Stillers Nacht

23. Dezember 2011


Den Deutschen sagt man nach, sie seien Vereinsmeier. Gibt es irgendeinen Sachverhalt – die Deutschen machen zwei Vereine draus: einen dafür, einen dagegen. Und einen weiteren, für Menschen, die sich von mindestens einem der beiden Vereine gestört fühlen.

Nun ist mir ein Schweizer Verein namens „IG Stiller“ aufgefallen, weil auf dessen Website ein Forum betrieben wird, in dem sich sehr kritisch mit meinem Artikel Lärmterror auseinandergesetzt wird.

Der Verein „IG Stiller“ wendet sich aus Lärmschutzgründen dezidiert gegen „Kirchenglocken-Geräusche“; gegen „Rathausglocken-Geräusche“ hat er offenbar nichts einzuwenden. Das hat in etwa die logische Qualität, die eine Umweltschutz-Gruppe an den Tag legte, wehrte sie sich gegen Abgase aus blauen, nicht aber aus roten Autos. Aber gut: Sei es! Ein Verein braucht einen Zweck. Mehr nicht. Und der kann eben auch darin bestehen, die Schadstoffemissionen der Chemischen Industrie Deutschlands an Donnerstagen abzusenken. Kümmere sich um den Mittwoch, wer will!

Ansonsten wechseln sich in den Informationen des Vereins „IG Stiller“ völlig abwegige Argumente („Das Wort ,Glocke’ kommt in der Bibel nicht vor.“) mit ganz vernünftig klingenden (Entschuldigung!) Vorschlägen zur „sozial verträglichen“ Art des Läutens zu den Stundengebetszeiten (etwa hinsichtlich Dauer und Lautstärke) munter ab. Man schwankt beim Lesen also zwischen Das ist jetzt Satire, oder? Und – verdammt! – gar keine schlechte! („Weder von Jesus noch von einem seiner Jünger ist bekannt, dass sie Glocken geläutet haben.“) sowie Hört sich erst mal nicht verkehrt an! (Einhaltung der Nachtruhe zwischen 22 und 7 Uhr). Kurz: Die Damen und Herren des Vereins „IG Stiller“ machen einem die Beantwortung der Frage, wie ernst man „IG Stiller“ nun genau nehmen sollte, nicht ganz einfach.

Ich tendiere – bei allem Respekt! – dazu, die Bedeutung von „IG Stiller“ nicht überzubewerten, zumal ein Verein, der 2004 für einen feierlichen Offenen Brief, adressiert an so ziemlich alle, die mit Lärmschutz und Kirchenglocken zu tun haben, ganze 120 Unterzeichner fand, dass ein solcher Verein nicht unbedingt geeignet ist, eine neue Glocken-Ära in Europa einzuläuten (noch mal: Verzeihung!). Inwieweit der Verein, der nach eigenem Bekunden noch „Vorstandsmitglieder“ sucht, tatsächlich aktiv ist und wenn ja, in welcher Form, weiß ich nicht. Immerhin betreibt der Verein ein recht vitales Forum, in dem es nun also in Sachen „Lärmterror“ hoch her ging.

Erster Eindruck: Dezidierte Sachstandsanalysen („Eure christlich-religiöse Heiligenscheinmentalität ist längst bekannt. Kein noch so lautes Glockengeschetter[sic!, J.B.] kann von euer Dummheit ablenken.“) bilden zusammen mit historischen Basisinformationen („Über die Jahrhunderte hat kein Pfarrer, Generalvikar, Bischof, Kardinal, Papst absolut nichts sinnvolles getan, keine Arbeit verrichtet, nichts für die Gesellschaft getan [wenn einmal die Wut so richtig schäumt, gehen sinnverdrehende doppelte Verneinungen leider unter – ich kenne das – und die Pastoralreferentinnen werden wieder mal vergessen, J.B.], UND DAS SIND FAKTEN [Hervorhebung im Original, J.B.], nur den Menschen das Essen, eigentlich alles was sie besaßen zu nehmen, nur damit sie scheinheilge[sic!, J.B.] Gebete, Phrasen von sich geben und natürlich ihre Bäuche vollstopfen konnten. Ihre einzige Leistung bestand darin, kriminelle Energie zu etablieren.“) einen bunten Diskursreigen rund um das Thema Lärmschutz, der in düsteren Zukunftsprognosen über eine von „Klerikalfaschisten“ und ihr „aggressionsförderndes Dauerläuten“ beherrschte Gesellschaft kulminiert: „So lange dieser religiotische christibansche Machtapparat denn Leuten von Kindesbeinen an den Schiss in ihre Hosen treibt, Schiss vor Paradieserlust[sic!, J.B.], Schiss vor diesem Deppen, den sie Gott nennen, so lange kann man nichts von ihnen erwarten.“ Immer eng am Thema, immer ganz „Stiller“! – Aber ich weiß jetzt wenigsten, wo die Aggression herkommt.

