Weihnachtsspendenaktionen eröffnet

3. Dezember 2012


Die ernsthaften Gedanken gibt’s gratis dazu.

Tagesschau.de berichtet dankenswerterweise über die Eröffnung der diesjährigen Weihnachtsspendenaktionen zweier kirchlicher Hilfswerke: Adveniat (Katholische Deutsche Bischofskonferenz) und Brot für die Welt (Evangelische Kirche in Deutschland). Adveniat „fördert seit mehr als 50 Jahren kirchliche Initiativen zugunsten der Armen und Benachteiligten in Lateinamerika und der Karibik“; nach Auskunft von unabhängigen Zertifizierungsinstituten tut es dies besonders effizient.

Wer sich über die Tagesschau.deÜberschrift („Kirchen wollen vor allem in Lateinamerika helfen“) noch etwas gewundert hat (schließlich ist die kirchliche Hilfe in Lateinamerika kein voluntaristischer Vorsatz, sondern für viele Millionen Menschen seit einem halben Jahrhundert tagtäglich Realität), der wird im Kommentarbereich zur Meldung nun wirklich überrascht, wie leicht es einigen Menschen gelingt, auch bei positiver Presse das eigene negative Kirchenbild über den Tag zu retten. Schlüssel des Erfolgs ist der alte Feindbildtrick, nach dem jeder sichtbaren Manifestation des Feindes, die nicht schon an sich böse ist, zumindest böse Motive zugrunde liegen.

Denn: Schön und gut – 3000 Projekte im Jahr. Trotzdem kann man sich ja auch dann ernsthaft Gedanken machen. Wie dies ein Kommentator tut, der schreibt: „Bei den Spendenaktionen der Kirchen mache ich mir ernsthaft Gedanken, ob ein Teil des Geldes nicht auch für Missionierung von Hilfsbedürftigen missbraucht wird. Man sieht ja, was die christliche Lehre in afrikanischen Ländern wie z. B. Nigeria anrichten kann. Es gibt auch viele andere Organisationen, über die man spenden kann, die den Menschen nicht ihre Ideologie aufdrücken wollen.“

Wir lernen: Wenn es auch so aussieht, als helfe die Kirche Menschen, missbraucht sie Spendengelder, drückt Hilfsbedürftigen ihre Ideologie auf und richtet im Grunde nur irgendetwas an. Wie gehabt. Und das Schöne ist ja, dass man sich gegen Mutmaßungen, die auf motivationale Umstände abzielen, nicht wehren kann: „Du machst zwar x und es sieht auch aus wie x und die meisten Menschen mögen deswegen auch meinen, dass x, aber eigentlich willst Du doch nur y!“ Wer so adressiert wird, ist a priori chancenlos.

Erstaunlich jedoch, dass die ernsthaften Gedanken über die bösen Motive der Kirche und die schlimmen Folgen der christlichen Lehre nun ausgerechnet mit Nigeria aufmachen. Genau zwei Klicks entfernt liest man auf Tagesschau.de folgendes: „Die Serie von Angriffen auf Christen in Nigeria geht weiter. Zehn Gläubige starben laut Augenzeugenberichten bei einem Angriff von Islamisten. Sie sollen regelrecht hingerichtet worden seien. Die islamistische Sekte Boko Haram tötete in den vergangenen Jahren bereits Hunderte Menschen im Land.“

Fassen wir zusammen: Man sollte die Kirche nicht unterstützen, weil sie den Menschen nicht ideologiefrei hilft (wie das viele andere Organisationen tun), sondern ihnen ihre Ideologie aufdrückt. Das liegt wohl am Christentum, ohne das es keine Kirche gäbe. Dieses kann zudem, wie man sieht, in Afrika was anrichten. In Nigeria etwa nötigt die christliche Lehre die Mitarbeiter von Boko Haram ständig zu Überstunden, kommen sie doch aufgrund der Missionierung seitens der Kirche mit dem Töten von Christen kaum noch hinterher.

So?

Oder wie?

Manchmal bin ich – allen ernsthaften Gedanken zum Trotz – einfach nur ratlos.

(Josef Bordat)

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