3000 Jahre Fremdenhass. Eine ganz kurze Geschichte der Barbarei (2)

12. Dezember 2011


Teil 2: Religion, Ritus, Rechtssystem. Kolonistische Konzeption des Fremden

Thomas von Aquin ist der Meinung, dass es Menschen gibt, die aufgrund ihrer „geistigen Unterlegenheit“ und ihres „robusten Körpers“ für das Sklavendasein geschaffen sind. Das geht auf auf Aristoteles’ Konzept des φύσει δούλος zurück. Insbesondere kämen solche Menschen vermehrt in „barbarischen“ Naturvölkern vor, die „in Stumpfsinn und tierischen Sitten dahinleben“ (vgl. J. Höffner: Kolonialismus und Evangelium. Spanische Kolonialethik im Goldenen Zeitalter. Trier 1972, 77 ff.).

Die Kolonialgeschichte des 16. Jh. ist eng mit diesem aristotelisch-thomistischen Begriff des Barbaren verbunden. Karl V., in dessen Regentschaft als spanischer König (1516-1555) und römisch-deutscher Kaiser (ab 1519) die Konsolidierungsphase der Kolonialisierung Amerikas fällt, hat sich deshalb mitunter als „Bezähmer der Barbaren“ bezeichnet (W. L. Bernecker / H. Pietschmann: Geschichte Spaniens. Stuttgart 2000, 84). Die Barbarisierung der indigenen Bevölkerung des 1492 entdeckten und in den folgenden Jahrzehnten eroberten „West-Indiens“ stützt sich dabei auf die Annahme ihrer Inferiorität. In den ersten vier Jahrzehnten der Conquista gilt die aristotelische Bedingung fehlender Einsichtsfähigkeit der Indios dabei als argumentative Basis. Sie werden nach Thomas mit der für die Versklavung hinreichenden Charakterisierung „stumpfsinnig“ und „tierisch“ belegt. Die aristotelisch-thomistische Kategorie des Sklavenvolkes von Natur wurde offiziell von der Junta de Burgos (1512) auf die indianischen Völker angewendet. Gil Gregorio, Hofprediger Ferdinands II., kennzeichnet die Indios im Gefolge Thomas’ als „sprechende Tiere“, während sein Kollege Bernardo de Mesa die Massenversklavung mit Aristoteles rechtfertigt und den Indios kollektiv „Mangel an Verstand und Klugheit“ unterstellt (M. Gillner: Bartolomé de Las Casas und die Eroberung des indianischen Kontinents. Das friedensethische Profil eines weltgeschichtlichen Umbruchs aus der Perspektive eines Anwalts der Unterdrückten. Stuttgart 1997, 138). Erst 1537 wird in der Bulle Sublimis Deus von Papst Paul III. das Mensch-Sein und damit die Vernunftbegabtheit der autochthonen indigenen Bevölkerung proklamiert. Viel zu spät, und im übrigen für die Praxis wirkungslos.

Mit dieser Charakterisierung ergab sich freilich ein philosophisches Problem: Grundsätzlich sollte es in der spanischen Conquista um die Christianisierung der Barbaren in der Neuen Welt gehen. Die hervorragenden Beziehungen der spanischen Krone zum Vatikan hatten dazu geführt, dass Papst Alexander VI. 1493 mit der Bulle Inter cetera den Spaniern die entdeckten Gebiete zur Missionierung der autochtonen Bevölkerung schenkungsweise übertragen hatte. Die Bulle enthielt neben der Übertragungsformel für diese Gebiete – Alexander VI. spricht von donamus et assignamus („wir schenken und übertragen“) – die Festlegung einer Demarkationslinie zur näheren Bestimmung des Schenkungsgegenstandes und die Bedingungen, den christlichen Glauben in die Neue Welt zu tragen. Die Demarkationslinie verlief von Pol zu Pol auf der Höhe von 38 Grad westlicher Länge und schaffte damit klare Verhältnisse: Afrika den Portugiesen, Amerika den Spaniern. Warum aber sprechen Ronaldo, Ronaldinho und Kaká portugiesisch? Antwort: Die Grenzziehung wurde ein Jahr später im Vertrag von Tordesillas korrigiert. Die Demarkationslinie wurde um rund acht Grad oder 270 Meilen nach Westen verschoben, so dass Brasilien fortan zur Einflusssphäre Portugals gehörte.

