Das katholische Gewissen

11. Oktober 2012


Ein Schlüsselbegriff der Ethik nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Vortrag anlässlich einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Eichsfeldforums.

1. Einführung

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil. Was kann ich zu einer Diskussion darüber beitragen? Als Philosoph? Nun, ich möchte mit Ihnen einen zentralen Begriff der Ethik im Lichte des Zweiten Vatikanums betrachten: das Gewissen. Dazu werde ich den Gewissensbegriff zuerst etymologisch und historisch einführen (ganz kurz), das Problem des Begriffs, das sich aus der Spannung zwischen Objektivismus und Subjektivismus, zwischen Heteronomie und Autonomie ergibt, aufreißen (auch so kurz wie möglich), um dann zum Zweiten Vatikanum und dessen Folgen für das Konzept Gewissen innerhalb der katholischen Morallehre zu kommen.

Es gibt Begriffe, die oft verwendet werden, und dennoch weiß kaum jemand so Recht, was damit eigentlich gemeint ist. Gewissen gehört dazu. Der Gewissensbegriff ist kein leichter und vor allem kein unproblematischer. Dass er nicht leicht ist, liegt in seinem inflationären Gebrauch und seiner disparaten Verwendung begründet. Jemand arbeitet „gewissenhaft“, eine andere hat nach dem Verzehr eines Stücks Schwarzwälder Kirschtorte ein „schlechtes Gewissen“, ein Dritter beteuert, nach „bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt zu haben – und jeder meint mit Gewissen etwas ähnliches, doch nicht dasselbe. Dass der Gewissensbegriff nicht unproblematisch ist, liegt daran, dass er sich nicht vollständig erklären lässt. Reste des Gewissensvorbehalts, der Berufung auf das Gewissen, der Gewissensentscheidung bleiben stets im Verborgenen, im Raum vorreflexiver Gewissheit. Daraus entsteht in der Moraltheorie, die wie jede andere Theorie auf intersubjektive Rechtfertigung angewiesen ist, ein unangenehmes Begründungsvakuum. Was ist dieses Gewissen, von dem wir offenbar nur wenig wissen?

Um sich der Bedeutung eines Begriffs anzunähern, ist es zumeist hilfreich, sich zunächst die Geschichte des Wortes anzusehen. Die Etymologie ist umso mehr ein Fingerzeig, je vielschichtiger ein Konzept heute gebraucht wird. Es lassen sich so die Spuren zurückverfolgen zu den unterschiedlichen Verwendungskontexten, die den Begriff auf ihre spezifische Art mitgeprägt haben. Das gilt insbesondere auch für den Begriff Gewissen.

2. Etymologisches

Das Wort „Gewissen“ kommt vom althochdeutschen „giwizzani“, aus dem sich das mittelhochdeutsche Wort „gewizzen“ entwickelte. „Giwizzani“ ist eine Lehnübersetzung für den lateinischen Begriff „conscientia“; dieser wiederum ist eine Übersetzung des griechischen „syneidesis“. Das Wort „giwizzani“ taucht um das Jahr 1000 in einer Glosse Notkers III. auf. Notker (Beiname Teutonicus,„der Deutsche“) war ein Benediktinermönch und gilt als einer der Väter der deutschen Sprache. In seinem Kommentar zu Psalm 69, Vers 20 („Du kennst meine Schmach und meine Schande. Dir stehen meine Widersacher alle vor Augen.“) versucht er, das lateinische „conscientia“ („Bewusstsein“, „Gewissen“; wörtlich: „Mitwissen“, „Mitwisserschaft“) treffend ins Deutsche zu übertragen. Den Stamm „wizzani“ nimmt Notker von „wizzan“ („wissen“), die Vorsilbe „gi-“, die später zu „ge-“ wird, deutet einerseits darauf hin, dass es um die Gesamtheit des Wissens gehen soll (so wie „Gebirge“ die Gesamtheit der Berge meint oder „Gewässer“ die Gesamtheit all dessen, was Wasser führt), also ein allumfassendes Wissen im Sinne des „Bewusstseins“ gemeint ist, andererseits scheint das Präfix auf eine Intensivierung des Wissens hinzudeuten, also darauf anzuspielen, dass das Wissen des Gewissens ein besonders sicheres, klares Wissen ist, ein im Grade gesteigertes, potenziertes Wissen, ein sehr genau gewusstes Wissen (so wie „Gewitter“ eine starke Form von Wetter ist und der „Gedanke“ das Konzentrat des Denkens). Luther spricht in diesem Sinne davon, dass „wider das Gewissen zu handeln“ nicht „sicher“ sei, weil eben das Wissen des Gewissens ein besonders sicheres ist und uns das Gewissen selbst die Sicherheit gibt, richtig zu liegen.

