Willensfreiheit

18. Oktober 2011


Einige Gedanken zu starkem und schwachem Determinismus

1. Freiheit kann u. a. als Willensfreiheit verstanden werden, ein Begriff, der für die Art und Weise, wie Menschen Freiheit in Bezug auf ein Leben in Verantwortung verstehen, letztlich nicht die Bedeutung hat, die anklingt, wenn man das Wort in den Mund nimmt. Das Wort Willensfreiheit klingt weit wichtiger und das Postulat, dass es keine Willensfreiheit im eigentlichen Sinne gebe, weit dramatischer als es ist. Ich möchte zu erläutern versuchen, warum ich das meine. Dazu müssen wir verstehen, was mit Willensfreiheit gemeint ist und worauf sich die Skepsis ihr gegenüber stützt. Die Beschäftigung mit neurowissenschaftlichen Angriffen auf die Willensfreiheit ist schwierig und ärgerlich, aber insoweit eben auch sehr wichtig.

In der Hoffnung, dass ich Sie damit zum Lesen des Textes motivieren konnte, komme ich zur Sache.

2. Zunächst einmal sollten wir festlegen, was wir unter dem Willen verstehen möchten. Ich halte folgende Definition für brauchbar: Der Wille ist das subjektive Prinzip aller Freiheit, das die Freiheit im Menschen konstituiert. Man sieht, dass der Begriff Wille direkt und untrennbar, so scheint es jedenfalls, mit dem Begriff der Freiheit verbunden ist, als das „Prinzip der Freiheit“, als das, was im Menschen der Freiheit eine Gestalt gibt und ihr Ausdruck verleiht. Freiwillig ist also eine Bezeichnung für das Wesen des konstituierenden Wollens eines Menschen, welches dieser von sich aus, also selbst, festlegt, also frei bestimmt. Willensfreiheit bedeutet eine Unabhängigkeit des Willens von jedweder zwingenden, beeinflussenden Kausalität, äußeren und inneren Ursachen in dem Sinne, dass der Wille als konstante Fähigkeit des Wollens einen Kern enthält, der nicht Produkt oder Wirkung irgendwelcher anderen Faktoren ist. Und genau darin, in den „anderen Faktoren“, liegt das Problem, wie uns einige Neurowissenschaftler zeigen möchten. Sie behaupten, das die neuronalen Prozesse im Gehirn genau solche Faktoren sind, die den Willen bestimmen. Sie sagen: Der Willensakt geht den neuronalen Prozessen nicht voraus, sondern ergibt sich aus ihnen. In entsprechender Weise folgt das Gefühl, eine Handlung intendiert zu haben – also der Willensakt – den für eine Willkürhandlung notwendigen kortikalen und subkortikalen Prozessen und tritt zusammen mit den nachfolgenden Handlungen auf.

Was bedeutet das? Dass es insofern keinen völlig freien Willen gibt, weil diesem etwas vorausgeht, nämlich neuronale Prozesse im Gehirn. Wir sind also nicht frei, sondern Sklaven unserer Neuronen. Wir sind, wenn wir frei sind, bestimmt durch unsere Vernunft, könnte man auch sagen, weit weniger spektakulär, denn das ist ziemlich genau das, was Thomas von Aquin für die naturgemäße conditio humana hält, dass nämlich auch die Motive des Menschen vernünftig sein sollen, damit der Mensch sein Wesen als Mensch nicht verfehlt, damit er menschlich bleibt, könnte man sagen. Den nächsten Urlaub auf dem Jupiter verbringen zu wollen, ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern von Unvernunft. Ein solcher Wille kommt für den Menschen vernünftigerweise von vorne herein gar nicht in Frage. Ist er damit unfrei? Thomas sagt: Nein! Denn der freie Wille muss vernünftig sein, um der Natur des Menschen zu entsprechen, seinem Wesen.

Die Dramatik der Nachricht von der Gebundenheit des freien Willens ist weit weniger erschütternd, als einige fürchten und andere hoffen. Das will ich nun zu zeigen versuchen.