Im Grunde aber geht es mir um folgenden Kommentar zu meinem Artikel und meiner Person [„Patrik, 20. Dezember 2011, 18:15“, URL dem Verfasser bekannt, J.B.]:

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Ja, der Schreibling[sic!, J.B.] ist ein gewisser Hr. Josef Bordat.

Das Wort „Trottel“ ist noch sehr milde gewählt [die Bezeichnung „Trottel“ bezieht sich auf den vorherigen Kommentar, der zu dem Urteil kommt: ,Das ist ein ziemlicher Trottel, der sowas schreibt!!!’, J.B.], denn die menschenverachtende Theologie-Sicht wird durch folgendes Zitat bestätigt: „das Läuten von Kirchenglocken, katholischen Glocken, also: Glocken an katholischen Kirchen, dass also dieses Geläut das größte, ja, sogar, dass es das einzige Problem des Planten ist. Das ist – ich wiederhole mich gerne – Freiheit und diese Freiheit gilt es zu verteidigen“.

Dieses konditionierte Wesen meint, dass der schädliche Glockenlärm,(die dB sind derart hoch, dies kann jeder Umweltmediziner bestätigen), dass das Glocken-SCHLAGEN [Hervorhebung im Original, J.B.] eine Freiheit darstellt und die er sogar verteidigen will.

Diese Aussage macht deutlich, wie stark der Drang zum Sadismus besteht. Genau so wie im Mittelalter, wo ein Mensch verbrannt wurde mit der Begründung, der wird durch das Feuer gereiningt[sic!, J.B.] und das macht ihn frei. Wie bitte?!!! Ein unschuldiger Mensch wird auf brutalsten Art umgebracht und die Täter bezeichnen ihre Tat als Freiheit?! DAS SIND DOCH KREATUREN [Hervorhebung im Original, J.B.], die ihre menschenverachtende Lehre-SCHLÄGE [Hervorhebung im Original, J.B.] aufrechterhalten wollen, weil sie am Sadismus gefallen[sic!, J.B.] finden. Es mach[sic!, J.B.] ihnen Spass[sic!, J.B.] die Menschen zu foltern, sie mit Glockenlärm zu terrorisieren.

Dazu sage ich ganz klar, mit euren Foltermethoden ist nun Schluß[sic!, J.B.], eure sadistischen Perversitäten praktiziert an euch selbst.

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Nun, dieser „Trottel“ mit der „menschenverachtenden Theologie-Sicht“, dieses „konditionierte Wesen“ hat zunächst und vor allem schlicht und ergreifend „Spass“ daran, richtig zitiert zu werden. Vollständig lautet nämlich der Satz wie folgt: „Man muss sagen dürfen, dass die Lärmbelästigung durch das Glockenläuten, also das Läuten von Kirchenglocken, katholischen Glocken, also: Glocken an katholischen Kirchen, dass also dieses Geläut das größte, ja, sogar, dass es das einzige Problem des Planten ist. Das ist – ich wiederhole mich gerne – Freiheit und diese Freiheit gilt es zu verteidigen.“ [Hervorhebung nicht im Original, J.B.]

Man muss sagen dürfen – diese Overtüre lässt der Kommentator der Einfachheit halber weg. Gut, ich überlese auch gerne in Redaktionsantworten das Ja, glauben Sie etwa in: „Ja, glauben Sie etwa, wir können Ihren Text so veröffentlichen!“ – Aber so ganz redlich ist das ja nicht, wenn man es genau nimmt.