Allerdings ist für die Missionierung eine gewisse Vernunftbegabtheit des zu Missionierenden nötig. Denn das Evangelium kann nur annehmen, wer Einsicht in die Herrenworte hat, wurde doch der christliche Glaube und die menschliche Vernunft im Gefolge der thomistischen Philosophie als aufeinander bezogen gedeutet. So standen die Teilnehmer des Legitimationsdisputs, der theologischen, philosophischen und juridischen Auseinandersetzung um die Rechtsmäßigkeit der spanischen Eroberungen im neu entdeckten Amerika, vor dem Problem, der autochthonen Bevölkerung, also den „barbarischen Indios“, einerseits die kulturelle Gleichwertigkeit ab-, andererseits jedoch ein Mindestmaß an Vernunft zuzusprechen, um die „Geschäftsgrundlage“ der Eroberung, Exploration und Massenversklavung nicht zu gefährden: den päpstlichen Missionsauftrag. Ein Dilemma, auf dessen Lösung sehr viel Sorgfalt verwendet wurde, schließlich betrachteten die Nachbarn Portugal und insbesondere Frankreich die päpstliche Privilegierung Spaniens argwöhnisch. So waren Spaniens Gelehrte in einer Art diskursiven Gratwanderung bemüht, die Indios weder als gleichberechtigte Zeitgenossen zu klassifizieren, was das Ende des brutalen Encomienda-Systems bedeutet hätte, noch sie leichtfertig tierisch und verstandeslos zu nennen, was die Erfüllungsmöglichkeit des Bedingungsteils der Inter cetera in Frage gestellt hätte.

Was bedeutet Encomienda? Die Kolonien waren seit 1503, dem Jahr, in dem Königin Isabella I. von Kastilien das erste Encomienda-Gesetz unterschrieb, in kleine Einheiten unterteilt. Jede dieser Einheiten war einem Conquistador unterstellt (encomendar bedeutet „anvertrauen“). In diesem Encomienda-System hatten die Conquistadores – meist verarmte, ungebildete Adlige aus Andalusien, die auf Abenteuer und schnellen Profit aus waren – auf ihren Höfen de facto das absolute Herrschaftsrecht, von dem sie auf grausame Art Gebrauch machten (vgl. T. Eggensperger / U. Engel: Bartolomé de las Casas. Dominikaner, Bischof, Verteidiger der Indios. Mainz 1992, 141).

Im Ergebnis ergab sich eine Charakterisierung der indigenen Bevölkerung als inferior, d. h. sie waren keinesfalls gleichberechtigt mit den Spaniern, aber eben gerade noch fähig, mit Hilfe geeigneter Mittel den rettenden christlichen Glauben anzunehmen. Welche praktischen Auswirkungen diese aus zivilisatorischem Hochmut und rassistischem Überlegenheitswahn erwachsene Abwertung der Fremden als Sklaven von Natur, sprechende Tiere usw. hatte, ist in vielen historischen Quellen dargelegt, die die grausame Behandlung der Indios eindrucksvoll beschreiben (vgl. T. Todorov: Die Eroberung Amerikas. Die Entdeckung des Anderen. Frankfurt a. M. 1988, 210 f.). Die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts immer wieder gegen die Kritik an der Sklaverei in den Kolonien ins Feld geführte aristotelisch-thomistische Argumentationsfigur war schließlich auch ein wichtiger Punkt der Auseinandersetzung zwischen Juan Ginés de Sepúlveda und Bartolomé de Las Casas auf der Junta de Valladolid (1550-1552). Soweit sie Aufschluss geben über den Barbarenbegriff im Kontext der Conquista, sollen die Positionen Sepúlveda, Francisco de Vitorias und Las Casas’ nachfolgend rekonstruiert werden.