3. Die Behauptung „Der Willensakt geht den neuronalen Prozessen nicht voraus, sondern ergibt sich aus ihnen.“ hat zunächst etwas sehr Gewöhnungsbedürftiges und Missverständliches, das es aufzuklären gilt. Wir müssen dazu zwischen dem starken und dem schwachen Determinismus unterscheiden. Das, was die Hirnforscher meinen, wenn sie behaupten, es gäbe keinen freien Willen, weil vor unserem Wollen stets unsere Neuronen in einer ganz bestimmten, festgelegten Weise feuern, kann man als starken Determinismus auffassen.

Was ist nun davon zu halten? Kurz gesagt: Nichts! Denn: Dem Postulat des starken Determinismus’ ist ein Zirkel inhärent. Die Unmöglichkeit der Autoapplikation hebelt es als Argument gegen den freien Willen bereits in dem Moment aus, in dem es formuliert wird. Warum? Nun, jeder würde ja von sich behaupten, aus freien Stücken zu einem Ergebnis gekommen, an ein Ziel gelangt zu sein – auch der Hirnforscher mit seinem starken Determinismus-Postulat. Damit widerspricht er sich aber, denn wenn er meint, das Determinismus-Postulat frei entwickelt zu haben, dann stimmt dieses in genau dem Fall nicht, der hier zur Debatte steht: eben bei der Entwicklung des Postulats. Und dass dieses immer stimmt, ist ja gerade dessen Aussage. Dem starken Determinismus zufolge muss ja alles determiniert sein, auch der Neurowissenschaftler. Wenn dieser für seine Aussage, alles sei determiniert, Meriten erwirbt, müsste er sie konsequenterweise ablehnen und sagen: „Nicht ich war’s – meine Neuronen!“ Tut er dies nicht, identifiziert er sich also nicht zu hundert Prozent mit seinen Neuronen, sondern lässt sich für einen unaufgebbaren „Rest“ an „Ich“ feiern, widerspricht er sich bzw. seiner Theorie. Mit seinem eigenen Verhalten als Person, genauer: in der mangelnden Bereitschaft, die Erkenntnis des starken Determinismus auf sich selbst anzuwenden, zeigt er, dass mit dieser, seiner Erkenntnis etwas nicht stimmt. In der Tat: Der starke Determinismus ist unhaltbar, denn er behauptet etwas (Unfreiheit), das gerade durch die Behauptung und ihre methodische Voraussetzung (Freiheit) bereits widerlegt wird.

4. Anhänger des schwachen Determinismus sind wir hingegen alle, weil wir ohne kausale Bindungen und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen überhaupt nicht sinnvoll leben könnten. Wenn ich Essen will, muss ich den Mund aufmachen. Ich hab nicht die Möglichkeit, den Mund geschlossen zu halten. Wenn ich mich entscheide, etwas zu essen, dann ist mein Verhalten, was meinen Mund angeht, ziemlich festgelegt. So etwas nehmen wir nicht als Problem im Kontext des Freiheitsbegriffs wahr. Aber man könnte das ja mal als Problem auffassen. Wenn ich zeigen will, dass jemand, der isst, determiniert ist, dann könnte ich ihn darauf hinweisen, dass er gezwungen ist, den Mund zu öffnen, wenn er essen will. Er ist also nicht frei. Wenn er dann nicht mehr isst, um den Mund geschlossen zu halten, reagiert er ja auch auf etwas, nämlich auf meine Intervention. Er ist dann also auch nicht frei.

