Nicht alles Gold, was glänzt

5. Januar 2012


Der wirtschaftliche und militärische Misserfolg der Welser als Verwalter Venezuelas (1528-1556)

1. Wer schon einmal mit Lateinamerikanern zu tun hatte, der wird bemerkt haben, dass unter diesen ein recht positives Deutschland-Bild vorherrscht. Das liegt nicht nur am Oktoberfest und auch nicht nur an der erfolgreichen wirtschaftlichen und entwicklungspolitischen Zusammenarbeit Deutschlands mit den meisten lateinamerikanischen Ländern, sondern v. a. daran, dass Deutschland in Lateinamerika keine Kolonialmacht war. Allein: Das stimmt so nicht ganz, denn zum einen haben die deutschen Bank- und Handelshäuser der Fugger und Welser die spanische Conquista Lateinamerikas im 16. Jahrhundert finanziert. Und zum anderen waren die Welser – im Gegensatz zu den Fuggern – nicht nur als Geldgeber, sondern auch aktiv an der Exploration vor Ort beteiligt, da Karl V. ihnen 1528 die Verwaltung Venezuelas übertrug, verbunden mit dem Handelsmonopol auf den lukrativen Märkten für Sklaven, Gold, Perlen, Farbstoffe, Edelhölzer und Arzneimittel. Karl verpfändet damit jenes Gebiet an die Welser, das er im Mai 1520 den Missionaren der Franziskaner und Dominikaner überlassen hatte, ein 600 km langer Küstenstreifen auf dem venezuelanischen Festland in der Gegend um Cumaná und Chiribichi.

Um einen Eindruck von der Verwaltungstätigkeit der Welser zu bekommen, sei eine Stelle aus Las Casas’ Brevísima relación de la destruición de las Indias zitiert, in der er über die Welser in Venezuela schreibt: „Ich denke aber, sie wüteten weit grausamer unter ihnen (den Indios, J.B.), als alle bereits erwähnten Barbaren (Spanier, J.B.), ja noch viehischer und rasender, als die blutgierigsten Tiger und wütigsten Wölfe und Löwen. […] setzen alle Furcht vor Gott und dem Könige, und alle Scham vor den Menschen hintenan; und da sie so große Freiheit genossen, die Jurisdiktion des ganzen Landes in den Händen hatten, so vergaßen sie beinahe, daß sie sterblich waren.“(Más pienso sin comparación cruelmente que ningunos de los otros tiranos que hemos dicho, y más irracional y furiosamente que crudelísimos tigres y que rabiosos lobos y leones. […] propuesto todo temor a Dios y al rey y vergüenza de las gentes, olvidados que eran hombres mortales, como más libertados, poseyendo toda la jurisdición de la tierra, tuvieron.“, ed. de André Saint-Lu. Madrid 2003, S. 147; dt. in: Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder, hg. von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt a. M. 1993, S. 85 f.). „Weit grausamer als die Spanier.“ Wer weiß, wie sehr Las Casas die Spanier attackiert und welche Gräueltaten er ihnen zuschreibt, der kann einschätzen, was das bedeutet!

Die Frage ist nun, warum die Welser aus diesen ökonomischen Idealbedingungen keinen entsprechenden Profit ziehen konnten, mal unterstellt, dass die These vom wirtschaftlichen und militärischen Misserfolg richtig ist. Ich möchte die Gründe unter Bezug auf die Rezeptionsgeschichte der Welser-Verwaltung in Venezuela aufzeigen.

2. Noch in Konrad Haeblers Buch Die überseeischen Unternehmungen der Welser und ihrer Gesellschafter von 1903, das also unmittelbar nach der Venezuela-Krise 1902/03 erschien (Im Winter 1902/03 hatten deutsche, italienische und britische Schiffe die venezolanischen Häfen blockiert, um ihre Handelsinteressen durchzusetzen.), ist die Rede davon, dass „der materielle Erfolg […] über die Höhe der [..] der gebrachten Opfer nicht ausgeblieben ist“ (S. 396), dass sie bei ihren Eroberungen „so weit, wie bis heute nur wenige nach ihnen, in das unerforschte Innere des südamerikanischen Binnenlandes vorgedrungen [sind]“ (S. 397) und dass sie schließlich auch bei den rechtlichen Auseinandersetzungen vor dem Indienrat „Erfolge zu verzeichnen gehabt [haben]“ (S. 397). All dies, so Haeblers Resümee, „gibt uns das Recht, auch heute noch mit Stolz aus das zurückzublicken, was deutscher Unternehmungsgeist, deutsche Ausdauer und deutsche Energie vor langen Zeiten und in fernen Landen geleistet haben. Und den Welsern gebührt das Verdienst, die führenden Geister auf diesem Felde der Ehre gewesen zu sein.“(S. 397)

