Das gewisse Etwas. Glaube und Moral

23. Mai 2012


Hier der Versuch einer Antwort auf die Frage, wie sich Glaube und Moral zueinander verhalten, eine Frage, die Alipius zur Diskussion gestellt hat. Ich werde bei meinem Antwortversuch vor allem auf den katholischen Moralphilosophen Robert Spaemann zurückgreifen, aber auch auf Udo di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht a. D.

Ich glaube zunächst, dass sich Glaube und Moral in einem Kernkonzept von Anthropologie und Ethik treffen, im Gewissen. Ich glaube ferner, dass mit dem Glaubensabfall (individuell und kollektiv) dieses Kernkonzept in seiner ethischen Potenz in Gefahr gerät. Es ist nicht plötzlich „weg“, wenn man den Kirchenaustrittsantrag einreicht (das wäre ein sehr unkatholisches Verständnis von Gewissen), doch sein vernünftiger Gebrauch könnte infolgedessen aus der Übung geraten. Das halte ich – entgegen dem aktuellen Trend in der Moralphilosophie – für problematisch.

Es ist ja doch so: Mit der systematischen Ausklammerung Gottes (und damit des Glaubens) aus der Moral im Zuge der Aufklärung im 18. Jahrhundert steht das Gewissen als ethisches Konzept in Frage. Mehr noch: Es wird in der Philosophie des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand des Spotts über das vermeintlich zwingende Resultat einer subjektivistischen Beliebigkeit (Schopenhauer, Nietzsche) und in den Ideologien des 20. Jahrhunderts – ganz objektivistisch gedeutet – zu einer in den Entwicklungsprozess der Geschichte eingebetteten Angelegenheit der Rasse (Rassismus, Faschismus), der Klasse (Sozialismus, Kommunismus) oder der Gene (Szientismus, Biologismus).

Am augenfälligsten wird das Gewissen jedoch durch die Ideologieform der Freiheit, den Liberalismus, in Frage gestellt, weil es hier durch Inflation jeden Wert verliert. Der permanente subjektivistische Gebrauch, dem jede objektive Reflexionsfolie fehlt, der jedoch im Paradigma des Relativismus’ dem Empfinden nach unterschiedslos geduldet werden muss (solange er nicht durch Bezug auf absolute Normen eben diese Grundlage der säkularen Gesellschaft zu untergraben droht), führt das Gewissen ad absurdum, denn er zerstört dessen Dignität. Er degradiert das Phänomen höchster und zugleich tiefster moralischer Vergewisserung zum wohlfeilen Joker in der ethischen Diskussion. Viel bleibt damit nicht übrig von der „inneren Stimme“, die einem sagt, was richtig und falsch ist, gut und böse. Das soll sie ja auch gar nicht, denn was „gut“ und was „böse“ ist, soll ja im relativistischen Denken gerade flexibel handhabbar sein! Substanziell wird das Gewissen damit ausgehöhlt und verzichtbar und zum Teil – vor allem dann, wenn es über den zugedachten, ideologiekonformen Rahmen hinausgeht –, auch ganz offen bekämpft.

Gerade religiöse Menschen, die es eingedenk ihres Glaubens wagen, von ihrem nicht-entkernten Gewissen Gebrauch zu machen, bekommen das zu spüren, nicht nur in historischen Regimen (Nationalsozialismus, DDR), sondern auch heute, und heute auch nicht nur in Nordkorea.

Obgleich also jeder Mensch ein Gewissen hat, scheint die Bereitschaft, es als ethische Kategorie ernst zu nehmen (in der Theorie) und als moralische Leitlinie anzusehen (in der Praxis), auch und vor allem vom Glauben abzuhängen, vom Glauben an Gott. Zwischen Glauben und Gewissen existiert in der Tat eine enge Verbindung, die vor allem motivational bedeutsam ist.

Frage: Wie, wodurch und warum stärkt der Glaube das Gewissen? Und zwar derart, dass der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio sagt: „Wo der Glaube versandet, scheint aber auch das Gewissen an Wirkkraft zu verlieren.“ Damit das klar ist: Das sagt kein Hassprediger, sondern ein Verfassungsrechtler.