Aber das ist nicht nur für das wirkliche Leben im Alltag irrelevant, sondern auch für die philosophische Analyse des Freiheitsbegriffs, denn wir bekommen das mit dem Zweck-Mittel-Denken im Rahmen der Handlungstheorie gut in den Griff. Wenn ich A („Essen“) will, A geht aber nicht ohne B („Mund aufmachen“) und das weiß ich, dann muss ich B bereits wollen, wenn ich mich für A entscheide. Anfangs bin ich nämlich frei in Bezug auf A und B. Es gibt natürlich Fälle, und das sind die allermeisten, sobald es komplexere Fragen betrifft, wo man B nicht kennt. Wo man sich durch A auf etwas einlässt und B einen dann möglicherweise überrascht. In solchen Fällen bleibe ich nur dann frei, wenn ich die Freiheit habe, von A zurückzutreten, wenn ich B nicht mehr realisieren kann oder will. Das ist manchmal nicht der Fall und dann empfinden wir deutlich eine Abhängigkeit, eine Unfreiheit (etwa bei einer Bindung durch Vertrag). Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir grundsätzlich von vorne herein determiniert gewesen wären, sondern einfach damit, dass durch unser Handeln Bindungen entstanden sind, die unseren Freiheitsraum einschränken, die zum Zeitpunkt des Eingehens aber gewollt waren und damit freiwillig eingegangen wurden, soweit eben keine inneren und äußeren Zwänge maßgeblich waren. Beispiel: Ich wollte unbedingt in eine bestimmte Wohnung, habe freiwillig einen Mietvertrag unterschrieben, finde dann eine bessere Wohnung, bin aber, wie das so üblich ist, für eine bestimmte Zeit an den Vertrag gebunden. Dann kann ich zwar de facto in die bessere Wohnung, muss aber für die erste Wohnung zusätzlich Miete zahlen bzw. einen anderen Mieter vorschlagen o. ä. Ich bin nicht mehr frei, weil ich mich durch Handlung A („Mietvertrag abschließen“) zur Handlung B („Miete zahlen“) verpflichtet habe. Natürlich auch noch zu weiteren Handlungen, aber bleiben wir mal bei A und B. Ich wusste von A und B und willigte in beides ein. Dann ist A zwar eine Determination für B, aber die Entscheidung für A erfolgte ja aus Freiheit, und B war zum Zeitpunkt, wo A erfolgte, bekannt und gewollt, wurde also ebenso aus Freiheit akzeptiert.

5. Problematisch ist der Determinismus nur als starker Determinismus. Aussage: Alles ist determiniert. Daraus ergeben sich Fragen: „Auch Du bzw. Deine Aussage? Wodurch wird diese denn determiniert?“ Antwort: „Nein, ich bin frei. Meine Aussage ist das Produkt meiner geistigen Freiheit.“ – Ich weiß wirklich nicht, wie lange man eine deterministische Selbstbeschreibung durchhält und wann sie an der Praxis der Lebensvollzüge scheitert. Vielleicht, wenn man einen Preis verliehen bekommt oder wenn man sich verliebt. Zuckt man dann mit den Schultern und sagt: „Es hat ja so kommen müssen!“ Das kann ich mir – beim besten Willen – nicht vorstellen. Man nimmt sich also selber aus den Beschreibungsmodalitäten der Theorie des starken Determinismus heraus. Und das geht nicht: Wir erkennen darin einen Zirkel, eine Widersprüchlichkeit in der Aussage selbst.

Der schwache Determinismus ist hingegen nicht nur unvermeidlich, sondern auch unproblematisch, ja, sogar hilfreich. Das, wovon einige Neurowissenschaftler meinen, es widerlegen zu können (absolute Willensfreiheit), ist nämlich nicht nur in der Tat unmöglich, sondern es wäre auch nicht gut für uns Menschen. Ein absolut freier Wille wäre launisch, zufällig, unberechenbar, zusammenhanglos – ein Wille im kausalen Vakuum. Freiheit ist daher gar nicht primär die Frage nach dem freien Willen, sondern ein Begreifen der paradoxen Freiheitserfahrung als Differenz von Freiheit und Unfreiheit im Rahmen universeller Bedingtheit. Ein Möglichkeitsraum, der unendlich groß wäre, uns also alle Freiheiten ließe, würde uns schlicht überfordern. Wir kennen das im Endlichen, im Alltag als „Qual der Wahl“. Die „Qual der Wahl“ ist die Kehrseite der Freiheit. Wenn nun alles möglich wäre, wäre die Qual unendlich groß. Wie gut, dass da unser Wille durch die Vernunft in seiner Freiheit eingeschränkt ist! Mit Hilfe der praktischen Rationalität müssen wir dort, wo nicht schon äußere Einschränkungen bestehen, das Ausblenden von zur Verfügung stehenden Optionen einüben, um überhaupt ein freies Leben führen zu können. Sonst unterliegen wir dem Zwang, nichts von diesen Optionen verpassen zu wollen – und werden damit unfrei.

(Josef Bordat)


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