3000 Jahre Fremdenhass. Eine ganz kurze Geschichte der Barbarei (3)

13. Dezember 2011


Teil 3: Zivilisation, Moralität, Rasse. Aufklärerische Konzeption des Fremden

Bis ins 18. Jahrhundert waren die Themen, die Sepúlveda und Las Casas erörtert hatten, nicht mehr Gegenstand heftiger Debatten. Die Europäer hatten sich daran gewöhnt, daß die Legitimität ihrer Kolonialherrschaft in Amerika und anderen Teilen der Welt generell akzeptiert wurde. Sofern die öffentliche Debatte über die Kolonialgebiete überhaupt weiterging, konzentrierte sie sich in erster Linie auf das Recht der Autonomie der europäischen Siedler in diesen Gebieten und weniger darauf, wie Europäer sich gegenüber den eingeborenen Bevölkerungen verhalten sollten. Dennoch kamen die Europäer jetzt in ihren Expansionsbestrebungen, Reisen und Handelsbeziehungen – vor allem in Asien – immer häufiger in Kontakt mit Bewohnern jener Zonen, die man im 19. Jahrhundert als ,Hochkulturen’ bezeichnete – ein Konzept, da sich unter anderem auf China, Indien, Persien und das Ottomanische Reich erstreckte“ (I. Wallerstein: Die Barbarei der anderen. Europäischer Universalismus. Berlin 2007, 41). Diese von Immanuel Wallerstein beobachtete Ambivalenz von eurozentrischer Arroganz und Achtung vor den anderen „Hochkulturen“ (wobei man sich freilich vorbehielt, diese jeweils nach eigenen Maßstäben zu definieren), zeichnet in der Tat die weitere Geschichte des Kolonialismus’ in der Neuzeit aus.

Man sollte meinen, dass sich die lascasianische Sicht im Zuge der Aufklärung durchsetzte, diese also mit ihrer Betonung religions- und kulturunabhängiger Vernunft des Menschen an sich die Tradition des Inferioritätspostulats und der Barbarisierung des Fremden endgültig überwand. Doch das Gegenteil ist der Fall: Aristoteles wird reaktiviert. Die Steilvorlage des antiken Barbarenkonzepts macht es vielen Denkern leicht, die Inferioritätsidee aufzugreifen und das Fremde systematisch zu diskreditieren. Was für die Philosophie der Patristik, der Scholastik und insbesondere der Barockscholastik galt, gilt weiterhin ebenso für die europäische Aufklärung. Das mag überraschen, aber es lässt sich über Nationen und Generationen hinweg eine Einigkeit hinsichtlich der prinzipiellen Diskreditierung des Fremden nachweisen. Denker, deren epistemologische und ethische Ansätze weit von einander entfernt sind, stimmen in der systematischen Abwertung des Fremden überein.

In der Tat lässt sich auf der einen Seite zunächst ein rationalistisch fundierter Gedanke der Egalität der Menschen über nationale und kontinentale Grenzen hinweg beobachten, v. a. bei Leibniz und Wolff, die im aufgeklärten Preußen unter Friedrich dem Großen eine regelrechte „China-Euphorie“ entfachten, die sich heute noch baulich nachvollziehen lässt; man denke etwa an das Chinesische Teehaus im Park des Potsdamer Schlosses Sanssouci. Während Leibniz in seiner letzten philosophischen Abhandlung Die Natürliche Theologie bei den Chinesen auf der Grundlage weniger Textstellen des Konfuzius und des Neukonfuzianers Chu Hsi eine Verbindung zwischen den Grundprinzipien des Konfuzianismus und der christlichen Philosophie herstellt und dabei voll des Lobes für die chinesische Kultur ist, von der Europa – „der Barbarei kaum entwachsen“ – viel lernen könne, argumentiert sein Epigone Christian Wolff in der Rede von der Sittenlehre der Sineser (1721) mit dem Blick nach Fernost dafür, dass sich ethische Prinzipien nicht auf Gott stützen müssen, dass also auch „ein Atheist ein moralisches, d. h. gewissen natürlichen Grundlagen der Gesellschaftlichkeit entsprechendes Leben führen könne“ (C. Buschmann: Wolffianismus in Berlin. In: Förster, W. (Hrsg.) Aufklärung in Berlin. Berlin 1989, 78). In der preußischen China-Begeisterung des 18. Jh. zeigt sich eine erstaunliche Offenheit für das Fremde.

Auf der anderen Seite jedoch gibt es auch ein Aufgreifen der ideengeschichtlichen Tradition des Barbarenbegriffs. Das Argument der unterentwickelten Indios wirkte sich – soviel ist klar – stabilisierend für die Kolonialmacht Spanien aus, in der Folge aber auch für alle anderen Kolonialmächte wie Portugal, die Niederlande, England und Frankreich. Die Legitimität der Herrschaftsausübung aus „passenden“ anthropologischen Erwägungen als Begründung europäischer Hegemonie in der Welt wurde nahtlos fortgesetzt. Ich möchte daher zum Ende dieses Abschnitts nicht unerwähnt lassen, dass die europäische Geisteselite des 17., 18. und 19. Jahrhunderts eifrig um eine Zementierung des Inferioritätspostulats bemüht war, was eine eigentümliche Dialektik von Humanismus und Aufklärung auf der einen, Eurozentrismus und Pseudowissenschaft auf der anderen Seite erahnen lässt.