In der „Barbarenfrage“ verfolgt Juan Ginés de Sepúlveda den mehrheitsfähigen kolonistischen Gedankengang vom aristotelischen φύσει δούλος über die entsprechende Charakterisierung der Indios bis zu der Schlussfolgerung, die Versklavung sei qua natürlicher Inferiorität der indianischen Bevölkerung legitim. Das aristotelische Postulat des „Sklaven von Natur“ versucht er theologisch aufzuwerten, indem er auf das von Gott gestiftete Ordnungsprinzip der Herrschaft des Vollkommenen über das Unvollkommene verweist. Dieser ontologische Grundsatz gelte sowohl für die Unterscheidung zwischen Herrschenden und Beherrschten innerhalb einer menschlichen Gesellschaft wie auch innerhalb jedes einzelnen Menschen, in dem die Seele über den Körper und – ganz im platonischen Sinne – der rationale Seelenteil über den nicht-rationalen herrsche. Selbst das nicht belebte Sein ist diesem Prinzip unterworfen, weil die „Materie der Form [folgt] wie die Magd ihrer Herrin“ (J. G. d. Sepúlveda: Democrates segundo o de las justas causas de la guerra contra los indios. Madrid 1951, 20 f.).

Bezogen auf die Völkergemeinschaft heißt dies nach Sepúlveda, dass es auch dort Völker gebe, die zum Herrschen und solche, die zum Dienen bestellt seien. Bei der Erörterung der Kriterien, woran die Zugehörigkeit eines Volkes zur Gruppe der natura domini oder der natura servi zu erkennen sei, verweist er auf die aristotelische Unterscheidung hinsichtlich der Vernunftbegabtheit und billigt den Angehörigen der Völker aus der ersten Gruppe prudentia (Klugheit) und ingenium (Begabung) zu, wohingegen die der Völker aus der zweiten Gruppe mit tarditas (geistige Trägheit) und hebes (Stumpfsinnigkeit) gezeichnet seien (Sepúlveda: Democrates segundo, 22). Gleichzeitig seien die Herrenmenschen mit geringen körperlichen Kräften ausgestattet, während bei den Sklavenmenschen die geistige Debilität mit physischer Stärke einhergeht (Sepúlveda: Democrates segundo, 22). Zur Untermauerung der Rollenverteilung zitiert Sepúlveda aus dem Buch der Sprichwörter: „Und der Tor wird Sklave des Weisen [sein].“ (Spr 11, 29) – Auch Thomas von Aquin verweist in seinem Konzept des naturbedingten Sklavendaseins intellektuell vermeintlich minderwertiger Menschen auf diese Stelle in den Sprichwörtern. Dabei sind jedoch, folgt man der Einführung in dieses Buch durch die Herausgeber der Einheitsübersetzung, die Schlüsselbegriffe Weisheit und Torheit nicht verstandesbezogen, sondern hinsichtlich der sittlichen Einstellung der Menschen zu deuten.

Dass die Spanier ein Volk der natura domini bilden, bedarf keiner besonderen Analyse. Sepúlveda verweist kurz auf die herausragenden wissenschaftlichen Beiträge bedeutender Spanier auf den Gebieten Theologie, Philosophie und Astrologie sowie auf die allgemeine Tugendhaftigkeit des spanischen Volkes. Es ist zudem für Sepúlveda ein leichtes, den Status der indianischen Völker als natura servi nachzuweisen. Aufgrund fehlender eigener Erfahrung greift er vornehmlich auf die Historia general y natural de las Indias („Allgemeine Geschichte und Naturgeschichte der Westindischen Inseln“) von Gonzalo Fernández de Oviedo zurück sowie auf eine private Chronik von Bernal Díaz und Aufzeichnungen Sahagúns im Florentiner Codex (T. Todorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. Frankfurt a. M. 1985, 146).

