Grausamer Verdacht: War Mutter Teresa gegen Abtreibung?

11. September 2012


Es ist ja nicht so, dass ich in Peru nichts zu tun hätte. Immerhin steht heute das WM-Qualifikationsspiel gegen Argentinien an, ein Duell, über das hier selbst in Kochsendungen und Talkshows zum Thema „Energietechnik der Zukunft“ diskutiert wird. Aber es gibt doch eine interessante Entwicklung im Hinblick auf meinen Artikel zur Darstellung Mutter Teresas in der deutschen Ausgabe der Wikipedia, die mich veranlasst, für zehn Minuten Messi einfach Messi sein zu lassen.

Zum einen wird im Rahmen der Wikipedia-Diskussion des Artikels auf den Jobo72-Beitrag verwiesen (herzlichen Dank an den Unbekannten, der den Link gesetzt hat), zum anderen ist ebendort neuerdings der Ansatz einer mustergültigen Debatte über das Thema „Abtreibung“ zu erkennen. Auf die mit einem Löschantrag verbundene Anmerkung eines Diskutanten, ob und wenn ja, wie es denn überhaupt möglich sei, eine Kritik der Abtreibung ihrerseits zu kritisieren, wo Abtreibung doch (in Deutschland) rechtlich und (generell) moralisch sehr umstritten ist, antwortet ein Anonymus folgendes: „Ähm, was Sie da machen, ist aber arg gefährlich, zumal in einer Enzyklopädie. Da gibt es kein moralisches Gut oder Böse. Zumindest nicht, wenn man so neutral wie möglich sein möchte. Und die Rechtslage ist etwas komplizierter, als einfach zu sagen, Abtreibungen seien einfach verboten und nur „geduldet“ (was auch immer die Anführungszeichen da zu suchen haben). Kann man sogar nachlesen. Unter anderem in der Wikipedia. Und was das geltende Recht in Deutschland mit Mutter Theresa zu tun hat, erschließt sich mir auch nicht auf den ersten Blick. Und zur Frage: Klar kann man jemanden kritisieren, der gegen Abtreibung ist, weil das (meist in stockkonservativen christlichen Kreisen) meist ideologisch und ohne jegliche Ausnahme und damit ohne Bezug zum täglichen Leben gemeint ist. Und im übrigen, wie auch in diesem Fall, auch mit dem Kondomverbot eng zusammenliegt.“ Zitat Ende; Schreibfehler wurden stillschweigend korrigiert.

Da stellen sich mir („Ähm!“) nicht nur die Nackenhaare auf, sondern auch einige Fragen: Wenn eine Enzyklopädie „möglichst neutral“ sein soll bzw. es wohl allem Anschein nach in den Augen des Anonymus ist – warum gibt es dann überhaupt den Topos „Kritik“? Jede Kritik beinhaltet doch eine Wertung eines Verhaltens, einer Position oder einer Einstellung – endet da nicht die stolz proklamierte Neutralität in jedem Fall? Und: Was – genau – ist daran „möglichst neutral“, dass Mutter Teresa für ihre Haltung gegenüber der Abtreibung kritisiert wird bzw. dass die Existenz von Kritik Eingang in den Artikel findet, und was – genau – ist daran „nicht-neutral“, wenn der Hinweis auf Kritik an dieser ihrer Haltung unterbleibt?

Kommen wir zu den Dingen, die ziemlich leicht nachzuvollziehen sind und daher kurz abgehandelt werden können.

Die Rechtslage in Deutschland ist weit weniger kompliziert als es der Anonymus wahrhaben möchte, obgleich „Duldung“ an dieser Stelle tatsächlich ein etwas unglücklicher Begriff ist, denn er geht einerseits zu weit (was die rechtliche und moralische Bewertung der Tat selbst betrifft – der Staat hält am Verbot der Abtreibung fest), andererseits greift er zu kurz (was die Rechtsfolge der Tat betrifft – die Frau kann unter bestimmten Bedingungen fest damit rechnen, nicht bestraft zu werden).

Zwei Dinge sind entscheidend (ganz unabhängig davon, was Wikipedia wiederum davon hält – schon praktisch, wenn die Schieflage in einem Artikel mit der Schieflage in einem anderen Artikel ausgeglichen werden kann!): 1. das allgemeine Lebensrecht, das im Grundgesetz garantiert ist und das „jedem gewährleistet [wird], der ,lebt’; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden“ (BVerG), aufgrund dessen es schon allein kein „Recht auf Abtreibung“ geben kann; 2. die strafrechtliche Würdigung einer Beschneidung dieses Rechts für den Fall des ungeborenen Lebens. Die Abtreibung ist geregelt in § 218 StGB. Danach ist es grundsätzlich verboten, eine Abtreibung vorzunehmen. Alles andere wäre auch ein offener Widerspruch zum Grundgesetz in seiner aktuellen BVerfG-Interpretation, schließlich wird bei einer Abtreibung gerade keine „Gewährleistung des Lebensrechts“ übernommen; durch die dabei in der Hauptsache angestrengte Beendigung menschlichen Lebens wird dieses Recht sogar im jeweiligen Fall direkt und unmittelbar in Abrede gestellt. Dazu gibt es kein Recht, das kann es nicht geben. Abtreibungen bleiben jedoch unter bestimmten Bedingungen straffrei (näheres bestimmt § 218).

