War der Dreißigjährige Krieg ein Religionskonflikt?

23. Oktober 2011


Geht es um Gewalt in der Kirchengeschichte, wird oft der Dreißigjährige Krieg (1618-48) als Paradebeispiel genannt. Er zeige, so Kritiker des Christentums, dass auch dieses seine inneren konfessionellen Konflikte nicht friedlich beilegen könne. In dem Text über die Papstgegner hatte ich behauptet, man könne den Dreißigjährigen Krieg „ebenso gut als Konfessions- wie als Konstitutionskonflikt rekonstruieren“. Für letztere Perspektive möchte ich nun den Beleg liefern, denn neuere (gut, so neu sind sie auch nicht) Forschungen zeigen in der Tat, dass der Dreißigjährige Krieg eher ein Konflikt um staatliche Konstitutionen denn ein Streit um religiöse Konfessionen war. Anlass für diese Erläuterung ist ein Beitrag in Elsas Nacht(b)revier.

Die historische Bewertung des Dreißigjährigen Krieges ist keineswegs eine einheitliche. Schon die Bezeichnung „Dreißigjähriger Krieg“ für die Ereignisse, die zwischen 1618 und 1648 im Wesentlichen auf deutschem Boden stattfanden, ruft Widerspruch hervor. So wird eingedenk der langen Vorgeschichte – Reformation (1. Hälfte des 16. Jh.), Augsburger Religionsfriede als „Problemvertagungsmoment“ (1555), Auflösung des Reichstags und des Reichskammergerichts als wichtige Organe des Ausgleichs und der Konfliktbewältigung (1608), Gründung der protestantischen Union (1608), Gründung der katholischen Liga (1608) – auch die These vertreten, es handele sich um ein finales Element einer längeren Krisenphase (Eric Hobsbawm / Hugh Trevor-Roper) oder um eine Phase der Kriegsverdichtung im Zusammenhang mit der Bildung neuer Staaten in Mitteleuropa (Johannes Burkhardt). Burkhardt beschreibt den Krieg nicht allein als konfessionell motivierten Religionskonflikt, sondern hebt den Mächtekonflikt hervor, der den Krieg auch zu einem Unabhängigkeitskrieg und einen Kampf um die Verfassung geraten ließ.[1]

Dass die protestantischen Landesherren nicht nur um ihr Seelenheil fürchteten, sondern auch und insbesondere um ihr Kirchenregiment als Säule ihrer Landeshoheit, dass ferner die protestantischen Landstände – privilegierte Korporationen von Adel und Städten unter katholischen Landesherren – nicht nur um die Liturgie der reinen lutherischen Lehre besorgt waren, sondern auch und insbesondere um ihre traditionelle Autonomie und ihre Partizipationsrechte, dass mithin die Konfessionsproblematik mit der Verfassungsproblematik unlösbar verbunden war, gilt als sicher. Wie jedoch ist das Verhältnis von Religion und Politik zu deuten? Schilling bezeichnet die Konfessionen in diesem Zusammenhang als „Agenten des internationalen Systems“ (Schilling 1993, S 591 ff.)[2] und meint damit, dass politisches Handeln in der frühen Neuzeit immer auch religiös gefärbt war.

Man gewinnt allerdings den Eindruck, dass die Konfessionsfrage mit zunehmendem Kriegsverlauf eine immer geringere Bedeutung hatte und schließlich ganz hinter konstitutionalistische Erwägungen zurücktrat, denn nach und nach wurde die Dominanz des mächtepolitischen Interesses immer offensichtlicher, etwa in der Entstehung konfessionsübergreifender Bündnisse wie das des katholischen Frankreichs mit dem protestantischen Schweden gegen die Habsburger Zentralgewalt. Burkhardt geht genau diesen politischen Motiven nach und kommt so zu der Bezeichnung „Staatsbildungskrieg“. Für ihn war schon der Prager Fenstersturz nichts anderes als die handgreifliche Form eines „wohlgeplanten Regierungssturzes“ (Burckhardt 1994, S. 493), den die Böhmischen Stände zum Anlass nahmen, sich gegen den Kaiser zu erheben. Tatsächlich ist es so, dass in den Niederlanden und in Böhmen der Widerstand protestantischer Stände gegen die landfremde katholische Herrscherdynastie Habsburg im Mittelpunkt stand und dazu führte, dass die beiden Länder dem Landesherrn die Treue aufkündigten und sich als Republik bzw. Konföderation konstituierten: die Niederlande erfolgreich (Die „unabhängigen“ Niederlande bilden das i. W. noch heute erhaltene Staatsgebiet der Niederlande, während die „spanischen“ Niederlande im Süden in etwa dem Gebiet des heutigen Belgien entsprechen.), Böhmen nicht. Als Nachweis des vorrangig politischen Kriegsmotivs kann der Briefwechsel zwischen den Böhmischen Ständen und den Niederländischen Freiheitskämpfern dienen, in welchem die Böhmen die Generalstände um Unterstützung im Kampf gegen den Kaiser baten, mit dem Hinweis auf die gemeinsame Sache, die Unabhängigkeit (Polisensky 1991, 93).[3]