Schon vom Wort her lässt sich der Grundkonflikt um das Gewissen als „Mit-Wissen“ erkennen. Womit genau teilt man sein Wissen – mit einem autonomen, sich selbst bestimmenden Selbst (Subjektivismus) oder mit einer heteronomen Ordnung, die dem Selbst als Bestimmungsgröße vorgegeben ist (Objektivismus)? Gewissen als die Gesamtheit des Wissens deutet eher auf dieses, Gewissen als Intensivierung des Wissens eher auf jenes. Bereits im Wort „Gewissen“ zeigt sich also die Brisanz der Auseinandersetzung um die Bedeutung des Begriffs.

3. Subjekt und Objekt. Problemaufriss

Im Gewissensgebrauch trifft die subjektive Perspektive des Individuums auf die objektive Normativität der Gemeinschaft. Während aus dem Blickwickel des Subjekts Beliebiges erkannt wird und der Gewissensgebrauch damit in einen „So sehe ich das!“-Relativismus herabzusinken droht, der Authentizität und persönliches Wohlergehen zu den alleinigen Kriterien von Moral macht, kann die objektive Ordnung durch zu starke Verbindlichkeit jeden Spielraum eigener Verantwortungsübernahme zunichte machen. Wird der Gewissensgebrauch im Subjektivismus durch Relativität und fehlende Verbindlichkeit in Bezug auf die objektive Norm- und Wertordnung in seiner Unberechenbarkeit zur Gefahr für die Allgemeinheit, so wird er im Objektivismus vom Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen. Auf der einen Seite steht also die Furcht vor Willkür und Anarchie, vor einem losgelösten Individuum, das die Fähigkeit verloren hat, sich überhaupt noch an allgemeine Werte und Normen zu binden, auf der anderen Seite der Vorwurf, das Gewissen werde in seiner Fähigkeit zur Kritik der Werte und Normen unterschätzt, gerade dadurch, dass man es zu sehr auf eben diese Werte und Normen festlegt. Auf der einen Seite scheint zu gelten: Wenn wir das Gewissen nicht mehr an objektiven Maßstäben messen, sondern dem Einzelnen überlassen, hat jeder die Chance, durch entsprechende Gewissensbildung ein „gutes Gewissen“ zu bekommen, auf der anderen Seite scheinen die objektivistischen Forderungen das Gewissen zu überfrachten und zu lähmen.

Der Grundkonflikt zwischen Subjektivismus und Objektivismus bedarf eines Ausgleichs. Religion und Recht, Kirche und Staat suchen dabei nach Wegen, ausgehend von anthropologischen und ethischen Grundannahmen. Beide normativen Ordnungssysteme – der Staat und die Kirche –, deren Regelwerk einerseits das Gewissen bilden, andererseits aber nicht einschnüren soll, sind um einen Kompromiss bemüht: durch normative Vorgaben soll das Gewissen gebildet und durch die Bildung zu verantwortetem Gebrauch befähigt werden, was die Kritik von Normen einschließt. Die Katze droht sich hier in den Schwanz zu beißen: Was geschieht, wenn gerade die Bildungsgesetze des Gewissens selbst zum Gegenstand der gewissenhaften Normkritik werden? Das wäre dann der erste Schritt in Richtung Subjektivismus. Was, wenn diese Bildungsgesetze den eigenständigen Gewissensgebrauch hemmen? Dann kippte die Waage zur anderen Seite, zum Objektivismus.

