Martin von Tours

11. November 2011


Als Martin den Bettler trifft und dessen Not sieht, sagt er nicht:

„Wenn doch nur die Mäntel gerechter verteilt wären! Dann gäbe es auch keine frierenden Bettler!“

„Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Dich, armer Bettler, frieren lassen, müssen geändert werden, notfalls auch mit Gewalt!“

„Was soll ich Dir helfen, Bettler? Ich habe doch selbst nur einen Mantel!“

„Wenn ich Dir helfe und den anderen Bettlern nicht – wäre das nicht ungerecht?! Ich möchte alle gleich behandeln. Also helfe ich am besten keinem.“

„Ich zahle Steuern. Das muss reichen!“

„Ein Skandal, dass Du frieren musst, lieber Bettler! Ich werde mich, sobald ich in meiner warmen Hütte bin, hinsetzen und einen Beitrag in mein Tagebuch schreiben. Arbeitstitel: ,Kirche lässt Bettler erfrieren!‘ Gut, nicht wahr?!“

„Als römischer Soldat möchte ich mich nicht einmischen in die persönlichen Belange der Angehörigen okkupierter Gebiete. Frieren ist Privatsache!“

„Ja, so ist das: Das Römische Reich ist in der Krise. Die warmen Jahre sind vorbei. Wir müssen alle Opfer bringen!“

„Keine Sorge, Bettler! Bald wird der wissenschaftlich-technische Fortschritt Heizungen hervorbringen! Dann wird es kein Frieren mehr geben – glaub mir: Das wird großartig! Solange musst Du leider noch durchhalten – Niemand bedauert das mehr als ich, denn ich tu doch wirklich nichts lieber als Leid beseitigen. Kopf hoch, Bettler! Du schaffst das!“

Martin sagt gar nichts. Er stellt keine Fragen und macht keine Vorwürfe. Er gibt keine billigen Tipps und keine klugen Ratschläge. Martin teilt seinen Mantel. Einfach so.

(Josef Bordat)

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