Zwar hatte sich Haebler in kritischer Weise mit Hermann Schumachers Die Unternehmungen der Augsburger Welser in Venezuela (1892) auseinandergesetzt, rügt etwa die „sinnstörende Deutschtümelei“ (S. 50) dieses Buchs, doch ist von Misserfolgen auch bei Haebler nicht die Rede. Dennoch gilt dieses Buch nach wie vor als „grundlegend“, wie Michaela Schmölz-Häberlein feststellt (Kaufleute, Kolonisten, Forscher: Die Rezeption des Venezuela-Unternehmens der Welser in wissenschaftlichen und populären Darstellungen, in: M. Schmölz-Häberlein, J. Burkhardt (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses, Berlin 2002, S. 320-344, hier: S. 324).

Zum 400. Jubiläum des Welser-Abenteuers (1928) erschienen mehrere Aufsätze (u. a. Venezuela als Kolonialbesitz der Augsburger Welser von O. Aust und Dedekinds 1528-1556. Kolonisation der Welser in Venezuela) sowie zwei weitere Bücher zum Thema: Karl Panhorsts Deutschland und Amerika sowie Otfried von Hansteins Auf der Jagd nach dem goldenen Kaziken. Darin wird grundsätzlich die Meinung vertreten, „deutsche Innovationsleistungen [wurden] aufgrund des Neides und der Mißgunst anderer verkannt“ (Schmölz-Häberlein, S. 328).

In der Zeit des Nationalsozialismus (1933-45) standen die militärischen Eroberungszüge im Mittelpunkt, und Nikolaus Federmann wird zum Heroen eines deutschen Kolonialismus’, der in seinem frühen Stadium nur an der Kurzsichtigkeit der Welser sowie an Intrigen gescheitert sei. So spricht Erich Reimers in seinem historischen Roman Die Welser landen in Venezuela (Leipzig 1938) davon, dass die Welser in ihrer buchhalterischen Manier die Größe ihrer Aufgabe verkannt hätten, nämlich den ersten Versuch zu unternehmen, „weite Gebiete fremder Erdteile unter deutsche Verwaltung und deutschen Einfluss zu bringen“ (S. 124). Den militärischen Misserfolg führt er auf „[d]ie unbegreiflich kurzsichtige und rein kaufmännisch berechnende Politik des Welserhauses“ zurück (S. 124). Auch die Engstirnigkeit der spanischen Behörden wird als Grund genannt. Ernst Kienitz rügt in seiner Zeittafel zur deutschen Kolonialgeschichte (München 1941) diesen Umstand und kommt zu dem Schluss: „Eine staatliche deutsche Kolonialpolitik konnte es in einem spanischen Weltreich […] nicht geben“ (S. 11).

Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird mit den „Welser-Mythen“ aufgeräumt. Juan Friedes Monographie Los Welser en la conquista de Venezuela (1961) und sein Aufsatz Das Venezuelageschäft der Welser (1967) sowie Enrique Ottes Monographie Cédulas Reales relativas a Venezuela 1500-1550. Compilación y estudios preliminar (1963) kommen durch das Studium der Prozessakten und anderer einschlägiger Unterlagen in Notariatsarchiven zu dem Ergebnis, dass an den Legenden des militärischen Ruhms, etwa an der „Welserflotte“, nichts wahres dran ist, und revidierten die positive Betrachtung der Welser als Opfer ihrer ökonomischen Zwänge und der uneinsichtigen Spanier, wie sie zwischen den Weltkriegen aufgebaut worden war. Es mehrten sich seit den 1980er Jahren die Arbeiten, welche die kritische Sicht unterstrichen, etwa Volkmar Vareschis Venezuala. Die Erste Deutsche Kolonie (1985), Walter Großhaupts Der Venezuela-Vertrag der Welser (1990) und Rolf Walters Der Traum von Eldorado. Die deutsche Conquista in Venezuela im 16. Jahrhundert (1992).

