Sterben und Tod in der Philosophie. Teil 3: Montaigne

4. April 2012


Bei Montaigne ändert sich erneut das Verständnis des Todes. Im Gegensatz zu Platon negiert Montaigne die Chance zur postmortalen Vervollkommnung und im Gegensatz zu Epikur und Lukrez erhält der Tod bei Montaigne echte Relevanz.

So gelangt Montaigne in seiner „Philosophie des Todes“ zu einer Formel, die epikuräische Endlichkeit mit platonischer Sinnhaftigkeit verbindet. Sterben lernen bedeutet für ihn, sich einerseits an den Gedanken des Todes zu gewöhnen und sich andererseits darüber klar zu werden, dass es nicht in unserem Sinne ist, unsterblich zu sein. Auf diese Weise kommt Montaigne zu einer gewissen Nonchalance gegenüber dem Tod, die nicht in Ignoranz aufgeht, sondern in Indifferenz. Kurz: Bei Epikur und Lukrez erfahren wir, dass uns der Tod nichts angeht, bei Montaigne hören wir, dass wir nicht wissen können, ob er uns etwas angeht. Wir ahnen jedoch, dass der Tod für uns einen Sinn hat. Das wäre der Platon-Anteil in der Thanatologie Montaignes.

Der französische Philosoph Montaigne, der den Essay als literarische Gattung erfand, konnte bei seiner thanatologischen Sinnsuche auf eine Nahtod-Erfahrung infolge eines Reitunfalls zurückgreifen, den er selbst zwar als „einen gar nicht ins Gewicht fallenden Vorfall“ bezeichnet hat, der aber maßgeblich war für die Unterscheidung von Tod und Sterben in Montaignes Ansatz. Letzteres – also das Sterben – erscheint in Montaignes Erinnerung als unbeschwerliches „in den Schlaf gleiten“; die Verbindung von Schlaf und Tod hatten wir ja schon im ersten Teil angedeutet. Wenn das die Vorstellung vom Sterben ist – in den Schlaf zu gleiten –, dann wäre dem Prozess der Todesannäherung der Schrecken genommen. Dennoch bleibt der Tod ein Problem: Aus ihm gibt es – im Gegensatz zum Schlaf – kein Erwachen. Es sei denn, man nimmt – wie Platon (und das Christentum) – eine Fortexistenz der Seele an und einen Raum, in den sie „hineingleiten“ kann.

Hier verließen wir dann aber den Raum säkularer Vergewisserung, denn jede Vorstellung über den Tod hinaus setzt Glauben voraus, der nicht bei allen Menschen – Sterbenden wie Trauernden – vorausgesetzt werden kann. Eine Begleitung dieser Personen in ihren schwersten Stunden kann die Hoffnung eines „Übergangs“ letztlich nicht vermitteln, wenn der Glaube daran fehlt. Es schmerzt auch den Begleiter, wenn er selbst von dieser Hoffnung zehrt, sie aber nicht teilen kann. Was ihm bleibt, ist die Möglichkeiten, einen kleinen Trost zu spenden, durch das Dasein, das Zuhören und – das Schweigen.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.