Lukas 19, 27 – Aufruf zur Gewalt gegen Andersgläubige?

16. November 2011


Weil Jesus schon nahe bei Jerusalem war, meinten die Menschen, die von all dem hörten, das Reich Gottes werde sofort erscheinen. Daher erzählte er ihnen ein weiteres Gleichnis. Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde zu erlangen und dann zurückzukehren. Er rief zehn seiner Diener zu sich, verteilte unter sie Geld im Wert von zehn Minen und sagte: Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme. Da ihn aber die Einwohner seines Landes haßten, schickten sie eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, daß dieser Mann unser König wird. Dennoch wurde er als König eingesetzt. Nach seiner Rückkehr ließ er die Diener, denen er das Geld gegeben hatte, zu sich rufen. Er wollte sehen, welchen Gewinn jeder bei seinen Geschäften erzielt hatte. Der erste kam und sagte: Herr, ich habe mit deiner Mine zehn Minen erwirtschaftet. Da sagte der König zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger Diener. Weil du im Kleinsten zuverlässig warst, sollst du Herr über zehn Städte werden. Der zweite kam und sagte: Herr, ich habe mit deiner Mine fünf Minen erwirtschaftet. Zu ihm sagte der König: Du sollst über fünf Städte herrschen. Nun kam ein anderer und sagte: Herr, hier hast du dein Geld zurück. Ich habe es in ein Tuch eingebunden und aufbewahrt; denn ich hatte Angst vor dir, weil du ein strenger Mann bist: Du hebst ab, was du nicht eingezahlt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Der König antwortete: Aufgrund deiner eigenen Worte spreche ich dir das Urteil. Du bist ein schlechter Diener. Du hast gewußt, daß ich ein strenger Mann bin? Daß ich abhebe, was ich nicht eingezahlt habe, und ernte, was ich nicht gesät habe? Warum hast du dann mein Geld nicht auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es bei der Rückkehr mit Zinsen abheben können. Und zu den anderen, die dabeistanden, sagte er: Nehmt ihm das Geld weg, und gebt es dem, der die zehn Minen hat. Sie sagten zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn. (Da erwiderte er:) Ich sage euch: Wer hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Doch meine Feinde, die nicht wollten, daß ich ihr König werde – bringt sie her, und macht sie vor meinen Augen nieder! Nach dieser Rede zog Jesus weiter und ging nach Jerusalem hinauf. (Lukas 19, 11-28)

Im heutigen Tagesevangelium sticht ein Satz heraus: Doch meine Feinde, die nicht wollten, daß ich ihr König werde – bringt sie her, und macht sie vor meinen Augen nieder!“ (Lk 19, 27) In anderen (älteren) Übersetzungen heißt es gar: „Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt sie her, und tötet sie vor meinen Augen.“ oder auch „Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir.“

Bevor nun daraus voreilig Rückschlüsse hinsichtlich eines möglichen „Aufrufs zur Gewalt gegen Andersgläubige“ gezogen werden, sollte man das eine oder andere beachten, etwa folgendes:

1. Dieser Vers stammt aus einem Gleichnis. Der „Ich“-Erzähler in dem Gleichnis ist ein „König“. Dieser kann mit dem verherrlichten Christus identifiziert werden, dem „Christkönig“, also dem Christus nach Seiner Rückkehr, dem Christus in der Funktion des Weltenrichters. Es spricht hier also nicht der historische Jesus zu den Jüngern, um diese zu einer konkreten Handlung aufzufordern, wie die Stelle – aus dem Kontext gerissen – suggeriert. Wenn es nun aber in dem Gleichnis um den Christus-König geht, den Weltenrichter, dann muss man diesem Richter der Welt einen gewissen Entscheidungsspielraum zugestehen für den Umgang mit denen, die sich in ihrem Leben nicht von der Liebe, sondern vom Hass haben lenken lassen. Denn das sind die „Feinde“, die hier gemeint sind.

2. Dieses Gleichnis wird in einer emotionalisierten Stimmung erzählt (zuvor hatten viele gesehen, wie Jesus zu Zachäus, dem verhassten Zöllner, eingekehrt ist). Und Jesus erzählt denen, „die das alles miterlebt“ (Lk 19, 11; GN) hatten und nun meinten, das „Reich Gottes werde sofort erscheinen“ (Lk 19, 11; EÜ) dieses Gleichnis, in dem er sie mit deutlichen Worten davor warnt, in dieser Endzeiterwartung die Hände in den Schoß zu legen.

3. In den Gleichnissen wählt Jesus oft sehr drastische Bilder, weil Er (sicher zu Recht) meint, damit mehr Aufmerksamkeit erzielen, Verständnis erfahren und mehr Menschen auf die Spur zu Gott setzen zu können. Die vieldiskutierte „Gewaltsprache“ Jesu kommt denn auch nur in den Metaphern der Gleichnisse vor und auch nur, um die durch alltägliche Gewalterfahrungen blind und taub gewordenen Menschen (vgl. Mt 13, 13) auf die Wahrheit über die Gewalt und die Wahrhaftigkeit möglicher Auswege aus der Gewalt zu stoßen. Die Rede von Gewalt geschieht also um des Verständnisses der Zuhörer Willen („so wie sie es aufnehmen konnten“, vgl. Mk 4, 33), um sie zur Umkehr und einem Leben in Liebe zu motivieren, damit sie in den Augen Gottes gute oder (wie es hier heißt) „tüchtige“ Diener werden.

Das sollte man beachten, bevor man aus Lukas 19, 27 einen „Aufruf zur Gewalt gegen Andersgläubige“ herausliest.

(Josef Bordat)

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