Loyalität und Distanz

23. August 2012


Zum gespannten Verhältnis von Christentum und Staatlichkeit

Ich hatte vor etwa einem Monat in Religion in den Grenzen des Rechts gefordert, unser Staat solle die Loyalität seiner religiösen Bürger nicht auf’s Spiel setzen, indem sie deren Entfaltungsmöglichkeiten sukzessive einschränkt. Angeregt durch eine interessante Betrachtung auf Summa Summarum möchte ich nun etwas Grundsätzliches zum Verhältnis des religiösen Bürgers zum Staat nachlegen.

Ich bleibe mal beim Christentum. Wieso kann es hier überhaupt ein Loyalitätsproblem geben, wo doch der Christ von Hause aus kein notorischer Revoluzzer ist, wo ihm doch aufgetragen ist, dem Kaiser das dem Kaiser Gebührende zu geben (Jesus) und ansonsten der weltlichen Obrigkeit zu gehorchen (Paulus)? Weil – kurz gesagt – dieses Wohlverhalten eine Grenze kennt, die von einer Instanz gezogen wird, die für den Christen über dem Staat steht: Gott. „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“, heißt es in der Apostelgeschichte, zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Christentum als Religion und die Urgemeinde als Kirche zu formieren beginnt.

Also: Das höchste Gut für den Christen ist Gott, nicht der Mensch. Damit gibt es in Krisen der menschlichen Ordnung immer eine prinzipielle Distanz, die für kritische Intervention genutzt werden kann. Das gilt auch, wenn sich die eigene Religion zur weltlichen Macht aufschwingt und das Gewissen vollständig zu usurpieren droht. Auch die religiöse Ordnung kann sich verfestigen und totalitär werden, statt das Gewissen zu schulen und zu stärken, wie es im Christentum ihr vornehmster Zweck ist. Der christliche Glaube sorgt dafür, dass weder Religion noch Volk, weder Kirche noch Staat, weder Papst noch Kaiser das letzte Wort in Moralfragen haben, sondern das von Gott geschaffene, durch Sein Gebot beratene und vor Ihm verantwortete Gewissen. An der gleichen Stelle ist das säkulare Gewissen kraftlos, weil dem, der es anwenden möchte, die nötigen Rückzugsareale fehlen, die der christliche Glaube bietet. Vor welcher Folie sollte noch reflektiert werden, wenn doch gerade jene, die in Flammen steht, die ist, auf die zu beziehen ausschließlich möglich sein soll? Ergo: Gottlosigkeit macht nicht gewissenlos, doch sie lässt das Gewissen systematisch im Dunkeln, gerade in Krisen der weltlichen Ordnung. Wer es dennoch schafft, sein dem Selbstverständnis nach „gottloses Gewissen“ zum Leuchten zu bringen, ist ein Held des Ethos (ein Heiliger würde er wohl nicht sein wollen!). Doch Helden sind einsam und selten. Ich denke, es ist nicht gut, wenn wir uns auf moralische Heroen verlassen. Besser ist es, in Gott die Basis zu suchen und zu finden, also den Glauben zu stärken.

Für Christen gilt: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen“, um das Reich Gottes und die Gerechtigkeit Gottes, der Rest wird schon werden, denn „dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6, 33). Christen erklären sich nach Robert Spaemann bereit, „ihre Vormeinungen, Interessen, Perspektiven, Vorlieben prinzipiell zur Disposition zu stellen und dem Gesichtspunkt des Guten, dem ethischen Gesichtspunkt unterzuordnen“, einem Gesichtspunkt, der vom Gewissen her ausgeleuchtet wird, einem Gewissen, das nicht mit Meinungen, Interessen und Präferenzen identisch ist. „Der Christ“, so fasst es Udo Di Fabio auf, „ist mit seinem Gewissen eine eigenwillige Umwelt weltlicher Herrschafts- und wirtschaftlich-technischer Verkehrsformen. Das Christentum wirft von vorneherein die Frage auf, ob das Recht gerecht sei, macht weltliches Recht am Maßstab des natürlich-göttlichen Rechts beurteilbar“. Von vorne herein gibt es eine Distanz des Christen zur weltlichen Ordnung. Daraus folgt, so Di Fabio im Rückgriff auf die Rede Papst Benedikts XVI. vor der UN-Generalversammlung (2008), dass „das staatliche Recht zwar vom Christen befolgt wird, aber das weltliche Gesetz ihn nicht von der eigenen Gewissensentscheidung und der eigenen Beurteilung der Welt entbinden kann“. Genau dies ist der Aufhänger der Rede Papst Benedikts XVI. gewesen, die er am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag hielt (vgl. dazu meine Analyse der Rede auf Sende-Zeit).

Das Christentum ist „insofern immer sperrig, seit seinen römischen Anfängen, weil das von Christus gelebte und geoffenbarte Menschenbild nicht zur Disposition gestellt werden kann“ (Di Fabio). Zu diesem christlichen Menschenbild gehört ganz zentral die Würde aus der Teilhabe des Menschen an der göttlichen Vernunft und dem Mit-Wissen um das wahrhaft Gute in der con-scientia, die ihrerseits zum Garanten dafür wird, dass der Christ für dieses Menschenbild Partei ergreift – das Gewissen besitzt in der christlichen Deutung eine selbsterhaltende Schutzvorrichtung. Der Grund für die „Sperrigkeit“ des Christen liegt also darin, dass er letztlich nicht auf die Welt und ihre Ordnung ausgerichtet ist, sondern auf das Reich Gottes, jenem Reich, in dem Gerechtigkeit und Recht, Gesetz und Güte, Gebot und Gespür in eins fallen.

Loyalität kann es daher nur gegenüber weltlichen Ordnungen geben, die den Christen nicht an dieser Ausrichtung hindern. Umgekehrt ist eine Skepsis gegenüber allzu volkstreuen Religionen und staatsnahen Kirchen, wie sie in dem oben erwähnten Beitrag auf Summa Summarum anklingt, durchaus angebracht. Das Christentum braucht die Distanz, jeder einzelne Christ braucht sie – um loyal sein zu können.

(Josef Bordat)

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