Oviedo als Hofchronist Karl V. ist dabei nicht gerade als neutraler Zeitzeuge zu betrachten. So meint etwa Mario Erdheim, dass er sich derart mit der Position der spanischen Krone identifiziert, dass dies „seine Projektionen auf die indianische Kultur bestimm[t]“ (Anthropologische Modelle des 16. Jahrhunderts: Oviedo (1478-1557), Las Casas (1475-1566), Sahagún (1499-1540) Montaigne (1533-1592). In: Marshall, W. (Hrsg.): Klassiker der Kulturanthropologie. Von Montaigne bis Margaret Mead. München 1990, 24). Somit müssen seine Urteile über das Wesen der Indios, ihre geistigen und moralischen Fähigkeiten, ihre Gesellschaft und ihre Kultur bestenfalls als nicht sachgerecht eingeschätzt werden. Dies allein schon deshalb, weil sich seine Aufzeichnungen auf die Bevölkerung der Karibikinseln und der Küstenzonen bezog, welche sicherlich in noch größerem Maße als diejenige der Binnenländer auf ungewohnte Weise lebte, was zur Herausbildung eines schwer revidierbaren Vorurteils bezüglich aller Einwohner Amerikas führte. So bezichtigt er die indianische Bevölkerung diverser Laster: „Aber von den Indianern und aus den Gegenden, die ich besuchte, weiß ich, daß es einige Sodomiten und viele gibt die Menschenfleisch essen, Götzenanbeter sind, Menschen opfern und sehr lasterhaft sind. Es sind rohe Leute und ohne jedes Mitleid, denn ich habe gesehen, daß wenn sie sterben wollen, sie kein Mitgefühl mit den Hinterbliebenen, Freunden und Nachbarn zeigen, sie sind vielmehr mitleidlose Bestien, und es sind nur wenige, denen fremdes Leid Schmerzen bereitet, und auch viele von diesen haben kein Mitgefühl mit sich selbst, und aus Lust töten sie einander oder lassen sich töten.“ (zit. nach Erdheim: Anthropologische Modelle, 23). Er kommt zu dem Schluss, dass sie vor dem Hintergrund ihrer Lebensweise als „wertlos“ eingeschätzt werden müssen: „Für sich allein genommen sind diese Indianer nur wenig wert. Schon ein Nichts lässt sie sterben oder in die Berge verschwinden; ihr hauptsächliches Streben war nämlich zu essen, zu trinken und zu schlemmen, ihre Wollust zu befriedigen, den Götzen zu dienen und vielen anderen Schmutzereien nachzugehen.“ (Erdheim: Anthropologische Modelle, 24). Auf der Basis dieser Beschreibung baut Sepúlveda seine Analyse auf und fügt den von Oviedo gekennzeichneten Lastern noch das der Feigheit hinzu, denn nur damit sei die problemlose Einnahme des Aztekenreiches durch Hernán Cortes zu erklären, dem dafür nur 300 Soldaten zur Verfügung gestanden hätten. Dennoch hätten sich die in der Überzahl befindlichen Indios abschrecken lassen (Sepúlveda: Democrates segundo, 36). Sepúlveda diskreditiert die kulturellen Leistungen der Azteken – seiner Ansicht nach immerhin „das klügste und wertvollste“ indigene Volk („exemplo Mexicanorum, qui pudentissimi, et fortissimi habeantur“ (Democrates segundo, 35) –, indem er sie mit Instinkten von Bienen und Spinnen vergleicht, die schließlich auch erstaunliche Fertigkeiten hätten: „Nam quod eorum nonnulli ingeniosi esse videntur ad artificia quedam, nullum est id prudentiae humanioris argumentum. Cum bestiolas quasdam opera fabricare videamus, ut apes, et araneos, quae nulla humana industria satis queat imitari.“ (Sepúlveda: Democrates segundo, 36). Die religiösen Riten indes würden sie zwar vom rein animalischen Dasein des Bären und Affen abheben und auf eine gewisse Vernunftbegabung schließen lassen (Sepúlveda: Democrates segundo, 37), jedoch seien die Opferpraktiken so brutal, dass aus ihnen eher Teufelskult als Gottesfurcht zu erkennen sei: „Qui cum daemonia pro deo colerent, hunc nullis sacrificiis aeque placari putabant, ac codibus humanis.“ (Sepúlveda: Democrates segundo, 37).

