Advent im Hochgebirge

3. Dezember 2011


Heute Nachmittag waren meine Frau und ich auf einer Lesung in der Isländischen Botschaft. (Das muss man Berlin ja lassen: Die Stadt bietet mit Stiftungen, Botschaften, Instituten, Opern, Theatern und Bühnen aller Art ein einmaliges Kulturprogramm!) Gelesen wurde Gunnar Gunnarssons Advent im Hochgebirge (1936), eine Erzählung, die gekonnt und unterhaltsam ins winterliche Island entführt. Ein sehr schöner Text, eine sehr schöne Geschichte.

Doch nicht nur das: Dem Erzählrahmen nach – es geht um einen guten Hirten (so der englische Titel der Erzählung: The Good Shepherd), der verirrte Schafe sucht und für deren Rettung sein Leben riskiert – lässt sich Gunnarssons Geschichte durchaus christlich deuten. Auch die Zeit des Advent, in der die Handlung spielt und der tiefe Glaube des Hirten Benedikt (sic!) weisen deutlich in diese Richtung. Ferner enthält der Text viele Anspielungen auf den Katholizismus. Nicht nur der gute Hirte trägt einen „Papstnamen“, auch sein treuer Hund: Leo. Benedikt selbst nennt ihn ab und an „Papst“. Benedikt und Leo sind mit einem Hammel unterwegs, der die gefundenen Schafe leitet und schützt; sie bilden gemeinsam die „Dreieinigkeit“. Die Anspielungen dieser Art durchziehen die ganze Erzählung und lassen einen christlichen Subtext erahnen.

Ich kannte zuvor weder den Autor (der immerhin viermal für den Literaturnobelpreis nominiert war, ihn jedoch nie verliehen bekam) noch den Text (der auf der Schnee und Eis-Insel im Advent zum Standardprogramm in Schulen und Familien zählt). – Eine echte Entdeckung!

Daten zur deutschen Ausgabe:

Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge
Ditzingen: Reclam (2006)
103 Seiten, € 6,90
ISBN: 9783150106044

(Josef Bordat)

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