Zudem: Wenn man sich zwingt, den ganzen Satz zu lesen, nicht nur den zitierten Teil, beugt man Fehldeutungen wie der des Kommentators in der Regel wirksam vor. Es gilt nämlich aus meiner „menschenverachtenden Theologie-Sicht“ – und nichts anderes steht in meinem Text – gerade jene Freiheit der Meinung zu verteidigen, von der Menschen Gebrauch machen, die sich gegen das Läuten von Kirchenglocken wenden. Das heißt, das „konditionierte Wesen“ unterstreicht damit gerade das Recht auf Meinungsfreiheit – auch für die, die eine abweichende Meinung vertreten. Zugleich vertritt der „Trottel“ aber auch das Recht auf Religionsfreiheit als Ausübungsfreiheit, von der jener selektiv zitierende Kommentator scheinbar nicht ganz so viel hält. Aber auch das – die Bekundung des Willens, die Religionsfreiheit als Ausübungsfreiheit abzuschaffen – gilt es im Zweifel als Meinung auszuhalten. Ja, der „Trottel“ ist sogar der Meinung, dass man sagen dürfen muss, dass es sich bei seiner Person um einen „Trottel“ handelt. Das ist Freiheit und die gilt es auszuhalten. Mehr noch: Diese Freiheit gilt es zu verteidigen.

Also: Man sollte – trotz aller Vorbehalte gegen eine Person – erkennen, wann bzw. anerkennen, dass diese sich mit einer Aussage an die eigene Seite stellt. Mit meiner Aussage zur Freiheit der Meinungsäußerung stehe ich tatsächlich an der Seite kreativ-kritischer Kommentatoren, deren Einlassungen ich – weitestgehend – aushalten muss. Das ist – genau! – Freiheit. Ich hoffe, jetzt ist der Bezug klar.

Zur Frage allerdings, inwieweit ich Unterstellungen des Inhalts aushalten muss, ich hätte einen „Drang zum Sadismus“ bzw. fände „am Sadismus gefallen[sic!, J.B.]“ und es mache mir daher „Spass[sic!, J.B.] die Menschen zu foltern“, was scheinbar gleichbedeutet ist mit: „sie mit Glockenlärm zu terrorisieren“, zu dieser Frage behalte ich mir eine juristische Klärung ausdrücklich vor, auch deshalb, weil die Perpetuierung des Vorwurfs, Menschen beim Läuten der Kirchenglocken Gewalt antun zu wollen („Foltermethoden“, „sadistische Perversitäten“) und dies nach Ansicht des Kommentators ja auch tatsächlich zu tun, mir eindeutig zeigt, dass es sich hierbei nicht um „Ausrutscher“ handelt. Da ich als Küster in meiner Pfarrei auch für das Läuten der Glocken verantwortlich bin, wirft mir der Kommentator damit direkt vor, Menschen zu foltern und zu terrorisieren. Ob ich das hinnehmen muss, werde ich gelegentlich prüfen lassen. Netterweise gehen die Betreiber des Forums sehr offen mit ihren Daten um, an einer ladungsfähigen Anschrift mangelt es also nicht.

Andererseits gefällt mir der Gedanke, mich für meinen Küsterdienst zur Frühmesse mit Hinweis auf die Genfer Konvention zu entschuldigen. Darauf wäre ich nicht gekommen. Nicht nach 23 Bier. Nicht nach 23 Fässern Bier. Nicht nach Übernahme der Sperrminorität bei Brau & Brunnen. Auch die gewaltstrotzende Typographie („Glocken-SCHLAGEN“) verdient Beachtung. Es ist gut, dass mal jemand den Finger in die Wunde legt! Ich meine, wie oft passiert das hierzulande und keiner schreit (lautlos!) auf: Sahne SCHLAGEN, Hertha SCHLAGEN, Reformen vorSCHLAGEN. Die ganze Argumentation im zweiten Teil ist ohnehin von eleganten Kombinationen geprägt („Genau so wie im Mittelalter“), die selbst die phantasievolle Kreativabteilung des FC Barcelona neidvoll erblassen ließe. Und das gibt mir tiefen, inneren Frieden.

Ich wünsche allen Menschen zum Weihnachtsfest eine ruhige, besinnliche Zeit.

(Josef Bordat)

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