Spanien gegen Portugal. Schiedsrichter: Papst?

27. Juni 2012


Von Bullen und Verträgen. Und davon, dass letztere auf erstere kaum Rücksicht nahmen.

Spanien und Portugal stehen sich heute nicht zum ersten Mal gegenüber. Vor über 500 Jahren ging es nicht ums Halbfinale in Europa, sondern um die Halbierung der Welt. Die Rolle des Papstes im Kolonialstreit zwischen den Renaissance-Supermächten wird dabei oft überschätzt. Die portugiesische und auch die spanische Krone – Reyes Católicos hin oder her – drehten ihr ganz eigenes Ding, fernab vom Vatikan. Das scheint deshalb wichtig, weil in Fragen der Kolonialisation oft die Kirche als eigentliche Triebkraft hingestellt und für Verbrechen im Kontext derselben gerne (allein-)verantwortlich gemacht wird.

Tatsächlich war es aber so, dass der Vatikan lediglich bestehende Verträge bestätigte. Umgekehrt scherten sich Spanien und Portugal in ihren Verhandlungen wenig um vorher erlassene Bullen des Heiligen Stuhls.

Die erste Aufteilung der Einflusssphäre der beiden Länder erfolgte bereits im Vertrag von Alcáçovas (1479), in dem die Kanarischen Inseln an Spanien fielen, obgleich sie gemäß der Bulle Romanus pontifex (1455) Papst Nikolaus‘ V. eigentlich in die portugiesische Hemisphäre fielen. Den Vertrag von Alcáçovas hat Papst Sixtus IV. anschließend bloß noch besiegeln können, nämlich mit der Bulle Aeterni regis (1481). Jener Vertrag war nach der Entdeckung Amerikas (1492) obsolet geworden und wurde durch den Vertrag von Tordesillas (1494) aufgehoben – ungeachtet der dazwischen erlassenen päpstlichen Bulle Inter cetera (1493).

Beim Vertrag von Tordesillas handelt es sich um ein bilaterales Abkommen zwischen Spanien und Portugal, mit dem die beiden Seemächte eine Korrektur der Demarkationslinie vornahmen, die 1493 Papst Alexander VI. mit der Bulle Inter cetera festgesetzt hatte. Die Demarkationslinie wurde mit diesem Vertrag einfach mal so um rund acht Grad oder 270 Meilen nach Westen verschoben, so dass Brasilien fortan zur Einflusssphäre Portugals gehörte, was dann auch erklärt, warum Pelé und seine Epigonen portugiesisch sprechen.

Die im Kontext von Tordesillas fragliche „Schenkungs- bzw. Teilungsbulle“ Inter cetera spielte in den bilateralen Beziehungen zwischen Spanien und Portugal keine Rolle (anders als „innenpolitisch“ – der Schenkungsaspekt in Inter cetera war in Spanien ein wichtiger Bestandteil der Legitimation und wurde sogar vom Kolonialismus-Kritiker Las Casas anerkannt). Sie wurde aber in den Verhandlungen zwischen den iberischen Konkurrenten. Schatz stellt dazu fest: „Die Diplomatie ging einfach über Inter cetera hinweg. Die Verhandlungen zwischen Madrid und Lissabon liefen weiter als sei nichts geschehen.“ (Von der europäischen Christenheit zur Weltkirche. Durchblicke durch die Missionsgeschichte der Neuzeit 15.-20. Jh. Frankfurt a. M. 1983, S. 13). Nur so ist ja überhaupt zu erklären, dass man einfach mal so die Teilungsbedingungen änderte. Die Bulle Inter cetera hatte also sicher auf der einen Seite für die spanische Krone eine funktional-machtpolitische Bedeutung zur Absicherung des Herrschaftsanspruchs in Amerika, doch spielte sie ebenso sicher in den Beziehungen zwischen der damaligen Kolonialmächte keine Rolle. Im übrigen auch nicht im Verhältnis Spaniens zu Frankreich, das nicht qua Inter cetera zum Verzicht auf Ansprüche im überseeischen Raum bewegt werden konnte, sondern mit territorialen Zugeständnissen zu entsprechender Neutralität verpflichtet wurde. So waren die Spanier bereit, Mailand an Frankreich abzutreten, wenn dieses sich im Gegenzug zu einem Verzicht auf Kolonien in Amerika durchringen könnte. Hätte Spanien nicht mit der Bulle als verbindlichem Druckmittel gewuchert, wäre das möglich gewesen, wäre also diese Bulle rechtsverbindlich in den internationalen Beziehungen gewesen? In Wirklichkeit hatte die Bulle Inter cetera aber keine rechtliche Bindungskraft, die auch nur annähernd mit der „völkerrechtlicher“ Verträge mithalten konnte (vgl. Pietschmann: Staat und staatliche Entwicklung am Beginn der spanischen Kolonisation Amerikas. Aschendorff 1980, S. 61 f.).

Auch fühlte sich Spaniens Katholisches Königspaar Isabel und Ferdinand an keine päpstliche Verlautbarung gebunden, mit der portugiesische Herrschaftsansprüche legitimiert werden sollten. Auf die „Schenkungsbulle“ Romanus pontifex (1455) von Papst Nikolaus V. (die keinen Passus zur Teilung enthielt, sondern mit der lediglich Afrika an die Portugiesen verschenkt wurde), folgte nicht etwa zähneknirschendes Stillschweigen, sondern eine ernste Auseinandersetzung mit zahlreichen Gebietskonflikten, die erst mit dem Vertrag von Alcáçovas (1479) endete, der (wie gesagt) erstmals eine Interessenabgrenzung (Gebietsteilung) zwischen Spanien und Portugal enthielt – jenseits des Vatikan-Votums.

Spanien und Portugal fühlten sich also nicht an irgendwelche „Verteilungs- und Schenkungsbullen“ gebunden, sondern haben immer eigene Verträge geschlossen, die z. T. den päpstlichen Vorstellungen widersprachen. So geschehen im Vertrag von Alcáçovas, so geschehen im Vertrag von Tordesillas. Zu diesem hatte der Vatikan, der in Kolonialfragen zwischen Spanien und Portugal nachvollzog und nicht etwa das Tempo bestimmte, zwar ausdrücklich geraten, aber nicht um „seine“ Vorstellungen aus vorab erlassenen Bullen umgesetzt zu sehen, sondern allein aus Sorge um den bedrohten (Welt-)Frieden.

Fazit: Spanien und Portugal ließen sich vom Papst am Ende des 15. Jahrhunderts nichts mehr sagen. Hoffen wir, dass der Schiedsrichter heute Abend mehr Einfluss hat.

(Josef Bordat)

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