David Hume, der es für seine Aufgabe als Philosoph und Historiker hielt, herauszufinden, unter welchen Bedingungen die menschliche Natur sich vom barbarischen zum zivilisierten Zustand empor entwickelt (vgl. E. Morton: Race and Racism in the Works of David Hume. In: Journal on African Philosophy, Jg. 1 [2002], Nr. 1), behauptet im Essay Of National Characters, dass alle Nationen, die jenseits der Polarkreise oder zwischen den Wendekreisen leben, im Vergleich zum übrigen Menschengeschlecht minderwertig seien (D. Hume: Of National Characters. In: The Philosophical Works of David Hume. Including all the essays, and exhibiting the more important alterations and corrections in the successive editions published by the author. Bd. 3. Edinburgh / Boston 1854, 228 f.). Denn, so Hume, sie könnten jene Entwicklung zu zivilisierten Gesellschaften, die Hume ethisch begründet, „von Natur aus“ nicht mitmachen: „He concluded that moral causes led whites to develop from barbarism to civilization, but that blacks were unable by nature to make a similar advancement from barbarism.“, mit der Konsequenz: „For Hume, the barbarous situation of blacks is unalterable.“ (Morton: Race and Racism).

Der große Rechts- und Staatsphilosoph Montesquieu stellt fest, dass das Klima und die Art der Bodenbeschaffenheit in den tropischen Gefilden zwangsläufig zur Herausbildung von Sklavennaturen hatte führen müssen (C. d. Montesquieu: Vom Geist der Gesetze. Stuttgart 1965, 268 f.). Und Preußens großer Staatsphilosoph Hegel begründet in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte systematisch die natürliche Inferiorität der Neuen Welt und rechtfertigt historizistisch die Zerstörung indianischer Kulturen als ein notwendiges Ereignis: „Man hat sie in Europa gesehen: Geistlos und von geringer Fähigkeit der Bildung. Die Inferiorität dieser Individuen in jeder Rücksicht, selbst in Hinsicht der Größe, gibt sich in allem zu erkennen […] Von Amerika und seiner Kultur, wie sie namentlich in Mexico und Peru sich ausgebildet hatte, haben wir zwar Nachrichten, aber bloß die, daß dieselbe eine rein natürliche war, die untergehen mußte, sowie der Geist sich ihr näherte.“(G. F. W. Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III. In: Ders.: Werke. Bd. 20, Frankfurt a. M. 1970, 199 f.). Si tacuisses…!

Ein besonders beredtes Beispiel anthropologischer Ignoranz liefert Immanuel Kant. In der „Nationenkunde“ seiner Schrift Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen lässt sich der in Königsberg fest verwurzelte Kant auf allerhand Urteile über europäische Nachbarn, aber auch über außereuropäische Kulturen ein, was dann in der Charakterstudie über die „Negers von Afrika“ so klingt: „[Sie] haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“ (I. Kant: Gesammelte Schriften. Hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften / Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Bd. 2 [Vorkritische Schriften 1757-1777], Berlin 1910, 253). Und mit Bezug auf eben jenen David Hume fügt er hinzu: „Herr Hume fordert jedermann auf [In Of National Characters, J. B.], ein einziges Beyspiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freyheit gesetzt würden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgend einer andern rühmlichen Eigenschaft etwas großes vorgestellt habe, obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel empor schwingen, und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben. So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen Menschengeschlechtern, und er scheint eben so groß in Ansehung der Gemütsfähigkeiten, als der Farbe nach zu seyn.“ (Kant: Gesammelte Schriften, 253) – Wolbert Smidt weist darauf hin, dass schon 1787 Johann Friedrich Blumenbach dieser humeschen Aufforderung nachkommt und eine kurze Liste bedeutender Schwarzafrikaner veröffentlichte (Die philosophische Kategorie des Läppischen und die Verurteilung der Afrikaner durch Kant. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien, Jg. 4 [2004], Nr. 6, 50 [Anm. 28]; vgl. dazu auch W. Smidt: Afrika im Schatten der Aufklärung. Das Afrikabild bei Immanuel Kant und Johann Gottfried Herder. Bonn 2000).

Diese Bestimmung des Zivilisierten, Ingeniösen und Moralischen wurde im Europa der Aufklärung kaum hinterfragt. So ist ein rassistischer roter Faden erkennbar vom 17. bis zum 19. Jh., von Hume bis Hegel, an den auch die großen Vordenker des demokratischen Toleranz- und Freiheitsduktus in Frankreich und Preußen, Montesquieu und Kant, anknüpfen. Auf diese Weise wurde der Barbarisierung ganzer Völker und Ethnien ein „rationaler“ und „aufgeklärter“ Nährboden bereitet. Von moralischem Fortschritt, Kernanliegen des Bemühens um Vernunft und Bildung in Rationalismus und Hochaufklärung, ist hier, aller moraltheoretischen Klugheit zum Trotz, nichts zu erkennen.

(Josef Bordat)

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