Im Reich geht es derweil um die Frage, auf welcher Ebene und in welcher Form der Prozess der Staatsbildung eine Fortsetzung erfahren kann, in Form einer zentralistischen kaiserlichen Monarchie oder in Form von souveränen Partikularstaaten der Fürsten in ihren Ländern. Favorisiert wird freilich eine zentralistische Lösung, woraus sich auch erhellt, weshalb der Kaiser so energisch gegen die revoltierenden Stände vorging, denn der Aufstand war eine „Ständerevolte gegen das habsburgische Konzept von Konfessionalisierung und Territorialisierung“ (Press 1994, S. 74).[4] Böhmen hatte eine Schlüsselposition im Reich inne. Habsburg benutzte es, um dem traditionell kaiserfernen Norden näher zu kommen. Damit ist klar, warum es sich der Kaiser nicht leisten konnte, Böhmen zu verlieren.

Eigentlich hätte der Krieg 1620, spätestens 1621, zu Ende sein sollen, nachdem in Folge der Schlacht am Weißen Berg die separatistischen Bestrebungen Böhmens ein jähes Ende gefunden hatten. Doch das Verhalten der drei Großmächte Frankreich, Habsburg und Schweden verhinderte dies. Alle drei stellten einen Anspruch auf eine europäische Universalmonarchie. Vor allem Richelieus harte Haltung lässt den Schluss zu, dass er Frankreich nicht nur gegen Habsburg absichern, sondern es anstelle der habsburgischen Dynastie als Hegemonialmacht in Europa etablieren wollte. Spätestens mit der Kriegserklärung Frankreichs an das Reich (1635) kann nicht mehr von einem „Religionskrieg“ gesprochen werden. Ein Krieg zwischen zwei katholischen Parteien lässt sich so monokausal nicht erklären. Der Westfälische Friede von 1648 zeigt dann auch, was die wirklichen Motive im Dreißigjährigen Krieg waren: Territoriale Einfluss- und Interessenssphären und Fragen nach Herrschaft, Autonomie und Souveränität. Der Westfälische Friede legte den Grundstein für ein modernes Völkerrecht, stellte die Ordnung Europas auf eine neue Grundlage und bestimmt gleichsam die Kernmächte des zukünftigen Staatensystems unter dem Paradigma der Souveränität; Religion spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle (Duchhardt 1995, S. 179 ff.)[5].

[1] Burkhardt, J. (1994): Der Dreißigjährige Krieg als moderner Staatsbildungskrieg. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 45, S.487-499.

[2] Schilling, H. (1993): Konfessionalisierung und Formierung eines internationalen Systems während der frühen Neuzeit. In: Guggisberg, H. / Krodel, G. (Hrsg.): Die Reformation in Deutschland und Europa: Interpretationen und Debatten. Gütersloh.

[3] Polisensky, J. (1991): Tragic Triangle: The Netherlands, Bohemia, Spain 1617-1621. Prag.

[4] Press, V. (1994): Boehmen und das Reich in der frühen Neuzeit. In: Bohemia 35, S. 63-74.

[5] Duchhardt, H. (1999): Reich und europäisches Staatensystem seit dem westfälischen Frieden. In: Press, V. (Hrsg.): Alternativen zur Reichsverfassung in der Frühen Neuzeit? München.

(Josef Bordat)

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