Erzählen nach Zahlen

22. August 2012


Urlaubszeit, Reisezeit. Und mit der Reise in fremde (wärmere!) Gefilde stellt sich das Verständigungsproblem. Wie sagt man „Ich hätte gerne ein Bier.“ auf portugiesisch oder Hindi? Zwar kommt man mit Englisch „überall durch“, doch selbst mit der Hauptgeschäftssprache der globalisierten Gesellschaft stößt man gelegentlich an Grenzen. Wie praktisch wäre da eine Universalsprache, die eine weltweite Verständigung über eben diese Grenzen hinweg ermöglichte, ohne Dolmetscher, ohne Wörterbuch und ohne Missverständnisse!

Dieser Gedanke ist die Basis aller Ansätze zur Entwicklung von Kunstsprachen. Die bekannteste ist sicherlich das Esperanto, eine Kombination des Vokabulars romanischer und germanischer Sprachen mit einfacher grammatikalischer Struktur. Daneben gibt es Versuche, sich für die Verständigung des Universellsten zu bedienen, das Menschen über Kulturgrenzen hinweg kennen und nutzen: Zahlen. Ein Beispiel dafür ist die Zahlensprache Timerio.

Timerio wurde vor rund hundert Jahren von dem Berliner Architekten Tiemer entwickelt. Die Idee: Statt Buchstaben als sprachliche Zeichen werden Zahlen verwendet. Statt „Ich liebe dich“ schreibt man etwa „1-80-2“ – „1“ bedeutet „ich, mich“, „80“ heißt „Liebe, lieben“ und die „2“ steht für „du, dich“. Ganz einfach. Oder? Die Schwierigkeit liegt zum einen in der begrenzten Zahl an Begriffen und damit in einer sehr limitierten Ausdrucksmöglichkeit, zum anderen im grammatikalischen Detail. Wie lassen sich temporale Variationen des Prädikats darstellen („Ich liebte dich“, „Ich werde dich lieben“), wie die verschiedenen Wortarten, die aus einem Grundbegriff gewonnen werden, also „Liebe“ (Substantiv), „lieben“ (Verb), „lieb“ (Adjektiv bzw. Adverb)?

Tiemer behalf sich mit ergänzenden Zeichen: Um etwa die Vergangenheit eines Sachverhalts auszudrücken, wird die „Prädikatszahl“ unterstrichen („80“, „liebte“), für die Zukunftsform wird ein Strich über die Zahl gezogen („80“, „werde lieben“). Wortartvarianten werden mit spitzen Klammern markiert („<“ und „>“, Beispiel: „1673“, „Farbe“; „>1673“, „farbig“; „1673<“, „färben“). Der Plural wird durch eine hochgestellte Zwei dargestellt („980“, „Brief“; „980²“, „Briefe“). Die Steigerung von Adjektiven wird durch nachgestellte Sternchen verdeutlicht: „164“ bedeutet „groß“, „164*“ entsprechend „größer“ und „164***“ heißt „am größten“. Die Deklination der Nomen erfolgt dadurch, dass die Fallzahl als römische Ziffer angehängt wird, z.B. „80 II“ für den Genitiv von „Liebe“. Auch für die Verwendung von Zahlen in ihrem eigentlichen Sinne, nämlich als Zahlen, hat Tiemer vorgesorgt: Sie werden in Klammern gesetzt – „(1)“ bedeutet tatsächlich „eins“ (und nicht „ich“).

Die Grundidee von Timerio baut auf der Dezimalklassifikation von Gottfried Wilhelm Leibniz auf. Leibniz selbst hatte bereits eine ähnliche Idee wie Tiemer, wenn auch seine Zeichensprache weniger zur Verständigung denn vielmehr als Basis einer Universalwissenschaft dienen sollte: die characteristica universalis, ein System von Zeichen zur eindeutigen, widerspruchsfreien und daher unmissverständlichen Darstellung aller Dinge und ihrer Beziehungen zueinander.

Jener Leibniz erkannte aber auch schon die Grenzen einer solchen künstlichen Zahlen- und Zeichensprache. Die natürliche Sprache ist Teil unseres kulturellen und sozialen Habitus, bei ihrem Gebrauch geht es nicht nur um möglichst eindeutige Informationsvermittlung. In der Tat betont Leibniz immer wieder die Bedeutung der natürlichen Sprache in ihrer Eigenschaft, die Gemüter zu bewegen, aber auch als erkenntniskonservierendes und -leitendes Medium, das gerade in seiner Vagheit und Verschiedenheit wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht, da es sich an neue Erkenntnisse anzupassen vermag und den Menschen unterschiedlicher Sprachgemeinschaften ermöglicht, ganz spezifische Erfahrungen zu machen, die sich in der Folge zum Wohle aller ergänzen können.

Wir müssen uns also, allen wohlmeinenden Universalisierungs- und Vereinheitlichungsversuchen zum Trotz, weiterhin bemühen, in und mit unseren natürlichen Sprachen zu Verständigung und Verständnis zu gelangen. Nicht nur im Urlaub.

Der Beitrag erschien zuerst in Lingua et Opinio. Die Onlinezeitschrift für Sprache und Kommunikation.

(Josef Bordat)

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