Gesucht ist also ein Rückbindungsmodus des Gewissens (auch „Information“, „Formung“ oder „Bildung“ genannt), der den Einzelnen befähigt, gegebene Normen kritisch zu reflektieren, der ihn jedoch soweit binden, dass er sich nicht gleich selbst zur einzig gültigen Norm macht. Dabei muss neben der Anerkennung der Bedingungen Freiheit und Verantwortung weiterhin sichergestellt sein, dass sich der Vernunftgebrauch der Wahrheitssuche verpflichtet weiß. Denn wer die Wahrheit als Zielgröße der praktischen Rationalität ablehnt, nimmt letztlich auch das Gewissen nicht ernst. Der Schlüssel für den Rückbindungsmodus liegt folglich in der Beziehung des Gewissens zur Wahrheit. Erst wer hier ebenfalls Subjektivität unterstellt (meine „Wahrheit“, deine „Wahrheit“), kommt aus der Falle der Unbestimmtheit, ja: Beliebigkeit nicht heraus. Wer aber davon ausgeht, dass es eine gemeinsame Quelle von Vernunft und Wahrheit gibt, die auch für das Gewissen gesorgt hat, nämlich Gott, hat den Grund einer Objektivierung gefunden, die jedoch nur durch das Subjekt wirksam wird (eben in Gestalt des Gewissensgebrauchs) und die damit von der Zustimmung des Subjekts abhängig bleibt. In der katholischen Morallehre, die den Schwerpunkt der Darstellung bildet, wird einerseits an der Wahrheit festgehalten, andererseits beachtet, dass der Einzelnen in seiner Freiheit nie von außen gezwungen werden kann. Aber eben von innen bzw. von einem „verinnerlichten Außen“, vom Gewissen, einem durch göttliche Norm informierten Gewissen. Im Glauben an den Gott der Bibel, der Gebote erlässt und zugleich qua Vernunft Teilhabe an der Einsicht in ihre Notwendigkeit gewährt, konvergieren Freiheit und Wahrheit und damit letztlich die subjektive menschliche Sittlichkeit und das objektive göttliche Gebot. Gewissen und Gesetz werden nicht als Gegensätze gedacht, sondern als Bezugsgrößen, die im Naturrecht eine gemeinsame Rechtfertigungsbasis haben. Dies ist die Grundannahme der katholischen Morallehre, die dem Gewissen seinen Wert zurückgibt, durch den Regress auf das Naturrecht, der die scheinbare Paradoxie von Freiheit und Rationalität auflöst: Nicht die wegfallende Bindung (Freiheit von), sondern die stützende Bindung an verinnerlichte Normen (Freiheit zu) stärkt das Gewissen und macht es zum Garanten vernünftiger Moralität. Das Zusammenspiel von autonomer (aber von Gott durchdrungener) Rationalität sowie heteronomer (aber in die menschliche Natur eingewobener) Normativität setzt freilich die ständige „Weiterbildung“ des Gewissens voraus – ein sich selbst verstärkender Prozess in Richtung moralische Wahrheit. Das christliche Menschenbild, in dem diese „gebundene Freiheit“ oder „Freiheit durch Bindung“ eine zentrale Rolle spielt, und das katholische Naturrechtsverständnis nach Thomas von Aquin, in dem die Vernunft die tragende Säule ist, bilden das Fundament einer tragfähigen Brücke zwischen Subjekt und Objekt in einer Gewissenstheorie, die sich der moralischen Wahrheit verpflichtet weiß.

Das Gewissen ist also die Ausprägungsinstanz einer subjektiven Moralität, die genau dann nicht in Beliebigkeit fällt, wenn sie mit objektiven Normen korrespondiert, die der Mensch zuvor als unverzichtbare Basis seiner Gewissensbildung akzeptiert hat, und zwar aus Vernunftgründen, aus Einsicht in die Notwendigkeit, unabhängig davon, wie sich ein derart gebildetes Gewissen nun „anfühlt“. Drei Dinge führen hingegen in die Irre: 1. das Leugnen der Bedingungen Freiheit und Verantwortung sowie die Reduktion der praktischen Rationalität auf einen bloßen „Instinkt“, wie sie im Szientismus vorzufinden ist, jener verweltanschaulichten, quasireligiösen „Wissenschaftskultur“, die dem säkularen Zugang zum Gewissen im Rücken steht; 2. die Überdehnung der subjektiven Aspekte und der Wegfall des Wahrheitsanspruchs, eine Gefahr, die vom modernen Liberalismus droht, d. h. von dessen moraltheoretischem Programm, dem ethischen Relativismus, und 3. die Überdehnung der objektiven Aspekte, wie sie in Ideologien wie dem Faschismus und Kommunismus bzw. in deren streng normorientiertem Denken, dem Rechtspositivismus, in Erscheinung tritt.

4. Gewissen im Christentum

Ausgehend von der griechischen und der römischen Philosophie der Antike, die das junge Christentum beeinflusste, finden wir bis ins Mittelalter hinein immer wieder den Gedanken, dass das Gewissen eine in uns wohnende, uns deutlich zusprechende, uns jedoch zugleich eigentümlich entzogene Instanz ist, die wie etwas Fremdes im Kern unseres Selbst wirkt, als eine personale Mitte, die nicht von uns kommt.

