3000 Jahre Fremdenhass. Eine ganz kurze Geschichte der Barbarei (5)

14. Dezember 2011


Teil 5: Fazit

Nur wenn man sich vom Eigenen soweit entfremdet, dass das Eigene nicht mehr als absoluter Gegensatz zum Anderen gedacht wird, sondern sich in der Beziehung zum Anderen entfaltet, kann verhindert werden, dass das Fremde zum Barbarischen und man in der Folge selbst zum Barbaren wird. Die bewusste und reflektierte Selbstentfremdung als Überprüfung eigener Denk- und Handlungsweisen gibt die Chance, die Antonyme „fremd“ und „eigen“ in Kongruenz zu bringen. Das gilt im Individuell-zwischenmenschlichen, aber auch für die internationalen Beziehungen.

Solange es Europa und die von europäischer Kultur geprägten westlichen Mächte aber als ihr selbstverständliches Recht betrachten, in anderen Regionen der Welt zu intervenieren und den dort lebenden Menschen – notfalls auch mit Gewalt – ein Leben nach ihrem Gutdünken zu vermitteln, indem sie bei ihnen ein sozio-politisches System auf Basis der Maßstäbe okzidentaler Kultur einrichten, um davon selbst am meisten zu profitieren, weil sie dabei offenbar vorrangig von handfesten wirtschaftlichen Interessen angetrieben werden, solange besteht die Gefahr, dass Menschen zu Barbaren erklärt werden, um diesem Vorhaben eine humanitäre Maxime zu verleihen und die wahren Motive im Dunkeln zu halten. Dass dies nicht prima facie die Unmöglichkeit humanitärer Interventionen nach sich ziehen muss, habe ich an anderer Stelle ausgeführt (vgl. dazu J. Bordat: Gerechtigkeit und Wohlwollen. Das Völkerrechtskonzept des Bartolomé de Las Casas. Aachen 2006).

Dass dabei jedoch immer die Gefahr besteht, bei dem Versuch der Entbarbarisierung der Welt selbst zum Barbaren zu werden, zeigt die Geschichte der spanischen Conquista, aber auch die Erfahrung mit neokolonialen Projekten im 20. Jahrhundert. Eingedenk dieser Gefahren hängt von der Deutung des Fremden nicht weniger ab als der Frieden in der globalisierten Welt.

(Josef Bordat)

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