Der Grund liegt in der prinzipiellen Distanz des Glaubenden und seiner religiösen Werte zur weltlichen Ordnung, die in säkularistischen Systemen distanzlos zum obersten Prinzip erhoben wird. Das höchste Gut ist in diesem Fall der Mensch. Eine säkulare Gewissensdeutung neigt damit dazu, dem Menschen die Selbstbestimmung zu überlassen, die dann aber paradoxerweise nicht genutzt werden kann, ohne sich an den Vorgaben der weltlichen Ordnung zu orientieren. Ein Zirkel entsteht, aus dem oft eine Abwärtsspirale in Richtung fester Ordnungen resultiert. Das Gewissen wird mehr und mehr der Gemeinschaft, also schließlich dem Staat übergeben. Gottloses Denken bringt daher oft starke Gemeinschaftsformen hervor, die das individuelle Gewissen systematisch missachten. Der Faschismus und auch der Kommunismus zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie ihrem Selbstverständnis nach die divergierenden Einzelinteressen bestmöglich bündeln und es daher gar keinen Raum für Kritiker zu geben braucht.

Auch der Szientismus sieht in Bedenkenträgern nur „Fortschrittsfeinde“. Jeder „Querulant“ verschlechtert den Gesamtnutzen der jeweiligen Ideologie und verliert damit den Anspruch, geduldet zu werden. Er begründet damit selbst seine Unterdrückung. „Warum nur hältst Du an Deiner Position fest und machst Dir das Leben schwer?“, lautet dann die vorwurfsvolle Frage des angepassten Zeitgenossen, die verdeutlicht, dass vom Gewissen nichts Positives erwartet wird. Störrisch und stur wirkt der, der von seinem Gewissen dennoch Gebrauch macht, weit zurückgeblieben hinter der Zeit, die längst ein anderes Gewissen hat, ein Rassen-, Klassen- oder Fortschrittsbewusstsein.

Das Gewissen muss innerhalb der geschichtsphilosophischen Entwicklungstheorien unterschiedlicher Prägung und Zielvorstellung, die sich aber in ihrem geteilten innerweltlichen, diesseitsorientierten Glauben an die Verbesserungsmöglichkeit von Gesellschaft allein aus der Kraft des Menschen lose unter dem Stichwort „Historizismus“ bündeln lassen, immer dem Strom der Zeit dienen, sonst verliert es seine Rechtfertigung und damit den Anspruch auf Duldung. Doch damit verliert umgekehrt das vom Zeitgeist geduldete Gewissen – wie unschwer zu erkennen sein dürfte – jeden Wert als Korrektiv des totalitär behaupteten Paradigmas.

Für den Gläubigen ist diese Delegation des Gewissens an menschliche Gemeinschaften oder Systeme unmöglich, heißen sie auch mit einiger Verlockung „Volk“, „Proletariat“ oder „Wissenschaft“, da er sein Gewissen an Gott bindet und nichts über Gott steht. Insbesondere gilt: „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5, 29). Das höchste Gut ist für den Gläubigen Gott, nicht der Mensch. Damit gibt es in Krisen der menschlichen Ordnung immer eine prinzipielle Distanz, die für kritische Intervention genutzt werden kann.

An der gleichen Stelle ist das säkulare Gewissen kraftlos, weil dem, der es anwenden möchte, die nötigen Rückzugsareale fehlen, die der religiöse Glaube bietet. Vor welcher Folie sollte noch reflektiert werden, wenn doch gerade jene, die in Flammen steht, die ist, auf die zu beziehen ausschließlich möglich sein soll? Gottlosigkeit macht nicht gewissenlos, doch sie lässt das Gewissen systematisch im Dunkeln. Wer es aber schafft, sein dem Selbstverständnis nach „gottloses Gewissen“ zum Leuchten zu bringen, ist ein Held des Ethos (ein Heiliger würde er wohl nicht sein wollen!). Doch Helden sind einsam und selten. Ich denke, es ist nicht gut, wenn wir uns auf moralische Heroen verlassen müssen. Besser ist es, in Gott die Basis zu suchen und zu finden, also den Glauben zu stärken.

