Sterben und Tod in der Philosophie. Teil 1: Platon

2. April 2012


Immer mehr Menschen altern heute, ohne einen religiösen Glauben zu haben, der ihnen etwas über den Sinn von Leid und Tod verrät, der sie also auf das Sterben vorbereitet und der sie ihm Sterben trägt und hält. Wie kann man damit umgehen, wenn man die Aufgabe hat, Menschen ohne Ansehen der Person, ohne Auswahlmöglichkeit nach „gläubig“ und „nicht-gläubig“ auf der letzten Etappe des Lebens zu betreuen? Wie kann man Menschen begleiten, die nicht ansprechbar sind für die christlichen Bilder von Sterben, Tod und Auferstehung? Wie lässt sich angesichts dessen Hoffnung vermitteln, die als solche auch angenommen werden kann – wenn dies jenseits des christlichen Auferstehungsglaubens überhaupt möglich sein soll?

Ich möchte versuchen, in drei Texten einige Ansatzpunkte für eine überkonfessionelle Sterbebegleitung und Trauerarbeit herauszustellen, getragen von der philosophischen Thanatologie. Die Lehre von Sterben und Tod gehört bekanntlich zur Praktischen Philosophie, wird im Rahmen der Ethik aber oft vernachlässigt, so wie der Tod insgesamt an den Rand der Wahrnehmung der Lebenden geschoben wird. Mit der Todeslehre soll der Mensch auf das unausweichliche Ende seiner irdischen Existenz vorbereitet werden, ja, er soll regelrecht „sterben lernen“ (Platon). Die Thanatologie gehorcht dabei dem sittlichen Anspruch, dass zu einem gelungenen Leben auch ein „gelungenes Sterben“ gehört.

Die philosophische Thanatologie hat – wie fast alle Bereiche des systematischen Nachdenkens – ihren Ursprung in der Antike. Dabei erfährt die Behandlung des Themas von den Vorsokratikern zu Platon eine entscheidende Wendung: Während für die Vorsokratiker (etwa Alkmaion von Kroton, Empedokles oder auch Heraklit) die ontologische Betrachtung zentral war (also die Frage: Was ist der Tod?), geht es bei Platon um Kommunikation über den Übergang vom Leben zum Tod (also um die Frage: Was ist das Sterben?).

Bei den Vorsokratikern beherrschen die objektiven Fakten die Rede von Sterben und Tod: der Platz des Todes im Gefüge des Seienden (Topologie) und die Spekulation über seine Ursachen (Ätologie) – im Einzelfall (Gerichtsmedizin) wie im Allgemeinen (philosophische Anthropologie). Alkmaion von Kroton glaubte: „Die Menschen vergehen darum, weil sie nicht die Kraft haben, den Anfang an das Ende anzuknüpfen.“, Empedokles erklärt den Tod als „Trennung des Feuers von der Erde“ und Heraklit meint: „Für die Seelen ist es Tod, zu Wasser zu werden, für das Wasser Tod, zu Erde zu werden. Aus Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.“

Platon entwickelt in der Apologie des Sokrates eine eigene Prozesstheorie des Todes, die sich weniger um ontologisch-naturalistische Deutungen bemüht als vielmehr um Metaphern und Vergleiche zum Thema „Sterben“. Sterben sei entweder wie ein Nichtsein oder wie ein Wechsel bzw. eine Übersiedlung der Seele: „Lasst uns auch auf folgende Weise bedenken, wie groß die Hoffnung (elpís) ist, dass es sich um etwas Gutes handelt. Denn von zwei Dingen kann das Sterben nur eines sein; entweder nämlich ist es wie ein Nichtsein (hoîon medèn eînai), so dass der Verstorbene auch keinerlei Empfindung mehr von irgendwas hat, oder es findet, wie ja behauptet wird, eine Art Wechsel (metabolètis) und Übersiedlung (metoíkesis) der Seele statt: von dem Orte hier an einen anderen Ort.“ Hier zeigen sich gleich drei Veränderungen gegenüber den Vorsokratikern: Nicht Tod, sondern Sterben, nicht Fakt, sondern „Hoffnung“, nicht Beschreibung eines Sachverhalts, sondern gleichnishafte Referenz („wie“, „eine Art“) bestimmen die Darstellung. Damit wird der Topos Sterben und Tod der ausschließlich ontologischen Betrachtung entzogen.