Für das Christentum ist „Stimme Gottes“ eine gute Beschreibung, die verstehen lässt, was die paradoxe Charakteristik des Gewissens ausmacht: Vertrautheit und Unverfügbarkeit, Fremdheit und Persönlichkeit. Das Paradoxon des Gewissens ist der Ambivalenz der Du-Beziehung des gläubigen Christen zu Gott sehr ähnlich, denn Gott ist dem Christen einerseits der unnahbare, verhüllte „Ganz Andere“ (Rudolph Otto), der sich ihm andererseits offenbart und so wurde wie er – ein Mensch. Gott wird dem Gläubigen wesensgleich, zugleich bleibt er ihm wesentlich entzogen. Das Verhältnis von Nähe und Distanz (schöpfungstheologisch: Ähnlichkeit und Verschiedenheit) ist ein Geheimnis des Glaubens, das sich im Gewissen fortsetzt und dort eine spezielle Pointe erfährt: Die Beziehung bleibt intrapersonal – und die Spannung zwischen der Unbedingtheit des Gewissensmandats (der „Offenbarung“) und einer prinzipiellen Unergründlichkeit der vorreflexiven Ursachen dessen, was uns im Gewissen als Forderung aufleuchtet, wird als besonders schmerzlich erlebt. Die Vorstellung des Gewissens als der „Stimme Gottes“ in uns nimmt quasi die Spannung des Gottesbegriffs mit und trägt sie in die Struktur des Gewissensbegriffs ein. Genau da wird das Konzept vom Zweiten Vatikanischen Konzil abgeholt. Und damit komme ich endlich zur Sache.

5. Gewissen im und nach dem Zweiten Vatikanum

Die katholische Morallehre denkt das Gewissen nicht vom Menschen, sondern von Gott her. Zugleich erkennt sie dessen Wirksamkeit im Menschen. Sie sucht dazu im Anschluss an Thomas von Aquin den Ausgleich zwischen hetero- bzw. theonomen (Gebot und Gnade Gottes) mit autonomen Elementen (Wille und Freiheit des Menschen). Zusammengehalten werden diese Elemente von der zwischen Gott und Mensch geteilten Vernunft als praktischer Rationalität des Handelns, welche Einsicht in die Wahrheit gewährt. Diese Idee verlangt ein kluges Abwägen subjektivistischer und objektivistischer Argumente. Eine solche Abwägungsbemühung wird gerade auch in den Konzilstexten über das Gewissen spürbar, die schon ihrem Selbstverständnis nach (nämlich als konziliar) den Ausgleich der Positionen suchen.

Das Konzil suchte nach einem Kompromiss zwischen der christlichen Gebotstreue (heteronomistischer Objektivismus), wie sie seit Augustinus zentral ist und im protestantischen Pietismus größte Bedeutung erhält, mit Auswirkungen auf das Naturrecht, das substanziell ausgehöhlt wird, und einer säkularistischen Selbstgesetzgebung (autonomistischer Subjektivismus), die den Menschen und sein Gewissen von jeder objektiven Bildungsinstanz entpflichtet, indem die Vernunft als selbstgenerierend und -regulierend gedacht wird und sich an keiner objektiven Wertsphäre auszurichten braucht, zumal diese ja angeblich gar nicht existiert (an diesem Punkt wird dann selbst Kants funktionalistischer Gottesbegriff aufgegeben, an den man sich erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert, um ihn in die Präambel des Grundgesetzes zu integrieren – als ein typisches Beispiel für einen Gottesbegriff der „Idee ohne Beziehung“, als „religionsunabhängiger Bezug zum Numinosen“).

Die Dichotomie von einerseits Unverbindlichkeit, die zur Beliebigkeit neigt, und andererseits Verbindlichkeit, die zum Zwang wird, versucht die katholische Morallehre mit Thomas (und durchaus auch mit einem wohlverstandenen Kant) zu überwinden: Das Subjekt ist auf das Objekt verwiesen (bei Thomas: Gott, bei Kant: das Moralgesetz), denn erst das Objekt befähigt das Subjekt zu Freiheit und Vernunftgebrauch. Das ist die grundsätzliche Idee der katholischen Morallehre: Das Subjekt Mensch ist gerade in der Bindung an Gott und an die von Gott gestiftete Vernunft, an der er Teil hat, frei. Er braucht für diese Freiheit jene Bindung. Es ist eine Freiheit in Gott – nur in Gott. Die Beziehung zwischen Gott (bzw. göttlichem Gebot) und Mensch (bzw. menschlichem Gewissen) ist keine gespannte, sondern eine vitale, eine, die dem Gläubigen Kraft gibt für ein gelingendes Leben.

