Ich bin

27. April 2012


Derzeit wird, wie immer zwischen Ostern und Pfingsten, in der Liturgie der katholischen Kirche das Johannesevangelium in den Blick genommen, vor allem die so genannten „Abschiedsreden Jesu“ (Joh 13, 1 – 17, 26) und die sieben Ich bin-Worte, die Jesus zu den Jüngern spricht: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht hungern und wer an mich glaubt, wird nie mehr dürsten. (Joh. 6, 35); Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh. 8, 12); Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und die Weide finden. (Joh. 10, 9); Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. (Joh. 10, 11); Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist. (Joh. 11, 25); Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als nur durch mich. (Joh. 14, 6); Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weingärtner. (Joh. 15, 1).

Die Ich bin-Worte Jesu sind für das Christentum fundamental. In ihnen erscheint noch einmal gebündelt all das, was den christlichen Glauben ausmacht: Die Gewissheit, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, der unser Leben mit Brot, Wein und Licht nährt, der uns befähigt, die Welt zu speisen und zu erhellen und der uns zum Vater leitet, wenn wie diese Welt verlassen, nicht in den Tod, sondern in die Auferstehung und das Leben hinein. Jesus selbst verbürgt diese Glaubenswahrheiten mit seiner Person – unmittelbar: „Ich bin“.

Die spanische Sprache kennt beim Hilfsverb „sein“ die Unterscheidung von „ser“ (für dauerhafte oder langfristige Wesenseigenschaften) und „estar“ (für vorübergehende Befindlichkeiten in Form adverbialer Bestimmungen der Zeit, des Ortes und der Beschaffenheit). Für einen Deutsch-Muttersprachler ist das oftmals schwer zu entscheiden, wann man nun „ser“ und wann man „estar“ nimmt. Meine Frau kann ein Lied von meinen Schwierigkeiten singen. Ach, was: eine Oper.

Je länger ich über typische „ser“-Beispiele aus dem Lehrbuch nachdenke (Geschlecht, Nationalität, Beruf), desto mehr wird mir klar, dass fast alles letztlich veränderlich ist. „Soy un hombre.“ („Ich bin ein Mann.“) – Das lässt sich ändern. „Soy aleman.“ („Ich bin Deutscher.“) – Auch das ist heutzutage veränderbar. Der ausgeübte Beruf wird auch mit „ser“ vorgestellt („Soy carpintero.“ – „Ich bin Schreiner.“) – Gerade der Beruf kann sich heutzutage nolens volens ganz schnell mal ändern. Die liberalistische Globalisierung bringt „Eigentlich-Menschen“ hervor: „Eigentlich bin ich X, aber zur Zeit arbeite ich als Y.“

Alles fließt, alles ist im Wandel. Alles gilt nur Hier und Jetzt. Es gibt zwar durch bestimmte Identitäten eine gewisse Stabilität, aber dieses Gleichgewicht muss immer wieder neu austariert werden. Eigentlich können wir das „ser“ streichen. Wer weiß, was morgen ist!

Doch Jesus Christus spricht sein „Ich bin“ im Modus des „ser“ auch in unsere wechselvolle Zeit hinein. Auf Ihn ist Verlass. Er ist das, was Er von sich sagt. Gestern, heute, morgen. In Ewigkeit.

(Josef Bordat)

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