Auch politisch sei der barbarische Charakter der Indios klar ersichtlich, soweit Sepúlveda bei denen, die „nicht für das Leben eines freien Bürgers“ („non ad vitam civilem et liberalem“, Sepúlveda: Democrates segundo, 37) bestimmt sind, überhaupt eine politische Struktur zu erkennen vermag. Zum einen sei die Vermögensakkumulation in den Händen des Fürsten bei gleichzeitiger Gütergemeinschaft der Indianer ein Zeichen von Barbarei, zum anderen die fehlende Freiheit in einer tyrannisch organisierten Gesellschaft (Sepúlveda: Democrates segundo, 37). Es sei evident, dass unter solchen Bedingungen „diese Menschen als Sklaven […] geboren sind“ („ad servitutem natus esse“, Sepúlveda: Democrates segundo, 37). Von daher sei eine Versklavung nicht nur legitim, sondern auch dringend geboten. Mehr noch: Sepúlveda behauptet, dass diese Versklavung im Rahmen des spanischen Encomienda-Systems das beste gewesen sei, was den Indios passieren konnte, denn schließlich verwandle das „Imperium derer, die mit ihrer Klugheit, Tugend und Religion“ ausgestattet seien, jene Indios „von Barbaren […] in humane und zivilisierte Menschen“: „Quid potuit barbaris istis, vel commodius, vel magis salutare contingere quam ut eorum imperio subiicerentur, quorum prudentia, virtute et religione ex barbaris, et vix hominibus humani et pro ipsorum captu civiles ex flagitiosis, probi, ex impiis, et daemoniorum servis, Christiani, ac veri dei, veraeque religionis cultores efficerentur“ (Sepúlveda: Democrates segundo, 63).

Sepúlveda kommt mit diesem Überlegenheitsdünkel tradierter europäischer Arroganz zu dem Ergebnis, diese barbarischen Indios analog zu den antiken Barbaren kriegerisch zu unterwerfen und in einer Art „Zwangsbeglückung“ in die abendländische Zivilisation einzugliedern. Sepúlveda kann damit als der herausragendste Vertreter einer kolonialen Herrenmoral eines aristotelisch gewendeten Christentums bezeichnet werden.

Bei Francisco Vitoria kommt die Tradition des Barbarenbegriffs schon im Titel eines seiner Hauptwerke zum Ausdruck: De Indis recenter inventis et de iure belli hispanorum in barbaros („Vorlesungen über die kürzlich entdeckten Inder und das Recht der Spanier zum Krieg gegen die Barbaren“). Darin beschreibt er, dass die Weigerung, den Glauben an Christus anzunehmen (nolunt recipere fidem Christi) bzw. die Sünden der Barbaren (peccata ipsorum barbarorum) einen Krieg zur effizienteren Mission und Herrschaftssicherung rechtfertigen.

Doch Vitoria behandelt die indianische Inferiorität wesentlich vorsichtiger als Sepúlveda. Er proklamiert und begründet sie nicht, sondern stellt sie lediglich zur Diskussion (F. d. Vitoria: De Indis recenter inventis et de iure belli hispanorum in barbaros. Relectiones. Vorlesungen über die kürzlich entdeckten Inder und das Recht der Spanier zum Krieg gegen die Barbaren. Tübingen 1952, 12). Dabei spielen für die Legitimation der Conquista die Herrschaftsverhältnisse in den Kolonien vor der Ankunft der Spaniereine zentrale Rolle (Vitoria: De Indis, 12), d. h. die Frage, ob jene Barbaren zuvor rechtmäßige Eigentümer privaten und öffentlichen Gutes waren und es rechtmäßige Herrscher über die in Amerika einheimische Bevölkerunggab (Vitoria: De Indis, 13).