Insbesondere gilt der enge Konnex von Glauben und Gewissen für das Christentum. Für Christen gilt: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit! Und alles andere wird sich ergeben, denn „dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6, 33). Christen erklären sich nach Robert Spaemann bereit, „ihre Vormeinungen, Interessen, Perspektiven, Vorlieben prinzipiell zur Disposition zu stellen und dem Gesichtspunkt des Guten, dem ethischen Gesichtspunkt unterzuordnen“, einem Aspekt, der vom Gewissen her ausgeleuchtet wird. „Der Christ“, so fasst es der oben schon zitierte Udo Di Fabio auf, „ist mit seinem Gewissen eine eigenwillige Umwelt weltlicher Herrschafts- und wirtschaftlich-technischer Verkehrsformen.

Das Christentum wirft von vorneherein die Frage auf, ob das Recht gerecht sei, macht weltliches Recht am Maßstab des natürlich-göttlichen Rechts beurteilbar“. Daraus folgt, so Di Fabio im Rückgriff auf die Rede Papst Benedikts XVI. vor der UN-Generalversammlung (2008), dass „das staatliche Recht zwar vom Christen befolgt wird, aber das weltliche Gesetz ihn nicht von der eigenen Gewissensentscheidung und der eigenen Beurteilung der Welt entbinden kann“. Genau dies ist der Aufhänger der Rede Papst Benedikts XVI. gewesen, die er am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag hielt.

Das Christentum sei, so Di Fabio, „insofern immer sperrig, seit seinen römischen Anfängen, weil das von Christus gelebte und geoffenbarte Menschenbild nicht zur Disposition gestellt werden kann“. Und zu diesem christlichen Menschenbild gehört ganz zentral die Würde aus der Teilhabe des Menschen an der göttlichen Vernunft und dem Mit-Wissen um das wahrhaft Gute in der con-scientia, die ihrerseits zum Garanten dafür wird, dass der Christ für dieses Menschenbild Partei ergreift – das Gewissen besitzt in der christlichen Deutung eine selbsterhaltende Schutzvorrichtung.

Der Grund für die „Sperrigkeit“ des Christen liegt darin, dass sie letztlich nicht auf die Welt und ihre Ordnung ausgerichtet sind, sondern auf das Reich Gottes, jenem Reich, in dem Gerechtigkeit und Recht, Gesetz und Güte, Gebot und Gespür in eins fallen. Von diesem Reich können wir etwas erfahren – im Gewissen! Daher gibt es für Christen in ethischen Fragen jene klare Anweisung: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit!“ (Mt 6, 33) Letzte Bindung erfährt das christliche Gewissen nicht durch Menschenwerk, sondern nur durch Gott: durch dessen Vernunft und Liebe, an der er teilhat, durch dessen Güte und Gebot, die er durch die Teilhabe erkennt.

Wer nach dieser Gerechtigkeit – i. e. der göttlichen – trachtet, der – das wusste Jesus – wird verfolgt werden. Das darf den Christen aber nicht davon abhalten, seinem Gewissen zu folgen – notfalls bis in den Tod. Katholiken wissen das und halten sich deshalb an das Mandat ihres Gewissens, d. h.: sie bemühen sich darum. Auch in schwersten Zeiten. Als die Nationalsozialisten ihr Euthanasie-Programm auflegten, regte sich der Widerstand der Kirche. Die restliche verbliebene Zivilgesellschaft, einschließlich fast aller Vertreter der Jurisprudenz, schwieg.

„Ihr seid in der Welt, aber nicht von der Welt“ (Joh 15, 19). – Diese Differenz gibt überhaupt erst die Möglichkeit zur Fundamentalopposition, wie sie das Gewissen in einigen Fällen nahe legt. Das Gewissen des Christen macht sie misstrauisch – gegen die Welt und ihre Ordnung, aber auch gegen sich selbst, „vor allem dann, wenn ihr Weltbild ihnen eine allzu gefällige Harmonie zwischen dem bereithält, was sie für gut halten, und dem, was für sie selbst nützlich, interessant, stimulierend und befriedigend ist“ (Spaemann).