Das Gewissen hat in der Morallehre der Katholischen Kirche eine große Bedeutung. Das zeigt die Tatsache, dass das Zweite Vatikanische Konzil den Begriff intensiv und kontrovers verhandelt hat. Schließlich bekamen die Konzilstexte, die das Gewissen thematisieren (namentlich Lumen Gentium und Gaudium et spes), den theologisch verbindlichen Rang einer „Konstitution“. In der Pastoralkonstitution Gaudium et spes, die eine Synthese der gegensätzlichen Positionen darstellt, findet sich eine interessante Bestimmung des Gewissens: „Im Inneren seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen aufruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wir. Nicht selten jedoch geschieht es, dass das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne dass es dadurch seine Würde verliert. Das kann man aber nicht sagen, wenn der Mensch sich zu wenig darum bemüht, nach dem Wahren und Guten zu suchen, und das Gewissen durch Gewöhnung an die Sünde allmählich fast blind wird“ (Nr. 16).

Diese Definition umfasst alles, was es braucht, um die katholische Auffassung vom Gewissen zu verstehen. Es erscheint in ihr eine Haltung, die sich durch ein großes abwägendes „Einerseits-Andererseits“ charakterisieren lässt, das bis an die Schmerzgrenze der Selbstverständigung einer Religionsgemeinschaft geht: Einerseits geht es beim Gewissen nicht um den konkret praktizierten religiösen Glauben, andererseits kommt das Gewissen ohne die Wahrheit, die allein in Gott ist, nicht aus. Gerichtet wird der Mensch also nicht danach, ob er katholisch ist, sondern danach, ob er seinem Gewissen folgte und damit seiner Würde gemäß gelebt hat. Der Mensch bleibt jedoch aufgefordert, „nach dem Wahren und Guten zu suchen“ (also: nach Gott), um nicht aus Unkenntnis mit und durch den Gebrauch des Gewissens moralisch zu irren. Bei dieser Suche wiederum hilft ihm die Kirche, deren Hilfe abzuweisen eine Unterlassung darstellt, die den daraufhin unvermeidlichen Irrtum nicht rechtfertigt. Wer also vor dem Richter bestehen will, tut gut daran, der katholischen Morallehre zu folgen – ob er katholisch ist oder nicht. Denn nur sie orientiert sicher und direkt auf die Wahrheit hin und führt ohne Umwege zum Heil. Mit dieser lebendigen Beziehung von Religionsgemeinschaft und persönlichem Glauben, die sich in einer unauflöslichen Verbindung von Gott und Gewissen konstituiert, gelingt dem Konzil etwas, das man wohl mit einigem Recht „Quadratur des Kreises“ nennen kann. Dem Menschen bleibt Raum, den die Kirche eingedenk der Pläne des Architekten und der Lage des ganzen Gebäudes bemessen hat. Wenn sich der Mensch mal in der Tür irrt, um Räume zu öffnen, die ihm nicht zugedacht sind, dann nicht, weil der Plan missverständlich oder gar fehlerhaft wäre, sondern weil der Mensch sich nicht genügend bemüht hat, ihn zu lesen und zu verstehen und auch, weil er die Erläuterungen und Deutungshilfen der Kirche übersah, die als langjährige Hausverwalterin über besondere Erfahrungen und Kenntnisse im Zusammenhang mit dem Gebäude verfügt.

Was bedeutet das für den Gewissensbegriff innerhalb der katholischen Morallehre in Gegenwart und Zukunft? Der konziliare Prozess des Vaticanum II, der sich (aus meiner Sicht erfolgreich) um eine Kompromissformel zwischen der objektivistischen und subjektivistischen Gewissenstheorie bemüht hat, und die Verarbeitung des Themas in einschlägigen lehramtlichen Verlautbarungen (etwa Redemptor hominis, 1979; Veritatis Splendor, 1993; Evangelium vitae, 1995) sowie in der katholischen Moraltheologie der Jahrzehnte nach dem Konzil (vgl. Schockenhoff 1990) zeigen grundsätzlich eine größere Offenheit für die Subjektperspektive, bei gleichzeitiger Ermahnung zur Achtung vor der objektiven Wahrheit, auf die zu deuten ein Anspruch der katholischen Moral ist und bleibt.