Diese Frage bejaht Vitoria und weist damit die These zurück, die Barbaren seien unfähig, sich selbst zu regieren, wobei er keinen Hehl daraus macht, dass er der Ansicht ist, die Indios seien unter der Führung qualifizierter Machthaber besser aufgehoben (Vitoria: De Indis, 13). Verlieren aber die Barbaren ihre Herrschaftslegitimation bereits durch eine Stigmatisierung als Ungläubige und Sünder, wie dies von Sepúlveda vertreten wird? Tatsächlich verhindert sogar die Todsünde für Vitoria weder den Besitz von Eigentumsansprüchen, noch die Herrschaftsausübung (Vitoria: De Indis, 17); er greift damit auf das Ergebnis des Konzils von Konstanz (1414-18) hinsichtlich dieser Frage zurück: Das Konzil von Konstanz verurteilte die These „Nullus est dominus civilis, nullus est praelatus, nullus est episcopus, dum est in peccato mortali“ („Herrschaft ist nichtig, Prälat ist nichtig, Bischofsamt ist nichtig, solange man in Todsünde lebt.“) als Irrtum. Denn wenn einem Menschen in Todsünde jegliches Recht abgesprochen würde, ginge er auch des Rechtes auf den Besitz von Nahrung verlustig, was wiederum das dominium naturale (natürliche Herrschaft) in Mitleidenschaft zöge, welches als göttliche Gabe nicht durch irdische Gewalt aufhebbar sei (Vitoria: De Indis, 18). Beispiele von sündigen Königen aus der Heiligen Schrift und die apostolische Anweisung aus dem Ersten Petrusbrief, auch schlechten Herrschern zu gehorchen („ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften“, 1 Petr 2, 18), dienen Vitoria als Belege für das Grundrecht auf Herrschaftsausübung der Sünder und damit auch der Barbaren (Vitoria: De Indis, 18). Wie problematisch solche Aussagen jedoch für die Eroberungspraktiken in der Neuen Welt waren, wird deutlich, wenn man die für eine schnelle Kontrolle neuer Territorien zwar effektiven, aber mit Vitoria nicht mehr legitimierbaren Festnahmen indianischer Häuptlinge betrachtet (vgl. J. Lockhart / S. B. Schwartz: Early Latin America. A History of colonial Spanish America and Brazil. Cambridge 1983, 80).

Nachdem die Christen den Barbaren also weder aufgrund ihrer Ungläubigkeit, noch wegen anderer Todsünden ihre herrschaftliche Macht absprechen dürfen, bleibt die Frage, ob dies im Falle geistiger Mängel erlaubt sei. Erlischt bei fehlender ratio Besitz- wie Herrschaftsanspruch, etwa mit Hinweis darauf, dass es ja gerade die Vernunft ist, die den Menschen durch die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Vorgehensweisen abzuwägen, von den Tieren unterscheidet? (Vitoria: De Indis, 27)

Doch wenn der Anspruch auf Eigentum für den Menschen aus seiner Eigenschaft, Abbild Gottes zu sein, erwächst, gelte dies auch für Kinder, die ihren Verstand noch nicht gänzlich einzusetzen wüssten (Vitoria: De Indis, 28 f.). Selbst Geisteskranke, welche Ungerechtigkeit zu fühlen in der Lage sind, besitzen nach Vitoria ein Recht auf Eigentum, weshalb dies auch den Barbaren nicht abzusprechen sei (Vitoria: De Indis, 29). Privat wie öffentlich seien sie zweifelsohne wahrhaftige, den Christen gleichgestellte Inhaber ihres Besitzes (Vitoria: De Indis, 30).

Die große Ausnahme im Legitimationsdisput bildet Bartolomé de Las Casas. Wie Vitoria wendet er sich in seiner Auseinandersetzung mit Sepúlveda vehement gegen den Versuch einer Rechtfertigung der Conquista aufgrund etwaiger Sünden der Barbaren. Doch anders als Vitoria bezeichnet er alle spanischen Eroberungszüge in der Neuen Welt als rechtswidrig, ungerecht, ruchlos und tyrannisch, kurzum als Todsünde. Diese These durchzieht sein gesamtes Werk.

Hinsichtlich vermeintlicher Inferiorität der Indios stellt er dem unreflektierten europäischen Ethnozentrismus eine differenzierte Analyse des aristotelischen Barbarenbegriffs entgegen. So unterscheidet er zwischen Barbaren als grausame und inhumane Menschen, Barbaren als Fremde, Barbaren in ihrem eigentlichen Sinn als servi natura und Barbaren im biblischen Sinne als nicht-christliche Menschen (Gillner: Bartolomé de Las Casas, 160 ff.).