Der oft geäußerte (aber unberechtigte) Vorwurf der Freudlosigkeit, Lustfeindlichkeit und Strenge schwingt hier mit, aber auch die Sensibilität, dass sich Moral nicht nur in Glücksstreben erschöpft, wie das der hedonistisch orientierte Zeitgeist vertritt, in dem das Gewissen nur noch als Instanz für den Wohlfühl-Check vorkommt, der im großen Nutzenkalkül die Variable bildet. Doch Güte ist nicht Nützlichkeit, Nützlichkeit nicht Güte. Aus gut folgt nützlich, nicht umgekehrt: „Letzten Endes dürfen wir zwar davon ausgehen, dass das für alle Gute auch das für alle Nützliche sein wird. Aber wenn man den Satz umdreht, führt er in die Irre“ (Spaemann).

Und: Die christlichen Versuche, über den eigenen Schatten zu springen, also nicht nur das Nützlich zu suchen, sondern das Gute, im Glauben daran, dass es dieses erstens gibt, dass es zweitens erkennbar ist und dass es drittens in Gott seine Quelle hat, „diese Versuche machen Christen innerhalb jeder Interessengemeinschaft [i. e. Rechtsgemeinschaft, J. B.] einerseits zu besonders objektiven und weitblickenden, andererseits zu besonders unzuverlässigen Interessenvertretern, weil sie notfalls bereit sind, das Gruppeninteresse, mindestens so, wie die Mehrheit der Gruppe es versteht, neugewonnenen sittlichen Einsichten zu opfern“ (Spaemann). – Diese „sittlichen Einsichten“ werden im Gewissen bzw. vor dem Gewissen „neugewonnen“.

Die Unzuverlässigkeit des Christen wird in einem Unrechtssystem zur Tugend. Der Christ erscheint in den Augen der Gesellschaft als „sperrig“ (Di Fabio) oder gar als „windiger Störenfried“ (Spaemann), doch macht er gerade dann alles richtig, wenn die Gesellschaft einen Fehler macht. Gerade dadurch nämlich, dass es sich dem sperrt, was er als falsch erkennt.

Wenn das christliche Gewissen, so noch einmal Spaemann, „vor einer Lebensfrage“ steht, die „nicht bereits konsensuell beantwortet ist“, dann müssen Christen zudem daran erkennbar sein, dass sie die ethischen Debatten „anders zu führen bereit sind, nämlich indem sie den Argumenten der Gegenseite faire Chancen einräumen und darüber hinaus bereit sind, bisher gewonnene Einsichten zugunsten besserer Argumente zur Disposition zu stellen“. Was scheinbar im krassen Widerspruch zur angeblich dogmatischen Morallehre der Kirche steht, entpuppt sich als geradezu logische Konsequenz des Glaubens, vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der Christ im Glauben an eine nicht-weltliche Macht den Blick über die Dinge der Welt erheben kann und daraus ein hohes Potential an Veränderungsbereitschaft gewinnt: „Gerade weil der Christ seinen Glauben nicht zur Disposition stellt, gewinnt er die Freiheit, alles andere zur Disposition zu stellen und alle anderen Unbedingtheiten zu relativieren“ (Spaemann).

Die Absolutheit Gottes wird im Glauben in die Absolutheit des Gewissens transferiert und sorgt dort für eine nicht zu korrumpierende Grundlage der Beurteilung von Welt und Wirklichkeit. Die Vernunftbezogenheit der katholischen Ethik nach Thomas von Aquin, die in der Notwendigkeit (und Möglichkeit) einer menschlichen Einsicht in die Güte des göttlichen Gebots kulminiert, es also ausschließt, dass blinder „Kadavergehorsam“ das ernste Nachdenken über Vorschläge zur Lösung moralischer Fragen a priori unmöglich macht, ist zudem ein Instrument zur fairen Begutachtung neuer ethischer Impulse. Freilich findet diese wiederum vor dem Gewissen statt, also vor dem, dessen Inhalt das im vernünftigen Glauben als gut erkannte Gebot Gottes ist.