3. Dass die Welser-Verwaltung in Venezuela in der Tat auch wirtschaftlich ein Misserfolg war, ist in dieser Deutlichkeit eher ein neuer Forschungsbefund, der v. a. durch die umfangreiche Arbeit Götz Simmers, eine 800-Seiten-Dissertation unter dem Titel Gold und Sklaven: Die Provinz Venezuela während der Welser-Verwaltung (1528-1556) aus dem Jahre 2000 und einige kleinere Arbeiten zum Venezuela-Unternehmen der Welser zu Tage gefördert wurde. Zu nennen ist hier etwa der Aufsatz Die Welser in Venezuela. Das Scheitern ihrer wirtschaftlichen Ziele von Jörg Denzer, erschienen in dem oben genannten Sammelband von Schmölz-Häberlein und Burkhardt aus dem Jahre 2002 (S. 285-319).

Diese neueren Forschungen zeigen, dass die Handelsaktivitäten weit weniger lukrativ waren als angenommen und führen auch aus, warum der Erfolg ausblieb. Entscheidend war die Vernachlässigung des Managements zugunsten einer Militarisierung der Welser-Verwaltung ab Mitte der 1530er Jahre, also die Verlagerung von wirtschaftlichen auf militärische Interessen. Hintergrund der Aufgabe des Kerngeschäfts Handel zugunsten von militärischen Eroberungszügen war der Traum von „El Dorado“, getrieben von den Berichten über ein sagenhaftes Goldreich nach der Eroberung Perus durch Pizarro (1532). In der Hoffnung auf raschen Reichtum gaben die Faktoren der Welser das Handelsgeschäft auf und verlegten sich auf Eroberungen. Zweimal versuchten die Welser-Conquistadores das Goldreich ausfindig zu machen. Die erste Entrada (1534-38) unter Führung von Georg Hohermuth endete mit der Gründung von Santa Fé de Bogotá, der heutigen Hauptstadt Kolumbiens, durch Nikolaus Federmann, den Stellvertreter Hohermuths, sowie durch die Spanier Gonzalo Jiménez de Quesada und Sebastián de Belalcázar, die sich mit ihren Truppen von Norden bzw. Süden näherten. Ökonomisch blieb der Feldzug ohne Belang. Die zweite Entrada (1541-46) unter Philipp von Hutten endete verlustreich und mit erheblichen Spannungen in der Führung. „El Dorado“ blieb auch dieses Mal unentdeckt. Die unangenehme wirtschaftliche Folge war jedoch, dass die Siedler wegen ihrer Schulden nicht mehr belangt wurden, weil sie als Soldaten für die Entradas gebraucht wurden (vgl. Simmer, Berlin 2000, S. 711).

Doch nicht nur, dass mit den kostspieligen militärischen Experimenten der Handel einging und das Goldreich nie gefunden wurde: Der zunehmende Interessenkonflikt zwischen den Welsern, die aggressiv auf Expansion ihrer Einflusssphäre drängten, und den spanischen Conquistadores sorgte für das Ende der Welser-Verwaltung in Venezuela. Den Entradas folgte am 28. Januar 1546 wegen Nichterfüllung des Kronvertrags von 1528 die Aberkennung der Rechte an der Provinz. Das Urteil wurde zwar von den Welsern angefochten, aber nach 10jährigem Prozess vor dem Indienrat am 13. April 1556 im Ergebnis bestätigt, so dass die Welser-Verwaltung 1556 offiziell endete.

Die Tatsache, dass ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen das nüchterne Kalkül der wilden Spekulation um ein Geschäftsfeld opferte, dessen Existenz nur in Erzählungen verbrieft war, wirft die Frage nach der Verantwortung auf. Die genannten Forschungsarbeiten jüngeren Datums sehen die Verantwortung für das Scheitern bei den Faktoren in Venezuela, die in Eigenregie den Wechsel vom Kaufmann zum Soldaten vollzogen. Die Konzernspitze in Augsburg habe kaum Einfluss gehabt und die Fehlentscheidungen seinen vor Ort getroffen worden. Denzer fasst zusammen: „Mit den Entradas eröffnete sich den Faktoren eine verlockende Aussicht, schnell reich zu werden. Wie hätten sie das Wohl der Firma, mit dessen Schicksal sie nicht verbunden waren, nicht aus den Augen verlieren können?“ (Denzer, S. 319).Die Gier triumphierte über langfristige wirtschaftliche Interessen und führte zum Scheitern der Handelsmission. Kommt einem bekannt vor.

(Josef Bordat)

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