Wo eine Suppe ist, ist auch ein Haar

27. August 2012


Zu meiner Erinnerung an den 102. Geburtstag Mutter Teresas bin ich von einer Kollegin auf die Kritik an Mutter Teresa aufmerksam gemacht geworden, einer Kritik, wie sie sich im einschlägigen Wikipedia-Artikel finden lässt. Nun, ich bin kein ausgewiesener Mutter Teresa-Experte und erst recht niemand, der sich ein abschließendes Urteil über die Lebensleistung Mutter Teresas zutraut. Aber den Wikipedia-Artikel zu analysieren und einige Fragen zur Belastbarkeit der vorgetragenen Vorwürfe zu formulieren, traue ich mir schon zu.

Interessant ist zunächst, dass im Wikipedia-Artikel einige Kritikpunkte ohne jeden Beleg aufgeführt werden (wobei auch jeder Beleg im Einzelfall zu prüfen ist). Dies verstößt gegen die Wikipedia-Richtlinien zur Belegpflicht. Vor strittigen, nicht belegten Textpassagen erscheint sonst ein Vermerk mit einem Hinweis auf den Evidenzmangel und der Aufforderung, diesen zu heilen. Bei Mutter Teresa nicht. Da reicht ein dürres „Als Hauptkritikpunkte werden angeführt“, offen bleibt in zwei von acht Punkten von wem und wo. Lassen sich fehlende Belege trotz zweier im Literaturverzeichnis aufgeführter, geschichtswissenschaftlich sicher einwandfrei neutraler Christopher Hitchens-Texte nicht beibringen? Merkwürdig!

Im übrigen besteht schon die Darstellung von „Leben und Werk“ Mutter Teresas auf Wikipedia zu einem Drittel aus versteckter oder expliziter „Kritik“, auch solcher Punkte, die unten – im Abschnitt „Kritik an der Arbeit Mutter Teresas“ – gleich noch einmal genannt werden, allen voran ihre ablehnende Haltung zur Abtreibung. Und das, obwohl auch Redundanz nicht unbedingt ein herausragendes Merkmal lexikalischen Stils ist.

Richtig schwach ist der Umgang mit ihrem Glaubenszweifel, der sich wohl aus einigen Stellen ihrer Aufzeichnungen herauslesen lässt, die dann auch prompt zitiert werden, ohne sie quellenkritisch einzuordnen. Das bleibt der Leserschaft überlassen. Kann die aber noch etwas anfangen mit Anfechtungen und mit der „dunklen Nacht“, die dann weiter unten herbeizitiert wird, wohl, um die Beatifikation Mutter Teresas vollends der Lächerlichkeit preiszugeben?

Es gibt auch keine (selbst)kritische Diskussion des Artikels, wie sie sonst bei Wikipedia zu jedem Klacks geführt wird. Allenfalls wird weiter an einer selektiven Biographie Mutter Teresas geschraubt, wozu selbstverständlich auch die umgehende „Widerlegung“ etwaiger Heilungswunder zählt.