Am weitesten in Richtung Subjektivismus geht sicherlich die Position zum Gewissen der Deutschen Bischofskonferenz in der Königsteiner Erklärung (1968), die als Reaktion auf den eher objektivistischen Tenor der Enzyklika Humanae Vitae (1968) Papst Pauls VI. verfasst wurde. Doch auch in der Königsteiner Erklärung wird die Abweichung von der Norm nicht dem Gewissen an sich, sondern dem vor Gott verantworteten Gewissen ermöglicht: „Wer glaubt, in seiner privaten Theorie und Praxis von einer nicht unfehlbaren Lehre des kirchlichen Amtes abweichen zu dürfen – ein solcher Fall ist grundsätzlich denkbar –, muss sich nüchtern und selbstkritisch in seinem Gewissen fragen, ob er dies vor Gott verantworten kann“ (Nr. 3). Ausdrücklich aufgegriffen wird das Zweite Vatikanische Konzil mit der Forderung nach sorgfältiger Prüfung der Gewissensentscheidung an der Moral der Katholischen Kirche, die nichts anderes ist als die von Christus selbst berufene „Lehrerin der Wahrheit“: „Bei ihrer Gewissensbildung müssen jedoch die Christgläubigen die heilige und sichere Lehre der Kirche sorgfältig vor Augen haben. Denn nach dem Willen Christi ist die Katholische Kirche die Lehrerin der Wahrheit; ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit, die Christus ist, zu verkündigen und authentisch zu lehren; zugleich auch die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem Wesen des Menschen selbst hervorgehen, autoritativ zu erklären und zu bestätigen“ (Nr. 11, zitiert wird aus Dignitatis humanae). Allerdings soll dadurch die „Bildung eines selbständigen Gewissens“ keinen „Schaden nehmen“ (Nr. 16).

Einerseits gestattet die Königsteiner Erklärung die selbständige Gewissensbildung zur sorgfältigen Prüfung von Normen (auch kirchlicher Normen), deren Geltungsanspruch sich niemals auf ihre kritiklose Befolgung erstrecken kann, andererseits verlangt sie die sorgfältige Prüfung des Gewissensvorbehalts an der Lehre der Kirche, bevor daraus eine Gewissensentscheidung wird. Ein Zugeständnis an das Subjekt – sicherlich. Doch: Lupenreiner Subjektivismus sieht anders aus.

Diese Veränderung gegenüber dem starren Objektivismus des 19. Jahrhunderts ist zudem keine Revolution, für die es ein Konzil gebraucht hätte, sondern vielmehr eine Rückkehr zu den Wurzeln der naturrechtlichen Gewissenstheorie bei Thomas von Aquin. In der Tat: Die Katholische Kirche sollte Thomas beim Wort nehmen. Das bedeutet, auf die Natur des Menschen zu vertrauen, auf die Stimme Gottes im Menschen, in jedem Menschen. Denn das bedeutet, Gott zu vertrauen. Aber: Der Mensch darf mit seinem Gewissen nicht allein gelassen werden. Die Achtung vor der Präsenz des Naturrechts (und damit der Stimme Gottes im Menschen) darf nicht dazu führen, dass man jede „Hörhilfe“ verweigert. Die Kirche hat viel anzubieten, um vielen Menschen zu helfen, offensichtlichen Irrtümern des Gewissens entgegenzutreten. Und vor Irrtümern, die als solche erkennbar sind, schützt eben auch das Gewissen nicht, trotz des darin wirkenden Naturrechts. Naturrecht meint im Grundsatz ja lediglich, dass alle Menschen das Gute erkennen können. Sie müssen es aber nicht. Ein inhaltlich komplett entkerntes, völlig von jeder Norm entbundenes Gewissen kann schon deshalb in der naturrechtlichen Gewissenstheorie der Kirche nicht das letzte Wort haben. Die Kirche muss dem Menschen und seinem Gewissen Hilfe und Orientierung anbieten, das ist die vornehmste Aufgabe ihrer Morallehre. Dazu muss sie stets die Wahrheitsbindung des Gewissen betonen.

Der Katechismus der Katholischen Kirche (1993) macht dementsprechend deutlich, dass das Gewissen anhand des Wortes Gottes zu bilden ist (Nr. 1783-1785) und es nur dann richtig urteilt, wenn es mit dem göttlichen Gesetz und der Vernunft übereinstimmt (Nr. 1786). Und das gilt für alle Fragen, die das Gewissen berühren, also für die Ethik insgesamt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

(Josef Bordat)

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