Justin Bieber

1. März 2012


Justin Bieber wird heute 18 Jahre alt. Gefühlt hat der Junge, also: der junge Mann, schon mindestens 80 Lenze auf dem Konto, gemessen an den Erfolgen und an dem riesigen Zuspruch vor allem weiblicher Fans.

Justin Bieber ist das erste lupenreine Web 2.0-Produkt in der Gegenwartskunst. Das behaupte ich einfach mal ungeschützt. Seine Karriere via youtube ist einzig- und neuartig zugleich. Der Unterschied zwischen „Demobänder verschicken“ und „Eigene Videos hochladen“ mag zwar nur ein gradueller, kein prinzipieller sein, aber doch wird eine neue Dimension an Vermarktungsmöglichkeit für junge Talente und solche, die sich dafür halten, offenkundig.

Was mich darüber hinaus an Justin Bieber interessiert, ist sein christlicher Glaube. Und die Frage, wie dieser medial rezipiert wird, vor allem in den Neuen Medien, deren „Kind“ der Künstler Bieber wie erwähnt ist. Leider erfährt man etwa in der deutschen Fassung von Wikipedia über Biebers Glauben nur sehr wenig, lediglich, dass er „als Tätowierung […] einen Jesus auf der Wade [trägt]“. Kein Wort über die Bedeutung des Glaubens für seine Kunst und sein Leben, die Bieber diesem höchstselbst zuschreibt. Das wäre aber – auch bei einem noch so jungen „Superstar“ wie Justin Bieber – gar nicht so unwichtig, zumal, weil Justin Bieber diesen Jesus nicht nur auf der Wade, sondern im Herzen trägt, wie man in der englischen Wikipedia erfährt: „He said he has a relationship with Jesus, talks to him and ,he’s the reason I’m here’“. Jesus ist also nicht nur ein schrilles Tattoo-Motiv für Bieber, sondern der Grund für Leben und Werk. Deutliche Worte, von denen der deutschsprachige Wikipedia-Nutzer leider nichts erfährt. Geradezu ausführlich wird diesem dagegen Biebers Engagement für die Tierrechtsorganisation PETA präsentiert.

Nun, es ist ja nicht ungewöhnlich, dass das Thema Religion bei der Darstellung von Leben und Werk berühmter Persönlichkeiten in der deutschen Wikipedia hauptsächlich bei prominenten Atheisten thematisiert wird, auch dann, wenn ein Bezug zu ihrem öffentlichen Leben und ihrer Arbeit nicht erkennbar ist. Bei Jürgen von der Lippe steht, er sei „bekennender Agnostiker“ (wobei fraglich bleibt, was genau ein Agnostiker eigentlich zu bekennen hat, außer ein fehlendes Bekenntnis aufgrund mangelnder Erkenntnis, griechisch gnosis). Eigenartiger Weise wird vorher erwähnt, von der Lippe sei „katholischer Messdiener“ gewesen – Messdiener und dann auch noch „katholischer“. Soll hier in einer Zehn-Zeilen-Biographie für einen Entertainer eine Konversionsgeschichte erzählt werden? Leitgedanke: „Seht her, ihr Ex-Ministranten, es ist möglich, sich von der Indoktrination des Katholiszismus zu befreien!“ – So etwas in der Art? Nicht? Was aber soll das dann bedeuten: „bekennender Agnostiker“, zumal ein Bezug dieser Information des vonderlippeschen Bekenntnisses zur Nicht-Erkenntnis (a-gnosis) zum weiteren Artikel nicht gegeben ist.

Man ist also einiges an Tendentiösem in Wikipedia gewohnt, deren Autoren vor einseitiger Zitationspraxis und fragwürdigen Kontextualisierungen nicht zurückschrecken, wenn es eben nur gegen Kirche, Papst und so geht. Dass aber die deutsche Wikipedia das gleiche Thema, also: Religion, bei gläubigen Prominenten gleich ganz ausspart, auch wenn es biographische Bedeutung hat und sich auch das Werk so viel besser erschließen lässt, ist schon mehr als bedauerlich.

