Ein Riss durch die Welt?

27. April 2012


Zur Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft

In dem Tagesspiegel-Artikel Ein Riss durch die Welt hat sich Uwe Lehnert, emeritierter Professor für Bildungsinformatik der Freien Universität Berlin, zur Frage einer Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft geäußert und diese negativ beantwortet. Seine These: Religiöses und wissenschaftliches Denken klaffen immer weiter auseinander. Daraus leitet er die Anschlussfrage ab: Inwieweit dürfen beide Weltbilder in einem sich aufgeklärt nennenden Menschen aufeinandertreffen, ohne intellektuell unredlich zu sein? Die Antwort auf diese Frage fällt weniger deutlich aus, jedoch lässt sich aus dem Text herauslesen, dass sie wohl „Eigentlich gar nicht!“ lautet. Man muss sich, Lehnert zufolge, entscheiden: entweder aufgeklärt-wissenschaftlich oder aber rückständig-religiös denken, glauben, fühlen und handeln. Tertium non datur. Dazu möchte ich aus meiner Sicht als katholischer Christ und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Freien Universität Berlin ein paar Gedanken formulieren.

1. In dem Artikel, der schon sprachlich nicht besonders gelungen ist (eine „Wiederauferstehung“ gibt es nicht, nur eine „Auferstehung“), stört mich zunächst und vor allem die unkritische Haltung der Wissenschaft gegenüber, die bei einem emeritierten Hochschullehrer etwas verblüfft. Nicht nur, dass der „Glaubensanteil“ innerhalb der Forschung ausgeblendet wird, welcher innerhalb der Naturwissenschaft immer größer wird, weil diese mit ihren Fragestellungen immer weiter auf das Gebiet der Anthropologie vordringt und sich physikalische Probleme oft nur noch unter Einschluss metaphysischer Annahmen bewältigen lassen, nicht nur, dass „Wissenschaft“ wohl ausschließlich Naturwissenschaft bedeutet und Geisteswissenschaften (insbesondere Philosophie sowie Theologie) von vorneherein ausgeschlossen werden, nein, hier wird auch ein Bild von „Wissen“ (als Ergebnis von Wissenschaft) vermittelt, das von „Wahrheit“ nicht mehr zu unterscheiden ist. Wahr ist, was sich unserem Verstand als plausibel zeigt. Der wissenschaftlich geprägte Verstand sollte aber nicht voreilig zur Richtschnur über „wahr“ und „falsch“ erhoben werden, gerade weil ja die Wissenschaft – ihrem eigenen Anspruch nach – keine Einsicht in Wahrheit, sondern allenfalls in (zeitweilige) Gültigkeit verleiht, was selbstverständlich auch Lehnert weiß.

2. Wann „intellektuelle Unredlichkeit“ anfängt, dies festzulegen wird im Text zur Aufgabe der Wissenschaft. Warum eigentlich? Steckt darin nicht schon ein Vorurteil, dass sich nämlich Religion in einer Art „Rückzugsgefecht“ gegen die Wissenschaft zu erwehren habe – freilich mit deren Mitteln –, um noch einen Platz im Leben haben zu können? Das gilt aber doch nur, wenn Religion und Wissenschaft tatsächlich als konkurrierende Systeme im Kampf um Antworten auf ein- und dieselben Fragen angesehen werden. Das ist aber eine Reduktion der Religion auf dieselbe Funktionalität, die der Wissenschaft eignet: Modelle der Welterklärung zu liefern. Darum geht es aber gar nicht. Religiöser Glaube sorgt sich um Weltverständnis, fragt nach dem Sinn. Religion gibt also nicht nur andere Antworten, sie stellt auch andere Fragen.

Der Versuch, im der Frage zur Weltentstehung wissenschaftliche Erkenntnisse gegen religiöse Vorstellungen auszuspielen, ist von daher im Grunde indiskutabel, er fällt zumindest weit hinter den Stand der Diskussion um Schöpfung und Evolution zurück. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Verfasser recht wenig Schriften kennt, die sich an dieser Stelle um die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion bemühen, zum Teil mit bahnbrechenden Einsichten für beide Richtungen.

