Glaube und Religion in Nazi-Deutschland

12. Oktober 2012


Der von Armin Nolzen und Manfred Gailus herausgegebene Sammelband Zerstrittene „Volksgemeinschaft“ beleuchtet das Verhältnis von Christenheit und Nationalsozialismus

Mehr als 95 Prozent der Deutschen – also etwa 60 Millionen – waren zwischen 1933 und 1945 Mitglied in der evangelischen oder der katholischen Kirche. Zugleich hatte die NSDAP am Ende des Zweiten Weltkrieges etwa 7,5 Millionen Mitglieder, so dass es hier eine erhebliche Schnittmenge gibt zwischen Kirchen- und Parteimitgliedschaft.

Christ und Nazi – wie geht das zusammen? Eigentlich gar nicht, soweit man die christliche Lehre, das Christentum, zugrunde legt. Doch die „real existierende“ Christenheit (in Gestalt der Kirchenmitglieder) hat im „Dritten Reich“ den Weg dieser Lehre in großen Teilen verlassen, mal ganz offen (man denke an die von Protestanten gegründete Glaubensbewegung der „Deutschen Christen“), mal eher subtil (man denke an antijudaistische Strömungen innerhalb des deutschen Katholizismus‘). Das Verhältnis der Christenheit zum NS-Staat zu betrachten, ist das Anliegen der Beiträge in dem Sammelband Zerstrittene „Volksgemeinschaft“. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus.

Es geht in den sozialgeschichtlichen Analysen um das konkrete Wirken von evangelischen und katholischen Christen und ihren Kirchen, um pastorales und missionarisches Selbstverständnis und entsprechende Aktivitäten wie die Seelsorge in der Wehrmacht und an der „Heimatfront“, um biographische Zeugnisse von Priestern und um konzeptionelle Arbeit an Schlüsselbegriffen wie „Volksgemeinschaft“ und „politische Religion“. Die Autoren, hauptsächlich Historiker, stellen den Kirchen und ihren Mitgliedern kein gutes Zeugnis aus: die Christen machten mit, mehr noch: Für „große Teile der etwa 40 Millionen deutschen Protestanten“ und „sicher auch für erhebliche Teile der schätzungsweise 20 Millionen katholischen Deutschen“ war die Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933 eine Art „religiöses Erweckungserlebnis“. Zwar stehe der deutsche Katholizismus gegenüber dem „vom Nationalsozialismus tief beeindruckten“ Protestantismus „etwas besser da“, bescheinigen ihm die Herausgeber, da er sich „als Weltkirche verstand“ (das tut er übrigens heute noch) und daher weniger empfänglich war für nationalistische Ideen als eine Kirche, die strukturell ohnehin darauf ausgerichtet war (und ist), wenn nicht als Staats-, so doch als Landeskirche aufgestellt zu sein, doch hier, also bei den Katholiken, lag das Problem in einem eher kulturell als religiös definierten „Traditionschristentum“, das sich „völkisch“ aufladen ließ.

Eine andere Perspektive zielt auf den holistischen Deutungsansatz, der den Nationalsozialismus (und auch den Kommunismus) als „politische Religion“ sieht, für deren Annahme entsprechend „Gläubigkeit“ Bedingung war. Das ist sicher richtig (und gilt in gewissem Maße für jedes System, das man „annehmen“ muss, um darin zu leben, auch für die Demokratie), doch ist der „braune Kult“ nur eine Seite der Erklärung für den Erfolg, den der Nationalsozialismus zeitweilig in der deutschen Gesellschaft hatte (und den hatte er offenbar). Andererseits lässt sich gerade die „Rassenlehre“ als unmittelbares Gegenkonzept zum christlichen Menschenbild verstehen und die NS-Politik, die wesentlich auf jener basierte, mit Beth A. Greich-Polelle dementsprechend als „religiös“ deuten. Die Autorin sieht im Nationalsozialismus den Versuch, den Deutschen „einen neuen Typ einer rassistisch zentrierten ,Religion‘ aufzuzwingen, um ihr christliches Erbe zu verdrängen“. Dazu liegt der Befund nur scheinbar quer, dass viele Nazi-Größen christlich sozialisiert waren und sich in den Glaubensinhalten gut auskannten, denn nur so konnten sie sich auf christliche Begriffe (man denke etwa an das „Heil“) beziehen und diese Metaphern mit völlig neuen Bedeutungsgehalten ausstatten. Was man ersetzen will, muss man kennen.

Fragt man wiederum danach, wie sich Spiritualität und Religiosität der Deutschen durch diese neue „politische Religion“, aber auch durch die neue Religionspolitik, also durch die staatliche bzw. „völkische“ Unterwanderung der großen christlichen Konfessionen und ihrer Einrichtungen, in der Nazi-Zeit verändert hat, so erhält man als Antwort, dass der „Gottesglaube“ jenseits „kirchlicher Formen der religiösen Vergemeinschaftung“ in den Vorkriegsjahren der NS-Diktatur (1933-39) zunahm, ein Umstand, den Horst Junginger „das wirklich Neue der Religionsentwicklung des ,Dritten Reiches’“ nennt. Diese institutionenkritische Religiosität, die sich als „religionsloser Glaube“ jenseits festgelegter Rituale und ohne verbindliche Lehre im Privaten entwickelt, hat den Nationalsozialismus überlebt und prägt bis heute die Spiritualität vieler Deutscher.

Fazit: Der Sammelband Zerstrittene „Volksgemeinschaft“. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus leistet mit diesen unterschiedlichen Blickrichtungen einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Kirchen- und Religionsgeschichte in der dunkelsten Epoche Deutschlands und schließt mit der Beantwortung der Frage, woran die Menschen in der Nazi-Zeit glaubten, eine Forschungslücke.

Bibliographische Daten:

Armin Nolzen / Manfred Gailus (Hg.): Zerstrittene „Volksgemeinschaft“. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus.
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011.
325 Seiten, 39,95 EUR.
ISBN-13: 9783525300299

(Josef Bordat)

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