Insoweit bestätigt ein Christ, der sich auf diese besondere Rolle des Gewissens einlässt, der auf die Stimme seines Gewissens hört, der dem Urteilsspruch des inneren Gerichtshof folgt, auch zum eigenen Nachteil in der Welt immer wieder den großen christlichen Konnex von Vernunft und Glauben. Er bestätigt das, was auch Robert Spaemann feststellt: „Es gibt heute eigentlich nur einen Verteidiger der Vernunft: Das ist der christliche Glaube“ (in Christ und Welt, 24. März 2011).

Eingedenk der Rolle der Vernunft bei der moralischen Urteilsfindung gibt es damit auch nur einen Verteidiger des Gewissens: den christlichen Glauben. In der Tat: Säkulare Ethiken betrachten das Gewissen längst nicht mehr als ernstzunehmende Kategorie moraltheoretischer Begründungsmodelle, weil das Phänomen mit seinen metaphysischen Voraussetzungen nicht als Begriff einer positivistischen Moraltheorie taugt; ähnliches gilt übrigens für den Begriff der Menschenwürde im säkularen Rechtsdiskurs, der darin mehr und mehr als Exponent einer unverbindlichen „Verfassungslyrik“ verspottet wird.

Nichts spricht dabei gegen eine Erweiterung des Erkenntnishorizonts hinsichtlich des wahrhaft Guten. Wenn, wie im Katholizismus, Vernunft und Glauben sich nicht nur nicht widersprechen, sondern sich bei der Suche nach der epistemischen und ethischen Wahrheit ergänzen, dann ist damit eine Offenheit angelegt, die sich von vielen anderen religiösen und ideologischen Prädispositionen abhebt, zugleich aber nicht in Beliebigkeit verfällt, denn ihre Bindung an den vernünftigen Glauben selbst versichert den Menschen einer Verbindlichkeit, die über jedes Maß menschlicher Kompromitierung hinausweist, da die Einsicht methodisch und inhaltlich von Gott stammt. Das ist der besondere Wert des christlichen Glaubens für das Gewissen: In ihm ein übermenschliches Potential zur Verfügung zu haben, das ernst genommen und gegen die Welt in Stellung gebracht werden muss.

Nur in dieser Wertschätzung ist das Gewissen ein christliches „Sondereigentum“. Jeder Mensch kann qua Vernunft dazu durchdringen, doch es geht auch um die Freilegung des Potentials und die Beseitigung der Hemmnisse seiner konkreten Aktivierung. Dazu, das ist meine feste Überzeugung, braucht es den Glauben.

Freilich muss dieses Potential selbst auch immer wieder neu aktiviert und aktualisiert werden. Das christliche Gewissen führt nicht schon deshalb – quasi automatisch – zu besseren moralischen Entscheidungen, weil es mit der Maßgabe zur prinzipiellen Opposition gegen die Zeit und die Welt für den Gebrauch adäquater konstituiert ist als das säkulare Gewissen, das eine Reflexionsfolie erst noch finden muss oder eine solche grundsätzlich ablehnt, aufgrund durchaus berechtigter Vorbehalte gegen ideologische Programme, und so am Ende auf sich verwiesen bleibt, stets in der Gefahr, inmitten der Launen des Diesseitigen in Beliebigkeit zu fallen. Das christliche Gewissen muss gebildet werden. Dazu gibt die katholische Kirche ein Trainingsprogramm heraus, den Beichtspiegel. Doch um jetzt nicht den Rahmen der Ausgangsfrage zu verlassen, gehe ich auf dessen Prinzipien nicht mehr ein.

Also, Alipius: Glaube und Moral stehen in einem positiven Verhältnis zueinander. Deutlich wird dies am Gewissen. Beim Abfall vom Glauben besteht die Gefahr, schwerhörig und am Ende taub zu werden für die Stimme des Gewissens und bei der vernünftigen Anwendung des Gewissens in Entscheidungssituationen – gerade auch, wenn es darum geht, für als unbedingt wahr erkannte Grundsätze gegen die Kontextbedingungen von Zeit und Kultur mit seiner Persönlichkeit und mit seinem Leben einzustehen – immer mehr aus der Übung zu geraten. Meine Meinung.

(Josef Bordat)

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