3. Die Rede von der „Beweislast“ des Glaubenden erfüllt ihren Zweck nur im Diskurs. Darin sucht der Glaube aber gar keine Bestätigung und auch gar keine Akzeptanz. Ob man an den Rändern des Verstandes nun „redlicherweise“ Platz lässt oder aber diesen offenen Raum der Letzten Fragen mit Glauben füllt, ist eine Entscheidung, die mit Erfahrungen zu tun hat, die entweder zur subjektiven Gewissheit der Existenz Gottes führten – oder aber nicht. Diese Entscheidung nun für den einzig gangbaren Weg und jene für „intellektuell unredlich“ zu halten, ist in sich schon unredlich,weil sie die Erfahrung von Menschen entwertet, die zum Glauben führt, einen Glauben, für den viele mit ihrem Leben einstehen. Unverständlich wird diese Differenzierung insbesondere dann, wenn man selbst den Anspruch erhebt, mit seiner eigenen Erfahrung und dementsprechenden Entscheidung ernst genommen zu werden; Lehnerts Bekenntnisschrift Warum ich kein Christ sein will bezieht sich ja gerade auf diese Entscheidungsqualität des Glaubens oder Unglaubens.

Wenn man also Gott im Labor nicht nachweisen kann, weist das auf die Nichtexistenz Gottes hin oder auf die Fehlerhaftigkeit der unterstellten Gottesbilder? Wer Gottes Nichtexistenz naturwissenschaftlich erweisen will (oder zumindest meint, die Existenz Gottes sei „unwahrscheinlich“ und der Glaube „unredlich“, weil die Wissenschaft keine Hinweise auf Gott beibringt), der braucht ein entsprechend naturalistisches Gottesbild. Ist das aber der Gott der Bibel, an den Christen glauben? Der Ewige (also: Unzeitliche), der Allgegenwärtige (also: Raumlose)? Der sich – erkenntnistheoretisch gesprochen – gerade jenen Kategorien entzieht, ohne die Naturwissenschaft gar nicht beginnen kann? Soll es dann wundern (oder beruhigen, je nach dem), wenn dieser Gott sich nicht im Labor offenbart? Wohl kaum!

Dementsprechend steht und fällt die Rede von der „Einengung des Spielraums“ für religiöse Vorstellungen eben mit der Charakterisierung derselben als „Konkurrenzprodukte“ zu wissenschaftlichen Erkenntnissen.

4. Geradezu folgerichtig (aber freilich falsch) ist die mangelnde Differenzierung zwischen Ursachen und Gründen. Der Gedanke der „Konkurrenz“ wird dadurch zu untermauern versucht, dass Finalität und Kausalität gegeneinander gestellt und dazu als in ihrer methodologischen Reichweite gleichwertige Zugangsformen zur Welt eingeführt werden: „Hier stehen sich zwei konkurrierende Erklärungsansätze gegenüber: ein teleologischer, vom Ziel der Entwicklung her denkend, und ein kausaler, von den Ursachen her denkend. Der christliche Glaube erklärt die Welt und den Menschen intentional, ausgehend vom Willen Gottes. Die Naturwissenschaft denkt und erklärt kausal, ausgehend von den materiell-energetischen Gegebenheiten.“

Nur, dass diese „materiell-energetischen Gegebenheiten“ ja gerade nicht die Ursachen sind, sondern nur die Gründe. Das sind zwei Ebenen, die nicht in eins gesetzt werden können. Insoweit gibt es überhaupt keine „konkurrierenden Erklärungsansätze“, weil es um unterschiedliche Dinge geht: Um Zwecke und um Gegebenheiten, um Ursachen und um Gründe, um das Verstehen und das Erklären der Welt.

