auf der Fazenda einzulassen – Arbeit, Gemeinschaft und Spiritualität.

Jeden Morgen gibt es das Rosenkranzgebet und die Betrachtung eines Wortes aus dem Evangelium. Daran muss man teilnehmen, auch wenn es dem einen oder der anderen aus den Reihen der nicht immer kirchennahen jungen Erwachsenen schwer fällt. Denn das Wort soll im Laufe das Tages in die Tat umgesetzt, es soll „gelebt“ werden. Dazu muss man es hören, verstehen und verinnerlichen. Deshalb sind Betrachtung und Gebet zu Tagesbeginn Pflicht. Ohne Wenn und Aber.

Doch das ist bei weitem nicht die einzige Spielregel, auf die sich die Rekuperanten einlassen. Auf der Fazenda gibt es keine Ersatz- oder Übergangsdrogen. Es gibt keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein Fernsehen, kein Telefon und kein Internet. Der Kontakt zur Außenwelt soll auf ein Minimum reduziert werden, um wirklich zu sich selbst zurückfinden zu können. Und zu merken, wie schön es sein kann, einmal einen Brief per Hand zu schreiben.

Die Fazendas sind also keine Orte des klinisch-therapeutischen Drogenentzugs, sondern Stätten der vollständigen Erneuerung des Menschen und seiner Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Umwelt. Nicht mit den Drogen aufhören, sondern anfangen, ein neuer Mensch zu werden, bei dem die bleibende Versuchung nach erfolgreicher Rekuperation nicht mehr durchdringen kann, darauf liegt der Akzent. Die Rechnung geht auf: Die Rückfallquote ist sehr gering.

Eines der Gebäude auf dem Fazenda-Gelände Gut Neuhof bei Nauen.

Es grenzt nicht an ein Wunder, was auf Gut Neuhof und den anderen Fazendas geschieht, es ist ein Wunder. Es ist wunderbar, wie Menschen aus verschiedenen Ländern, die unterschiedliche Sprachen sprechen und vor Monaten noch im Gefängnis saßen oder in der Gosse lagen, zusammen beten und arbeiten, streiten und sich versöhnen. Wie sie sich stützen auf dem Weg. Und wie sie schließlich von der Droge frei werden und zu neuem Leben gelangen. Es gibt wohl kaum etwas Schöneres, als mitzuerleben, dass leere Augen wieder strahlen, Menschen wieder leben können – und wollen.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurden die Fazendas durch den Brasilien-Besuch Papst Benedikts XVI. im Mai 2007 bekannt. Auf der ersten Fazenda in Guaratingueta traf sich der Heilige Vater mit Bruder Hans Stapel OFM, einem der Gründer der Fazendas, und war von den Erfahrungen der Rekuperanten sehr beeindruckt, so sehr, dass er seitdem mehrmals bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf die Glaubenskraft und die gelebte Liebe, die die Höfe und ihre Bewohner prägt, Bezug genommen hat.

Die Rekuperanten singen das Motto-Lied.

Das diesjährige Franziskusfest war ein ganz spezielles. Es war das 13te auf Gut Neuhof, das erste ohne den am 30. Juni diesen Jahres verstorbenen Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky. Es war auch eines ohne Bruder Hans, der sonst immer dabei war, wenn es sich einrichten ließ, eines ohne Bischof bei der abschließenden Messe und eines, das im Vergleich zu den vergangenen Jahren nicht ganz so gut besucht war. Am Wetter lag es nicht, vielleicht am Termin, denn das lange Wochenende mögen einige Franziskusfest-Dauergäste für einen Kurzurlaub genutzt haben.

Dennoch reiht sich der gestrige Tag in die Tradition gelungener Franziskusfeste ein. Zwei Höhepunkte aus meiner Sicht: Die kurze Katechese von Franziskanerschwester Brigitte Wahl sowie die Gesprächsrunde mit Pfarrer Paul Stapel (Hans‘ Bruder) und Pfarrer Christian Heim zum Thema „Charisma“.

In einer gelungenen Melange aus theologischer Information und persönlicher Erfahrung verdeutlichte Schwester Brigitte die Rolle der Hoffnung im Dreiklang der christlichen Tugenden. Die Hoffnung resultiert aus der Verbindung mit dem lebendigen Gott, daher der Anker als ihr Symbol. Doch sie muss vom Menschen ergriffen werden, wie es im Hebräer-Brief heißt. Ausgehend von der Biographie des heiligen Franz von Assisi, aber auch mit Bezügen zur eigenen Biographie ermutigte Schwester Brigitte zu diesem Schritt.

Um den Begriff „Charisma“ und dessen Bedeutung für die Kirche ging es in dem kurzen Podiumsgespräch mit den Priestern Paul Stapel und Christian Heim. „Charisma“ bedeute „Gabe Gottes“, erläuterte Christian Heim, und beziehe sich auf die Geschenke, die der Kirche durch besondere Menschen und Gemeinschaften außerhalb der pastoralen Hierarchie zuteil werden, vergleichbar einem Fenster, durch das Gottes Licht hineinfallen kann. Immer wieder zeige sich damit Gott selbst in der Geschichte und setze eigene Akzente gegen den Zeitgeist, wenn sich dieser vom Willen Gottes zu entfernen droht. Als die Kirche im Hochmittelalter dem feudalen System zuneigte, trat Franziskus auf und erinnerte an die Armut. Als die Industrielle Revolution Fortschritt und Wachstum versprach, bildeten sich soziale und karitative Orden, die den Menschen vom Rande des neuen Wirtschaftssystems wieder in die Mitte zu holen versuchten – aus Barmherzigkeit.

Heute zeigt die Fazenda der Kirche und der ganzen Gesellschaft die Hoffnung als das, was vielen Menschen fehlt. Das Charisma der Hoffnung ist der wichtige Beitrag der Fazendas zu einer inneren Erneuerung der Kirche – so hoch muss man es wohl hängen. Die „Familie der Hoffnung“ – so heißt die 2010 vom Vatikan anerkannte neue Gemeinschaft, die sich aus der Spiritualität des Franziskanerordens und der Fokolarbewegung speist – stellt uns in den Rekuperantinnen und Rekuperanten Zeugnisse der Hoffnung vor Augen.

Podiumsgespräch zum Thema "Charisma" mit Christian Heim (ganz links) und Paul Stapel (2. v. links).

Menschen von der Peripherie ins Zentrum zu rücken, das, so Paul Stapel, sei die Sache Gottes, eine Sache, die in der Fazenda ihre konkrete Umsetzung findet. Spürbar wird das in der Kapelle, in der die Eucharistie – das Zentrum des christlichen Glaubens katholischer Prägung – inmitten von liturgischen Gegenständen aus Schrott gefeiert wird. Der Schrott erzählt nach der Wandlung zur Kunst von Passion und Auferstehung, zeigt uns Christus und Maria und beherbergt das Allerheiligste. Ein größeres und stärkeres Zeichen der Hoffnung gibt es nicht.

Die Hoffnung darauf, dass Gott auch in Zukunft Menschen verwandelt, diese Hoffnung gelte es in die Welt zu tragen. Paul Stapel wird konkret: Die nächsten Fazendas entstehen in Portugal, der Schweiz und Angola.

Wer Hoffnung hat, lebt anders. Diesen Topos der Verbindung von christlicher Tugend und Lebenspraxis, den Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe Salvi (2007) durchdekliniert, nehme ich mit nach Hause. Und im nächsten Jahr komme ich wieder, wenn am 6. Oktober 2012 das 14te Franzismusfest auf Gut Neuhof gefeiert wird.

(Josef Bordat)

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