Seele und Staat bei Platon

16. Mai 2012


In der Politeia versucht Platon, die Gerechtigkeit als Ergebnis eines harmonischen Zusammenspiels der Seelenteile bzw. der Stände im Staat aufzufassen.

Platons Politeia beschäftigt sich mit dem philosophischen Problem der Gerechtigkeit und entfaltet die Idee einer zu Gerechtigkeit und Harmonie führenden Staatsverfassung aus dem Gedanken einer Analogie von Seele und Staat. Befinden sich die Teile der Seele im Einklang miteinander, so resultiert daraus die Gerechtigkeit des Individuums. Gilt dasselbe für die Stände im Staat, so ergibt sich die Gerechtigkeit im Kollektiv.

Drei Stände im Staat

Platon zufolge setzt sich der ideale Staat aus drei Ständen zusammen: Für die wirtschaftliche Stabilität des Staates ist der Stand der Handwerker und Bauern zuständig, für die Sicherheit des Volkes der Stand der Krieger und die politische Leitung wird von den Philosophen oder weisen Aristokraten übernommen. Die Zugehörigkeit eines Individuums zu einem Stand wird durch seine Erziehung bestimmt. Ziel der Erziehung ist die Weisheit. Diese zu erreichen, gelingt nicht jedem. Tatsächlich ist Platons ideales Erziehungssystem so aufgebaut, dass es hauptsächlich auf die Ausbildung von Philosophen, d. h. von zukünftigem Leitungspersonal ausgerichtet ist. Die Rangordnung der Stände hängt mit der Bedeutung traditioneller griechischer Tugenden zusammen, die Platon den Stände-Mitgliedern zuschreibt. Mäßigung ist die hervorragende Tugend der Handwerker und Bauern, Tapferkeit die typische Tugend des Kriegerstandes und Weisheit die der Herrscherklasse. Die Gerechtigkeit als vierte Tugend soll in der ganzen Gesellschaft vorkommen, beim Bauern gleichermaßen wie beim Aristokraten. Im gerechten Staat nimmt jeder einzelne Stand seine Aufgabe wahr, ohne dabei die Tätigkeit der anderen Stände zu beeinträchtigen.

Drei Teile der Seele

Die drei Stände des Staates – und hierin liegt der zentrale Gedanke Platons – entsprechen den drei Teilen der Seele. Die Seele kann nur intakt und somit glücklich sein, wenn alle Teile im Gleichgewicht sind, also Harmonie vorliegt. Ebenso kann der Staat nur gut und gerecht funktionieren, wenn alle drei Stände im harmonischen Gleichgewicht sind und alle Stände gemäß den ihnen entsprechenden Tugenden ihre spezifischen Aufgaben (regieren, verteidigen, erwerben) erfüllen, ohne sich in die Geschäfte des jeweils anderen Standes einzumischen. Einmischung in das Gebiet des Anderen wird nicht geduldet, da es die Harmonie und schließlich den Staat zerstört.

Die Seele ist im Einklang, wenn die Vernunft durch den Mut die Begierde zu zügeln und nach ihrem Willen zu formen versteht. Analog dazu verhält es sich im Staat. Der Lehrstand muss versuchen, möglichst allen Menschen zu vermitteln, dass sie ein Teil des Ganzen sind und Individualismus unzulässig ist. Der einzelne Mensch muss nach Platon seine Pflichten im Staat erfüllen, auch wenn es ihn zunächst unglücklich zu machen scheint. Letztlich mache es ihn aber doch glücklich, weil er für die Allgemeinheit tätig wird, diese dadurch als solche glücklich ist und dieses Glück dann auf den Einzelnen zurückstrahlt.

Kritik des platonischen Modells

Du bist nichts, dein Volk bzw. der Staat ist alles! Als Deutsche kennen wir dieses Gesellschaftsverständnis aus unserer jüngsten Geschichte zu genau. Im Anti-Individualismus Platons setzt denn auch die Kritik Karl Poppers an, der dem geschlossenen Polis-Modell eine offene Gesellschaft gegenüberstellt. Poppers Skepsis richtet sich gegen die statische Glückskonzeption Platons (und vieler Utopisten, die von Platon beeinflusst sind). Für ihn kann es nach den Erfahrungen des Totalitarismus (des Sozialismus, aber insbesondere des Faschismus) in den Konzepten der politischen Philosophie nicht um Glücksmaximierung gehen, sondern um Leidminimierung. In Utopie und Gewalt formuliert Popper sein eindringliches Plädoyer: „Erlaube deinen Träumen von einer schönen Welt nicht, dich von den wirklichen Nöten der Menschen abzulenken, die heute in unserer Mitte leiden. Unsere Mitmenschen haben Anspruch auf unsere Hilfe; keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Glücksideal, das vielleicht nie erreicht wird. Kurz gesagt lautet meine These, dass vermeidbares menschliches Leid das dringendste Problem einer rationalen öffentlichen Politik ist, während die Förderung des Glücks kein solches Problem darstellt. Die Suche nach Glück sollte unserer privaten Initiative überlassen bleiben.“

(Josef Bordat)

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