Unter die Barbaren als grausame und inhumane Menschen, ein Bedeutungszusammenhang, der sowohl in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles (1253a) und der Bibelauftritt (Der „Barbar“ erscheint bereits im Alten Testament als gesetzloser Mensch, der sich wie ein wildes Tier verhält, 2 Makk 15, 1 f.), subsumiert er ob ihrer brutalen Kriegsführung und der „Wildheit ihrer Sitten“ (Gillner: Bartolomé de Las Casas, 161) auch Kulturvölker wie die Griechen und Römer. Vor allem aber haben sich die spanischen Conquistadores als Barbaren zu erkennen gegeben: „Et de horum numero revera Hispani nostri non sunt alieni, qui nimio ex operibus immanissimis, quae in illas nationes execuerunt, superarunt barbaros universos.“ (B. d. Las Casas: Apología. Hrsg. v. Losada, A. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 9, Madrid 1988, 82). Damit gibt er in seiner konsequenten Art dem Disput um die Inferiorität die entscheidende Wendung: Nicht die Indios sind die Barbaren, sondern die Spanier!

Der Barbar als Fremder erscheint bei Las Casas als neutral-deskriptive Bezeichnung für den Anderen. Auch in dieser Ausdeutung lässt sich der Barbarenbegriff auf die Spanier anwenden, da die spanische Kultur den Indios genauso fremd erscheinen musste wie umgekehrt die indianische den Spaniern (Gillner: Bartolomé de Las Casas, 161 f.). So, wie die Indios „Nicht-Spanier“ waren, so waren die Spanier „Nicht-Indios“.

Unter die Kategorie des servus natura, unter welche die Conquistadores grundsätzlich alle Indios fassten, subsumiert Las Casas nur diejenigen, „die ihren Geist versperrt haben, die Dummen, die der Vernunft Beraubten, die Untüchtigen, die Unmenschlichen, die Wilden, die mit verderbten Gebräuchen Korrumpierten und die Aufrührer“ („nimirum stupore mentis obruti, stolidi, a ratione alieni, incapaces, immanes, efferi, pravis moribus, corrupti“, Las Casas: Apología, 122). Hier zeigt sich, dass er die aristotelische Lehre vom φύσει δούλος grundsätzlich anerkennt, weil er überhaupt die Möglichkeit zulässt, dass es Menschen gibt, die aus irgendwelchen Gründen und unter bestimmten Umständen als Sklaven von Natur zu bezeichnen sind. Die Indios in ihrer Gesamtheit unter das Generalurteil „servi natura“ zu stellen, ist für Las Casas jedoch ein Absurdum, denn wenn ganze Völker aus dummen und unmenschlichen Individuen bestehen sollten, wie Sepúlveda behauptet, dann müsse Gott bei der Schöpfung ein systematischer Fehler unterlaufen sein. Silvio Zavala führt dazu aus: „Para convencerse, no es preciso esperar a verlo con los ojos, sino pensarlo con el entedimiento cristiano, que supone la obra poderosa y recta del Creador. Todas las naciones del mundo son de hombre, y no unas de hombres y otras de homúnculos.“ (Las Casas ante la doctrina de la servidumbre natural. In: Ders.: Recuerdo de Bartolomé de Las Casas. Guadalajara 1966, 42 f.).

Schließlich nähert er sich dem Barbarenbegriff von der theologischen Seite, d. h., er definiert den Barbaren als einen Menschen, der „Christus nicht kennt“ (Gillner: Bartolomé de Las Casas, 167). Biblisch begründet er diese Definition mit einer Stelle im Buch der Weisheit aus dem Alten Testament („Mit dem Gedanken an Götzenbilder beginnt der Abfall [vom Glauben, J.B.], und ihre Erfindung führt zur Sittenverderbnis.“, Weish 14, 12), theologisch im Rekurs auf Augustinus’ De Civitate Dei („Vom Gottesstaat“), in dem der Kirchenvater feststellt, dass in keinem Volk Gerechtigkeit herrschen könne, das Christus nicht kennt, und juristisch mit der Beurteilung der Nicht-Christen als „lasterhaft“ im Decretum Gratiani (vgl. Las Casas: Apología, 120).

Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen erkannte er in den indianischen Völkern den durchaus vorhandenen hohen Grad an Organisation und hielt sie für fähig zur echten politischen Kooperation. Er beschreibt in seiner Apologética historia ausführlich die Gesellschaft der Indios, um die spanische Öffentlichkeit über diese zu informieren und die Verleumder der hochstehenden amerikanischen Kulturen „zum Schweigen zu bringen“ (F. Mires: Im Namen des Kreuzes. Der Genozid an den Indianern während der spanischen Eroberung: theologische und politische Diskussionen. Fribourg 1989, 178). Die Indios seien, so befand Las Casas, rationale Wesen, deren Vernunftbegabtheit er gleich mit zehn Argumenten untermauerte. Sechs natürliche Ursachen (causas naturales) und vier besondere Ursachen (causas particulares) nennt er (B. d. Las Casas: Apologética historia sumaria. Bd. 1. Hrsg. v. Castelló, V. A. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 6, Madrid 1992, 285). Zu den causas naturales zählen der Einfluss des Himmels, die natürlichen Bedingungen der Länder, das milde Klima, die gesunde Ernährung, das Lebensalter der Älteren und die gute physische Verfassung, zu den causas particulares die Zurückhaltung beim Essen, Maßhaltung in den sinnlichen Neigungen, Gelassenheit hinsichtlich weltlicher Dinge und das Fehlen emotionaler Extremlagen (Zorn, Hass, Liebe etc.) (Las Casas: Apologética historia 6, 285). Er billigt ihnen weiterhin monastische (B. d. Las Casas: Apologética historia sumaria. Bd. 2. Hrsg. v. Castelló, V. A. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 7, Madrid 1992, 221 f.), ökonomische (Las Casas: Apologética historia 7, 227) und politische (Las Casas: Apologética historia 7, 261) Klugheit zu; Sepúlveda folgt ihm hinsichtlich der ersten beiden „Klugheiten“; eine politische Klugheit jedoch billigt er den Indios nicht zu.

Las Casas kommt schließlich zu der Feststellung, dass die Indianer nicht weniger rational seien als andere antike Völker wie die Ägypter, Griechen oder Römer und „nur geringfügig niedriger“ einzuschätzen seien als die Spanier höchst selbst: „De donde se sigue, sin controversia y sin alguna duda, estas gentes, cuanto a sus entendimientos y uso de razón, no ser en el mundo los menos racionales, ni de los egipcios, griegos, romanos, ni aun de los d’España mucho inferiores.“ (Las Casas: Apologética historia 7, 630). Damit erteilt er jeder Begründung der Conquista, die sich auf die angebliche Inferiorität der autochthonen Bevölkerung stützt, eine klare Absage.

Schließlich scheinen nach Ansicht des Dominikanerpaters einige Disputanten das aristotelische Barbarenkonzept nicht richtig verstanden zu haben – eine polemische Spitze gegen Sepúlveda, der die Politik Aristoteles’ ins Lateinische übersetzt hatte und zu seiner Zeit als der Aristoteles-Experte galt. Doch von „Barbaren“ könne mit Blick auf die Indios ohnehin nicht die Rede sein, so Las Casas, betrachte man nur das geordnete Gemeinwesen in den Ortschaften und Städten Westindiens, das „in manchen ein besseres [ist] als bei uns“ (B. d. Las Casas: Deutsche Werkauswahl. Bd. 3.1: Sozialethische und staatsrechtliche Schriften. Hrsg. v. Delgado, M. Paderborn 1996, 253). Die eigentlichen Barbaren, auch das erkennt Las Casas, sind die, die zur Barbarei aufrufen, an ihr mitwirken und von ihr profitieren: seine spanischen Landsleute.

Wie gut, dass mit dem Inferioritätsgedanken und dem Barbarenkonzept des Fremden Dank der Aufklärung bald Schluss war! In der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurde der Fremdenhass begraben, ein für alle mal! – Oder etwa nicht?

(Josef Bordat)

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