Also: Da, wo der Glaube nach Selbstauskunft offenbar eine große Rolle spielt (Justin Bieber), wird er verschwiegen, da, wo der Unglaube offenbar keine Rolle spielt (Jürgen von der Lippe), wird er erwähnt. Ein Schelm, wer hier das Interesse an säkularistischer Deutungshoheit schnell und wild vor dem Wahrheits- und Vollständigkeitsanspruch enzyklopädischer Arbeit davongaloppieren sieht.

Ich bleibe noch eine Weile bei der englischen Wikipedia. Dort erfährt man, dass sich Justin Bieber vor Jahresfrist in der Musikzeitschrift Rolling Stone eindeutig zu den Zielgruppenthemen „Liebe, Sex & Zärtlichkeit“ geäußert hat: „Asked whether a person should wait until marriage to have sex, Bieber responded, ,I don’t think you should have sex with anyone unless you love them.’ Asked about his opinion on abortion, Bieber said he does not ,believe in abortion’ and that it is ,like killing a baby’. When asked about abortion in cases of rape, he said, ,Well, I think that’s really sad, but everything happens for a reason. I don’t know how that would be a reason. I guess I haven’t been in that position, so I wouldn’t be able to judge that.’ In the same interview, Bieber talked about homosexuality, stating that ,It’s everyone’s own decision to do that. It doesn’t affect me and shouldn’t affect anyone else’.“ Sehr klare christliche Positionen, für das Junktim von Liebe und Sexualität, für das Leben, für das Gewissen – im Fall der Homosexualität allerdings stark subjektivistisch geprägt. Selbst das reicht dem Rolling Stone nicht: Man will von Bieber ein klares Bekenntnis zur Homosexualität als „lifestyle choice“ und ist – wohl zu Recht – unsicher, ob dies in den Aussagen Biebers enthalten ist: „Rolling Stone commented, ,It is not clear whether he intended to label homosexuality as a lifestyle choice.’“

Und jetzt kommt’s: Dieser störrisch-mittelalterlichen (lies: christlich-fundamentalistischen) – Ja, was denn sonst? – Grundposition zum Trotz („However“) setzt sich Justin Bieber für ein Anti-Diskriminierungsprojekt ein, das nach dem Selbstmord eines gemobbten Schülers ins Leben gerufen wurde: „However, Bieber has also contributed to the It Gets Better Project, a project started in response to the suicide of Billy Lucas, a teenager who was the target of anti-gay bullying.“ Das ist ja ein Ding! Jemand, der nicht laut und deutlich genug „homosexuality“ als „lifestyle choice“ anpreist und unter Umständen ja „nur“ die persönliche Entscheidung respektiert, ohne gleich vor Ehrfurcht auf die Knie zu fallen, wenn jemand ihm sagt: „Ich bin schwul.“, also solch ein freches Früchtchen hilft doch tatsächlich Opfern von „anti-gay bullying“! Das ist zwar ein Bilderbuchbeispiel für die Trennung von Verhalten und Mensch, wie sie jedem Christen obliegt, der es ernst meint mit der Nachfolge Jesu, doch der wikipedische Zeitgeist wundert sich über soviel Inkonsequenz – „However“. Umgekehrt scheint zu gelten: Wer „homosexuality“ als „lifestyle choice“ nur oft genug öffentlichkeitswirksam dufte fand, muss sich im Alltag nicht mehr groß um die Opfer von dämlichem Mobbing oder gar körperlichen Übergriffen kümmern. Da reicht dann die Betroffenheit.. Und der Fingerzeig auf die, die nicht mitklatschen beim neuen Standard-„lifestyle“, dessen „choice“ immer mehr zur „chic“ und eines Tages vermutlich zur „duty“ wird.

Genug aufgeregt.

Happy Birthday, Mr. Bieber!

(Josef Bordat)

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