Was die auf Wikipedia gelisteten Vorwürfe gegen Mutter Teresa angeht, denke ich, dass hier eine heikle Mischung vorliegt, aus der Absolutsetzung eigener weltanschaulicher Prädisposition (Ein Kritikpunkt ist – wie gesagt – ihre Haltung gegen Abtreibung; ein anderer Kritikpunkt ist ihre „konservative Weltanschauung“.), aus einem Fehlverständnis christlicher Moralität (Leid ist eine Form der Nachfolge, weil sich tatsächlich im Leid eine Einheit mit Christus einstellen kann, die nicht möglich ist, wenn alles glatt geht; wenn dann mal keine Schmerzmittel vorhanden sind, kann aus dieser Haltung mit ein wenig böser Phantasie schnell ein Strick gedreht werden.), aus üblichen Unterstellungen (Sie redet nicht mit uns, also hat sie was zu verbergen.) und aus der unvermeidlichen Prise grenzzynischer Selbstgerechtigkeit: 1. Laien hätten bei Mutter Teresa mitgearbeitet. Klar, wer im Dreck liegt, besteht natürlich darauf, von examinierten Kräften mit Prädikatsapprobation behandelt zu werden! Da kann nicht irgendjemand kommen und einfach nur helfen! – Mir ist klar, dass ein Minimum an Wissen erforderlich ist, gerade im pflegerischen Bereich. Ich traue den Schwestern allerdings zu, dass sie das im Zweifel auch ohne drei Jahre Ausbildung hinbekommen haben. 2. Die Versorgungssituation in den Krankenhäusern ihres Ordens wird gerügt, von Stationen also, die sie in kürzester Zeit aus dem Nichts aufgebaut hatte; das ist etwa so als wenn man den Feuerwehrleuten am Ground Zero vorwerfen würde, sie hätten alles kaputt gemacht! Dass Mutter Teresa absichtlich ihre Einrichtungen zugrundegewirtschaftet hat und gespendete Waren vernichten ließ, halte ich für absurd; Umgestaltungen können aber sicher nötig gewesen sein, etwa um mehr Menschen unterbringen zu können. Hätte sie wenige Menschen in Luxus untergebracht und dann auch noch „geheizt“ (in Kalkutta grenzen unbeheizte Räume an Folter), hätte man ihr vorgeworfen, sie habe Menschen im Dreck liegen lassen, um den „lucky few“ ein dekadentes Leben zu ermöglichen. Wo eine Suppe ist, ist auch ein Haar.

Dann soll sie übertrieben haben, was die Leistungsdaten ihres Ordens betrifft (zum Glück stimmen Statistiken sonst immer). Ob man allerdings Mutter Teresas Dokumentation anzweifelt, nur weil ein in England lebender indischer Autor sie nicht im einzelnen bestätigt gefunden hat, hängt davon ab, wem man nun mehr vertraut: der ersten oder der zweiten Hand? Die erste ist Partei – richtig! Und die zweite? Neutral? Immerhin sorgen gewagte Thesen schnell für Aufsehen und Popularität: Der Autor und – selbstredend! – Hitchens waren „the only two official hostile witnesses to Church procedures for the beatification of Mother Teresa in 2003“, freilich nicht, weil kein anderer in diese Marktlücke vorgedrungen war, sondern weil die Millionen Mutter Teresa-Opfer (und ihre englischen Anwälte) längst im Vatikanverließ einsaßen – hinter der Mauer des Schweigens.

Apropos „Vatikan“. – Pikanterweise wird Mutter Teresa ja zugleich vorgeworfen, sie habe zu viel Geld in neue Klöster und Krankenstationen (in Afrika etwa) investiert und damit über die Expansion des Ordens ihre Arbeit in Kalkutta vernachlässigt (als brauche Afrika keine Hilfe!). Dabei soll sie dann auch noch mit dem Vatikan zusammengearbeitet haben (Achtung!): „dem Vatikan“ habe sie Spendengelder zukommen lassen! Naheliegend ist, dass die Finanzierung der neuen Konventsgründungen über die dafür eingerichtete Vatikanbank („Istituto per le Opere di Religione“) lief, wobei Mutter Teresas Freund und Gönner, Papst Johannes Paul II., unter Umständen immer noch ein paar Lire zugeschossen hat (das wiederum weiß ich nicht, kann es mir aber gut vorstellen). Fest steht jedoch: So zu tun, als seien die Spendengelder damit zweckentfremdet, weil sie „beim Vatikan“ gelandet seien, ist so, als wenn man einer sozialen Einrichtung, die ein Konto bei der Deutschen Bank unterhält, vorwerfe, sie leite der Deutschen Bank Spendengelder zu. Das ist natürlich richtig (technisch), aber dennoch falsch (sachlich). Und irreführend wird es, wenn man den technischen Vorgang als Sinn und Zweck der Sache darstellt.

Insgesamt sehe ich die Kritik mit großem Erstaunen – Erstaunen über die verschiedenen Kritikpunkte, vor allem aber über das eifrige Engagement und die mangelnde Selbstreflexion bei den Kritikern. Klar: So eine Mutter Teresa ist ein Dorn im Auge. Das sollte, Wikipedia, aber nicht schon allein Grund genug sein, die hausinternen Regeln über Bord zu werfen.

(Josef Bordat)

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