Nein!

3. März 2012


Die Blogger-Kollegin Anni Freiburgbärin weist in dem Beitrag Kindesmord und scheinheilige Empörung auf einen Artikel im „Journal of Medical Ethics“ hin, in dem Alberto Giubilini und Francesca Minerva fordern, dass Eltern das Recht haben sollten, wenige Tage alte Säuglinge umzubringen. Begründung: „Neugeborene hätten wie Ungeborene noch keine Fähigkeit, die ein moralisches Recht auf Leben rechtfertigen.“

Soweit zum Kindesmord. Weiterhin rügt sie die allgemeine Empörung, die der ethische Ansatz von Giubilini / Minerva nach Rezeption der Forschungsarbeit in Publikumszeitschriften wie dem Magazin Focus mit sich brachte als „heuchlerisch“, da jene kritischen Kommentatoren*, die nun „uninformiert schwafelten“, den großen Kontext nicht erkennen wollen, in dem solche Ansätze entstehen: den am Lebensbeginn und -ende gesellschaftlich längst weitgehend akzeptierten Angriff auf das menschliche Lebensrecht unter der Maßgabe von Autonomie, Selbstbestimmung und phänomenologischen Kriterien („Schmerzempfindungsmöglichkeit“, „Interessen- und Präferenzbildungsfähigkeit“), die das ontologische Moment des Menschseins qua Mensch sein überlagert haben.

So wird denn aus der These der Forscher, Babymord sei nichts anderes als Abtreibung (übrigens: ein „sehr schöner“ Beleg für die Richtigkeit des Dammbruch-Arguments der Lebensschutzethik), umgekehrt ein Schuh! Die Kollegin schließt folgerichtig mit den Worten: „Der einzig wahre Ansatz ist der der katholischen Kirche. Vom Augenblick der Befruchtung, bis zum natürlichen Tod hat der Mensch seine Würde, sein Recht zu leben. Mutwilliges Töten lästig gewordener Mitmenschen, ob geboren oder ungeboren, hat in der katholischen Kirche keinen Platz.“

Hut ab und vielen Danke für die klaren Worte, liebe Kollegin, denen ich mich ohne Abstriche anschließen kann!

Bloß: Die Sache mit dem Recht auf Kindesmord (zumal, wenn das Baby doch nicht so ganz den Ansprüchen der Eltern genügt) ist so neu nicht. Sie stammt aus der Ethik des Präferenzutilitarismus nach Peter Singer, in dem Menschsein und Personsein entkoppelt werden.

Der erschreckend unskrupulöse Umgang mit Menschen ohne Person-Status kommt dann nicht überraschend: Wer aufgrund des Prinzips der Interessenerwägung meint, alle Wesen (Menschen und Tiere) unterschiedslos auf Präferenzbildungsfähigkeit hin untersuchen zu müssen, bevor ihnen Personalität zugeschrieben werden kann, muss eben auch die letzte Konsequenz aus dieser Argumentation ziehen, auch wenn sich das dann so anhört: „Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche […], weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben.“ Soweit Peter Singer in Praktische Ethik (S. 122 f., 2. Auflage, erschienen 1994); das Original Practical Ethics erschien bereits 1979, also vor über 30 Jahren. Es scheint, dass diese Position nun langsam an Fahrt gewinnt.

Noch einmal: Nicht das Leben des Embryo, nicht das des Fötus, sondern dass des Neugeborenen, also – das ist wohl unstreitig – eines Menschen, wird hier mit Hilfe eines utilitaristischen Konzepts, welches das Lebensrecht an die Fähigkeit bindet, Wünsche, Interessen und Präferenzen zu haben, in Frage gestellt. Der Mensch wird damit in einer Weise degradiert, die unerträglich ist! Giubilini / Minerva schließen daran bloß an. Andere werden wohl folgen. Es ist unsere Aufgabe als katholische Christen, hier in aller Entscheidenheit „Nein!“ zu sagen. Das können wir, ganz ohne Heuchelei.

Anmerkung:

* Binnen 24 Stunden gingen beim Focus über 200 Kommentare ein.

(Josef Bordat)

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