Das Ende wird bei Platon zum Übergang, entweder ins „Nichts“ oder an einen „anderen Ort“. Der Tod verliert damit seinen Schrecken, er ist kein Übel, das es zu fürchten gilt, sondern ein Ausdruck von Hoffnung, mehr noch: etwas Erstrebenswertes. Zumindest muss niemand Sterben und Tod fürchten. Dabei wertet Platon den Ort der griechischen Unterwelt, den Hades, vom Furchtort („a-idés“, der Unsichtbare) zum Lernort („eidénai“, wissen) um. Vom Ort des Schreckens und der Strafe wird er zum Ort des Weiter-Lernens und damit der Selbstoptimierung über den Tod hinaus.

Da unser Wissen um den Tod eine Auseinandersetzung mit dem Sterben ermöglicht, kann Platon von einem solchen teleologischen Bezug sprechen und die favorisierte philosophische Lebensform, durch die der Mensch das Wahre, Gute und Schöne erkennt, an die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Sterben und Tod knüpfen. Dies gipfelt in der Meinung, alle Philosophie diene letztlich dazu, sich auf den Tod vorzubereiten (meléte thanátou). Der Philosoph soll nach Platon „sterben lernen“, das heißt, er kann sich zum einen der Vorstellung nähern, dass das irdische Leben vergeht, zum anderen kann er lernen, darüber nicht traurig zu sein, weil ihm klar wird, dass es seinem Wunsch nach einem glücklichen, gelungenen Leben widerspräche, wenn dieses kein natürliches Ende hätte.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Metapher des „Loslassens“ im Sterbeprozess, etwas, das der Mensch tatsächlich einüben kann – gewissermaßen im Schlaf. Der Tod als „Schlafes Bruder“ (so in der Bach-Kantate Ich will den Kreuzstab gerne tragen) ähnelt am Ende des Lebens dem Loslassen, welches der Mensch am Ende jeden Tages vornimmt, wenn er sich schlafen legt. Anselm Grün betrachtet diese Beziehung von Schlaf und Tod in einem Fastenimpuls für das Domradio. Der Benediktiner betont, dass es darauf ankomme, sich – jeden Abend und am Lebensabend – „in Gottes Hände fallen zu lassen“. Loslassen könne man nur, so Anselm Grün, wenn man sich „von Gott getragen“ weiß. Während Platon auf die Einsicht in die Notwendigkeit des Todes setzt, setzt Anselm Grün aus der christlichen Tradition heraus auf das Gottvertrauen. Dieses Vertrauen vermag dem gläubigen Menschen Trost zu geben, ob hingegen jene abgeklärte Einsicht dazu befähigt, ist fraglich.

Platons Gedanken eignen sich vielleicht mehr für Angehörige als für Betroffene, in jedem Fall eignen sie sich gut für Gespräche jenseits eines akuten Sterbefalls. Denn das Tabuthema Tod wird bei Platon zum zentralen Topos menschlicher Selbstvergewisserung. Statt das Unausweichliche zu verdrängen, wird es durch bildhafte Vergleiche bewusst ins Leben geholt. Platon legt mit der Fokussierung auf den Sterbeprozess die Grundlage dafür, dass der Tod nicht nur als objektives Faktum wahrgenommen, sondern durch den Bezug auf das Sterben verhandelbar wird, da die Metaphorik des Übergangs der Seele, der entweder im Nichts oder in einer anderen Daseinsform mündet, als Teil intersubjektiver Kommunikation das rein persönliche Empfinden übersteigt. Geteilte Sprachbilder in Sachen Sterben und Tod sind wiederum wichtig für Rituale de Begleitung, des Abschieds und damit auch für die Bestattungskultur. Die Beschäftigung mit der antiken Auseinandersetzung mit dem Lebensende kann also durchaus auch heute als Grundlage des Gesprächs über Sterben und Tod dienen, besonders dann, wenn religiöse Ausdrucks- und Deutungsformen nicht zur Verfügung stehen.

(Josef Bordat)

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