Die Abtreibung bleibt allerdings auch dann rechtswidrig, wenn sie aufgrund des Vorliegens dieser Bedingungen nicht strafrechtlich verfolgt wird. Das eine ist die Tat, das andere ist die Rechtsfolge. Von der Rechtsfolge (gibt nichts) auf die Tat zu schließen (macht nichts) ist im Fall der Abtreibung irrig, wird aber – auch das ist wahr – durch die Konstruktion „rechtswidrig, aber straffrei“ angeregt. Im Grunde ist die Abtreibung nach deutschem Recht eine Straftat ohne Strafe. Das muss man wissen.

So ist das in Deutschland. Mutter Teresa hatte mit der Rechtslage in Deutschland wenig zu tun, da hat der Anonymus sicher Recht. Die deutsche Wikipedia-Fassung hingegen schon. In vielen Artikel wird explizit auf die Rechtslage in Deutschland aufmerksam gemacht (oft auch auf die in Österreich und in der Schweiz, da es ja eigentlich die Wikipedia in deutscher Sprache ist, um die es hier geht). Insoweit ist es nicht völlig abwegig, die Bewertung einer Sache in der deutschen Wikipedia-Fassung mit dem in deutschsprachigen Ländern geltenden Normen und Standards in Verbindung zu bringen.

Aber darum geht es ja gar nicht, denn: „Klar kann man jemanden kritisieren, der gegen Abtreibung ist, weil das (meist in stockkonservativen christlichen Kreisen) meist ideologisch und ohne jegliche Ausnahme und damit ohne Bezug zum täglichen Leben gemeint ist. Und im übrigen, wie auch in diesem Fall, auch mit dem Kondomverbot eng zusammenliegt.“ Alles klar?

Klar. Man kann jemanden auch dafür kritisieren, dass er jeden morgen zehn Liegestützen macht, schwarze Unterwäsche trägt und / oder eine Stehplatzdauerkarte für die „Commerzbank-Arena“ besitzt. Man kann. Die Frage ist halt, ob das sinnvoll ist, d.h., ob es irgendetwas zum enzyklopädischen Wissensbestand beisteuert. Das scheint hier bejaht zu werden, soweit die Kritik der Abtreibung „meist in stockkonservativen christlichen Kreisen“ vorkommt und daher „ideologisch und ohne jegliche Ausnahme und damit ohne Bezug zum täglichen Leben gemeint ist“ und zu allem Übel auch noch „mit dem Kondomverbot eng zusammenliegt“. Wikipedia-Neutralität. Enzyklopädistenherz – was willst du mehr?

Fassen wir zusammen: Wikipedia muss gegenüber „stockkonservativen christlichen Kreisen“ Kritik vorbringen, weil es die aus Gründen der Neutralität zu stören gilt. Und wer dazu gehört, also zu den „stockkonservativen christlichen Kreisen“, das bestimmt immer noch Wikipedia. Warum, kann man nachlesen. In den Wikipedia-Richtlinien. Oder so. Das Ganze dient am Ende nur dazu, der „arg gefährlichen“ Hinterfragung der Wikipedia-Kritik zu wehren. Denn: Kritik, das dürfen nur wir. Wir wie Wikipedia. – Und ich dachte schon, mein dreijähriger Neffe sei größenwahnsinnig, weil er einen 2:0-Sieg für Peru tippt.

Noch was: Wer sich ernsthaft und jenseits von Wikipedia ein Bild über die christliche Ethik des Lebensschutzes machen will – ich sage nicht, dies sei ein „neutrales“ (ich glaube im übrigen nicht, dass es so etwas wie „Neutralität“ in der Abtreibungsfrage geben kann), aber vielleicht doch eines, das – bei Lichte betrachtet – eine Diskussionsbasis schafft, kann sich u. a. hier informieren. Und bei Claudia Sperlich, die eine wöchentliche Kolumne gestaltet, auch um Menschen zu erreichen, die irgendwo zwischen überzeugtem, engagiertem Einsatz für den Lebensschutz und Wikipedia stehen. Alles weitere erfahren Sie in stockkonservativen christlichen Kreisen.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.