5. Etwas polemisch wirkt dann die Bemerkung, auch Gläubige nutzten ja die Ergebnisse von Wissenschaft und Technologie (also: Technik) und müssten sich daher den Vorwurf der Inkohärenz gefallen lassen. Ja, auch ich nutze Technik, und zwar in dem Bewusstsein, dass alles, was ich nutze, eingebettet ist in die Schöpfung, zu deren Geschöpfen auch der mit Vernunft und Gewissen begabte Mensch gehört, dass sich mithin letztlich alles Gott verdankt, nicht dem Menschen. Der Gläubige nutzt die Technik und ist dankbar für Gottes Gaben, auch für jene, die dazu führten, dass die Technik entstehen konnte. Der Nichtgläubige mag die Technik im Stolz auf die Errungenschaften des Menschen nutzen. Welche der beiden Haltungen die Fähigkeit stärkt, Technik mit Vernunft und Gewissen zu nutzen und Techniknutzung vor dem Hintergrund der Bewahrung der Schöpfung zu verantworten, mag gesondert diskutiert werden. Für den Moment bleiben Fragen offen: Meint der Verfasser tatsächlich, dass Gläubige „redlicherweise“ die Früchte menschlicher Arbeit nicht mehr genießen sollten oder aber schlagartig – aus Ehrfurcht vor dem PC oder iPhone – ihr Gottesbild vom „Schöpfer“ auf den „Ingenieur“ umstellen sollten – „redlicherweise“? Soll hier einem Wissenschafts- und Technikglauben das Wort geredet werden – als Gegenentwurf zum religiösen Glauben? Kaum zu glauben!

6. Gott erscheint leider auch bei Lehnert als Lückenbüßer, an den man glaubt, weil man es nicht besser weiß bzw. solange einem bestimmte Informationen fehlen. Das ist ein Gottesbild, dass viele Christen nicht teilen.

Es geht denn für den Christen, der seinen Glauben ernst nimmt, also: ihn lebt, und der die Bibel ernst nimmt, also: nicht wörtlich, auch keineswegs ein „Riss durch die Welt“, denn Religion und Wissenschaft sind lediglich zwei Weisen, die eine Wahrheit über diese Welt zu erfahren, in dem sie versuchen, die Phänomene zu erklären respektive zu verstehen. Wer dennoch unbedingt ein strenges Entweder-Oder konstruieren will, übersieht sowohl die katholische Theologie der letzten 800 Jahre als auch die Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit, in der sich die methodologisch motivierte Ausklammerung Gottes in dem Moment zeigt, in dem den tätigen Forschern klar wurde, dass es ohne Gott diese neue Methode und ihre Grundlage, die Naturgesetze, gar nicht gäbe, dass jede materiale Kausalität mithin eine letzte Ursache hat und in einen Zweck eingebunden ist, der sich nicht unserer Erkenntnis, sondern nur dem Glauben erschließt.

Das wiederum ist ein ganz anderer Ansatz als in der Funktionalität der natürlichen Mechanismen bereits die letzte Ursache und den Zweck zu sehen oder Ursachen und Zwecke gleich ganz zu leugnen und die Beschäftigung mit Letzten Fragen als „irrational“ und letztlich „sinnlos“ zu diskreditieren. Ein wenig historisches Gespür, aber auch ein wenig Kenntnis der systematischen Ansätze im Bereich der Schöpfungstheologie können hier vor allzu voreiligen und ungenauen Schlussfolgerungen bewahren. Dass dies in dem Artikel nicht gelingt, ist bedauerlich.

7. Ein letzter Punkt: Um im Bereich der Ethik den Riss zwischen sozialem Verhalten (Teilen) und moralischer Haltung (Einsicht in die Notwendigkeit des Teilens als Prinzip) zu kitten, wird „höher entwickelten Tieren“ kurzerhand „Denkvermögen“ zugebilligt. Rationalität verliert damit ihren exklusiven Bezug zum Menschen als dem definitionsgemäß „vernunftbegabten Tier“ (animal rationale). Es ist gut, dass der Verfasser das Kategorienproblem der Soziobiologie erkennt, allein so lässt es sich auch nicht lösen!

Die Tatsache, dass der Mensch von Natur aus gute Anlagen besitzt, war zudem bereits Thomas von Aquin bekannt, nicht erst der evolutionären Ethik. Dass sich diese Anlagen im Laufe der Evolution immer mehr Ausdruck verschaffen, wird zudem nur dann zum „Argument“ gegen Schöpfung, wenn wir diese nicht als Ursache eben solcher Prozessualität, sondern als einmaligen, statischen Vorgang ansehen. Das aber fällt – wie gesagt – weit hinter den Diskussionsstand in der Theologie zurück.

(Josef Bordat)

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