Zu Ehren des Heiligen Josep. Die Fallas von Valencia

19. März 2012


Man muss es mal erlebt haben. In diese Kategorie fallen die Fallas von Valencia, eines der bedeutendsten Volksfeste Spaniens.

Mitte März befindet sich Valencia, die drittgrößte spanische Stadt, im Ausnahmezustand. Jedes Jahr feiern ihre Bewohner vom 15. bis 20. März zu Ehren des Heiligen Josef (vielmehr: des Heiligen Josep, wie der Bräutigam Mariens hier heißt), aber auch zum Segen der örtlichen Brauereien und der fernöstlichen Pyrotechnik-Industrie ein Volksfest, das es zu Weltruhm brachte: die Fallas.

Die Fallas, das sind Kunstwerke aus Pappmaché, die von Nachbarschaften auf Straßen und Plätzen ausgestellt werden, um einen der ersten Preise in den Wettbewerben um das schönste Arrangement zu ergattert. Zugleich meint „Fallas“ aber auch die Festwoche selbst – mit allem, was dazugehört: ein stadtumspannender Rummel, der als Mischung aus Silvester, Karneval und Schützenfest alle fünf Sinne anspricht. Religion und Brauchtum gehen mit kecker Kunst und dem ehrgeizigen Wetteifern um die Gunst der Jury eine gelungene Symbiose ein, die ganz Valencia für eine Woche in ihren Bann zieht.

Zunehmend wird das Spektakel als Touristenattraktion vermarktet und bringt die Stadt damit an ihre logistischen Grenzen. Wenn statt der üblichen etwa 1,3 Millionen Einwohner in der Festwoche 3 Millionen Menschen in Valencia weilen, sind Verkehrprobleme noch das geringste Problem. Auch die fortschreitende Kommerzialisierung wird kritisiert: In den letzten Jahren gewann meist ein besonders kostspieliges Ensemble eines Nobelvororts, konzipiert von den besten (und teuersten) Künstlern und Handwerkern.

Niemand weiß genau, wie alles begann. Aber jeder hat seine Geschichte zu erzählen. Und in diesen wird übereinstimmend berichtet, dass „früher“ (mal ist damit das Mittelalter gemeint, mal das 18. Jahrhundert) die Handwerker am 19. März ihre Holzgestelle verbrannten, die den Winter über die Werkstattbeleuchtung getragen hatten. Der Termin ist mit Bedacht gewählt, ist doch der 19. März der Festtag des Heiligen Josef, des Schutzpatrons der Schreiner und Zimmerleute, der Handwerker und Arbeiter.

Heute ist der Josefstag spektakulärer Höhe- und Schlusspunkt der Festwoche. Er beginnt mit einem halbstündigen Feuerwerk über dem Turia in der Nacht vom 18. auf den 19. März („Nit del Foc“). Am Tage vertreibt man sich die Zeit mit akustischen Aktivitäten, den „Mascletas“. Hunderte miteinander verdrahtete Böller werden gezündet und erzeugen eine krachende Knallersymphonie. Für Silvesterfans genau das richtige. Der Rest sollte den Ohrenschutz nicht vergessen. Weit angenehmer sind da schon die Klänge der etwa 250 Blaskapellen, die tagsüber durch die Straßen Valencias ziehen. Abends folgt dann die Prämierung der besten aus den über 300 Fallas, die von den Falla-Vereinen Valencias unter der Regie von professionellen Ingenieuren, Handwerkern und Künstlern errichtet wurden.

So wie für viele Karnevalisten aus dem Rheinland der Bau eines Wagens für den Rosenmontagszug ein fast ganzjähriges Vergnügen ist, so widmen sich die 150.000 Mitglieder der Falla-Vereine, die „Falleros“, ebenfalls intensiv ihrem folkloristischen Hobby. Eine große Falla wird in tausenden von Arbeitsstunden über Monaten hinweg entwickelt und kostet leicht einige hunderttausend Euro. Wohl der Nachbarschaft, die einen solventen Falla-Fan in ihren Reihen hat, der das ganze Unternehmen sponsert!

2010 war die mit 27 Metern höchste Falla aller Zeiten zu bestaunen, ein Arrangement rund um das Motiv „Wasser und Erde“.

Wasser und Erde. - Foto: Roxana Valdivia Bernedo (Valencia, 2010)

Wasser und Erde. - Foto: Roxana Valdivia Bernedo (Valencia, 2010)

Auch die weniger gigantischen Fallas gefallen. Der Detailreichtum fasziniert und lässt den Betrachter immer wieder Neues entdecken, während die Verbindung der einzelnen Figuren zu einem Gesamtbild die hohe Kunst der „Falleros“ ausmacht. Inhaltlich sind die statischen Kunstwerke sehr wohl den mobilen Prunkwagen der Karnevalshochburgen vergleichbar: Humorvoll kriegt die Prominenz ihr Fett weg. Als der Volksseele Ventil werden in den Fallas die kleinen Skandälchen prominenter Showstars und Spitzensportler ebenso aufgegriffen und satirisch verarbeitet wie die Machenschaften der hohen Politik.

Kleine Fallera (links). - Foto: Roxana Valdivia Bernedo (Valencia, 2010)

Kleine Fallera (links). - Foto: Roxana Valdivia Bernedo (Valencia, 2010)

In der Nacht vom 19. auf den 20. März machen die Fallas schließlich ihrem Namen („Fackel“) alle Ehre und gehen ausnahmslos in Flammen auf, die Bestplatzierten in umgekehrter Reihenfolge. Überall toben in dieser Nacht die Feuersbrünste. Eine besondere Rolle kommt dabei den jungen Damen zu: Als traditionell gekleidete „Falleras“ repräsentieren sie die Nachbarschaften und initiieren die Verbrennung („cremà“), indem sie den ersten Böller zünden, der dann die Knallerkette auslöst, bis die benzingetränkte Falla unter dem Gejohle der Zuschauer mit einem Mal Feuer fängt und binnen weniger Minuten abbrennt. Der Morgen naht bereits, wenn die Gewinnerstatue in ein Häufchen Asche verwandelt wird und damit ein Fanal der Vergänglichkeit setzt: Alles hat ein Ende, auch die größte und schönste Falla.

Das Ende einer Falla. - Foto: Roxana Valdivia Bernedo (Valencia, 2010)

Das Ende einer Falla. - Foto: Roxana Valdivia Bernedo (Valencia, 2010)

Alles? Nicht ganz. Aus jeder Falla wird vor der cremà eine Einzelfigur entnommen. Aus diesen Puppen („ninots“) wird wiederum die schönste ausgewählt. Nur diese eine Puppe „überlebt“ („ninot indultat“) und kommt als Repräsentantin der Veranstaltung ins städtische Museum. Mehr bleibt der Nachwelt nicht erhalten von dem wilden, bunten Treiben. Den Valencianern bleibt jedoch die Erinnerung an das Fest – und die Vorfreude auf das nächste Jahr. Und allen, die für die Fallas zu Besuch waren, bleibt die einzigartige Erfahrung: Es ist voll, es ist laut, es stinkt – es ist schön. Man muss es mal erlebt haben.

(Josef Bordat)

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