Toleranz und Respekt

17. Juli 2012


Oft wird das Verständnis oder gar eine gewisse Sympathie für die Haltung eines Menschen zur Voraussetzung dafür gemacht, diese zu tolerieren. Das ist aber ein Fehlverständnis des Begriffs Toleranz. Toleranz kann dem Wortsinn nach erst dort beginnen, wo ich etwas nicht teile, nicht verstehe, denn es bedeutet schlicht „Duldung“. Das ist die schwächste Form, dem Fremden – sei es eine Sache oder ein Mensch – überhaupt eine Existenzberechtigung zuzubilligen.

Wenn nun für diese schwache Figur derart hohen Hürden aufgebaut werden wie Verständnis und Sympathie, werden die Verhältnisse im menschlichen Miteinander völlig verzerrt und alle müssten um ihr Recht, so sein zu dürfen, wie sie sind, fürchten, weil und soweit sich der Einzelne gegenüber der Gemeinschaft nur selten verstehbar und sympathisch machen kann. Toleranz darf also nicht an Verständnis und Sympathie gebunden werden.

Der Punkt ist vielmehr der: Ich toleriere nicht, obwohl ich nicht verstehe, sondern weil ich nicht verstehe. Könnte ich in vollem Umfang verstehen, tolerierte ich nicht mehr, sondern respektierte bereits. Das aber ist viel mehr: Berücksichtigung. Ich betrachte etwas als derart wertvoll, dass ich es (u. U. in abgewandelter Form) auch für meine Lebensführung zu berücksichtigen erwäge – das bedeutet es, einer Sache oder einem Menschen Respekt entgegen zu bringen. Ich nehme soviel Rücksicht, dass ich bereit bin, auf etwas zu verzichten, damit das Respektierte so sein kann, wie es ist.

Toleranz zu üben, das setzt hingegen nicht voraus, den Wert des tolerierten Sachverhalts so hoch zu schätzen, dass man ihn selbst erhalten oder gar adaptieren will. Ich toleriere (erdulde) das, was mir zutiefst fremd ist, solange es mich nicht in meiner sozialen, personalen und biologischen Existenz bedroht (das wäre eine Grenze für die Toleranz, selbst für die Toleranz). Ich toleriere jeden Menschen, nicht aber jedes Verhalten.

Für Respekt liegt die Latte höher: Ich respektiere jeden Menschen, mit dem ich eine gemeinsame Basis aufbauen kann, was voraussetzt, dass wir Grundwerte teilen, als Bausteine dieser Basis, seien es inhaltliche (die Achtung der Menschenwürde; die Geltung elementarer Menschenrechte; der Glaube an Gott, zumindest jedoch der Glaube an etwas „Höheres“, das unser Hier und Jetzt übersteigt und es uns ermöglicht, durch Bezugnahme unseren Rechtfertigungshorizont zu erweitern) oder methodische (die Ernsthaftigkeit der Haltung; der Mut, diese gegen Widerstände zu vertreten; die Art des Umgangs mit abweichenden Haltungen).

(Josef Bordat)

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