Herbst. Sturm. Und Laub

19. Oktober 2011


Zu den großen Errungenschaften deutscher Kultur zählt neben Kindergarten, Schadenfreude und Beckenbauer der ordentlich gepflegte Vorgarten. Schon der mittelalterliche Minnesang thematisiert den traulichen Samstagnachmittagshabitus der fleißigen Besitzer germanischer Doppelhüttenhälften und bringt ihn zum stolzen romanischen Veni, vidi, vici! in vibrierende Spannung: Mähen, säen, jäten. Die Geschichte erzählt, wie Karl der Große kam, sah und unter den Anweisungen seiner Gattin Sträucher umpflanzte. Der Philosoph Leibniz (der mit den 52 Zähnen) soll einst die Hofdamen zu Hannover aufgefordert haben, die Blätter der Parkbäume zu betrachten, damit sie erkannten, dass nicht „eines dem anderen gleiche“ – ein eindrückliches Sinnbild für die Vielfalt göttlicher Schöpfung. Hinterher haben sie die Blätter zusammengeharkt.

Dem deutschen Volk kommt bei der Pflege des Vorgartens eine besondere Rolle zu. Als Kollektiv der Nachbarn wirkt es neben dem genetisch begründeten inneren Antrieb regulierend auf Rasenhöhe und Blumenbestand. Eine besondere Aufgabe kommt ihm, dem Volk, im Herbst zu, wenn die Bäume der unangenehmen Eigenschaft nachkommen, ihre jeweils einzigartigen Blätter fallen zu lassen. Dann kommt etwas zum Zuge, das den ganzen Sommer über in gelassener Warteposition im Schuppen stand: der Laubsauger. Für mich ist nicht die Kultur, die Sprache oder die Fähigkeit zur Selbsttranszendierung der Schlüssel zur Essenz des Menschen, zum eigentlichen Humanisimum, sondern der Laubsauger. Kein anderes Wesen, auch kein Schimpanse oder Delphin, käme auf die Idee, dass den Blättern im Vorgarten Recht sein muss, was dem Staub auf dem Wohnzimmerteppich billig zu sein hat.

Während eines Kurzaufenthalts in Deutschland Anfang Oktober wurde mir, nunmehr in Spanien wohnhaft, die schon fast vergessene deutsche Tugend des herbstlichen Laubsaugens wieder ins Gedächtnis gerufen, in persona eines rüstigen Rentners. Mit einem Laubsauger, der aus energetischen Gründen direkt aus dem naheliegenden Kraftwerk gespeist wurde, ging er der Farbenpracht an den Kragen. Man spürte das Knacken des trockenen Laubs im integrierten Minihäcksler. Hören konnte man es freilich nicht, da der integrierte Minihäcksler seine 80.000 Umdrehungen pro Sekunde auch akustisch dokumentierte. Dazu saugte der Laubsauger mit der Kraft eines inwendigen Hurrikans. „Tornado 2000“ – nomen es omen.

Ich grüßte den rüstigen Rentner, der in seinem Laubsauganzug und dem Schallschutzhelm an Darth Vader erinnerte (falls Sie sich an Darth Vader erinnern). Aus funkelnden Augen sah er mich (ohne Laubsauger in der Öffentlichkeit!) verständnislos an. Sein Blick durchbohrte meine Seele in der Hoffnung, eine Antwort zu finden auf die Frage, die man sich nur im Paradies mit 3 Prozent Wirtschaftswachstum stellt: Schon Laub gesaugt? Er wandte sich wieder den rot-braunen Entitäten zu. Jedes Blatt wurde gejagt wie einst Bin Laden. Ich ging, beschämt, bestürzt, das staatbürgerlich gebotene Gebläse noch Kilometer entfernt mahnend im Ohr.

Was kann ich zu meiner Ehrenrettung sagen? Nun, wie bereits angedeutet: Ich lebe in Spanien. Die Spanier wiederum legen mehr Wert darauf, dass sie Weltmeister werden, als darauf, ihr Ausscheiden in gepflegter Umgebung zu erleben – beim private viewing mit Grillwurst, Bier und Insektenvernichtungsmittel. Außerdem können sich die meisten Spanier eine solche Investition wie den „Tornado 2000“ gar nicht leisten. Spanien ist arm. Sehr arm. Würden die ausländischen Geldgeber morgen ihr Kapital abfließen lassen, wäre „Spanien“ übermorgen bei ALDI Süd im Wochenangebot. Zum Glück gibt’s genug russische Waffenhändler, sonst könnte man die Küste schließen und aus Marbella einen Parkplatz machen.

Oder einen Produktionsstandort. Ja! Das ist es! Ein Joint-Venture auf EU-Ebene: Der „Tornado 2000“ wird in einer Billigvariante für den spanischen Markt produziert. „Der Herbststurm braust“. Oder so. Made in Marbella. Damit ist uns allen geholfen: Der spanische Staatsbankrott kommt drei Tage später als erwartet, Deutschlands Laubsaugerindustrie wird ihrer Rolle als Lokomotive des Aufschwungs gerecht und ich habe meine gewohnte herbstliche Geräuschkulisse: zwischen dem Säuseln des Windes und der „Ich gehe mit meiner Laterne“-CD das Konzert in H-Moll für explodierende Turbinen.

(Josef Bordat)

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