Thema verfehlt!

11. Dezember 2012


Von meinem geschätzten Facebook-Freund Stefan Ahrens erhielt ich den Hinweis auf einen Spiegel Online-Artikel, in dem steht, dass der Katholik gemeinhin Kinderschänder und die Kirche sowieso Blödsinn ist. Ich möge doch dazu mal etwas erwidern, so der Auftrag.

Nun, der Text selbst ist wohl – nach meinem Dafürhalten – zu wenig substanziiert, als dass sich eine ernsthafte Erwiderung lohnte. Er ist als Kolumne geschrieben, eine Kolumne, die wohl gerne Glosse wäre, was leider schon daran scheitert, dass sie, die Kolumne, nicht besonders lustig ist. Also nicht einmal das. Was bleibt? Zwei Dinge: Kirche ist Blödsinn, Katholiken sind Kinderschänder. Das ist „Wissensbestand 2.0“. Es beginnt zu langweilen. Satisfaktionsfähig ist es ohnehin nicht. Also: Lohnt es sich, darüber zu spekulieren, wie niveaulos ein Text eigentlich sein muss, damit Spiegel ihn nicht online stellt?

Es lohnt sich, etwas anderes zu ergründen: Wie ist es soweit gekommen? Soweit, dass man bar jeder Sachkenntnis über „Kirche“ sprechen darf, so lange es nur irgendwie negativ klingt. Bei der Beantwortung dieser Frage sollte man durchaus selbstkritisch sein.

Das Problem ist nämlich, dass die Katholische Kirche in Deutschland – trotz Reformation und Aufklärung – zu lange auf Autorität gesetzt hat, weil sie sicher sein konnte, dass 99,9 Prozent der Menschen an den Gott der Bibel glauben. Da sich vieles von dem, was sie fordert, auch und gerade im Bereich der Sexualmoral, direkt aus dem Gebot Gottes herleiten lässt, meinte sie, eine für alle verständliche Argumentation sei darüber hinaus nicht nötig.

Heute, wo ihre Position eben nicht nur kritisiert, sondern – in völligem Unverständnis – grundsätzlich abgelehnt wird, ist sie nicht mehr in der Lage, diese Position nachvollziehbar zu vermitteln, nicht, weil sie keine Argumente dafür hätte, die auch ein Nicht-Katholik nachvollziehen können sollte, sondern, weil sie es verlernt hat, philosophisch sauber zu argumentieren. Im Grunde geht es in dieser Hinsicht seit Thomas von Aquin nur noch bergab, mit einigen kleinen Ausschlägen nach oben (die letzten beiden wurden von Papst Benedikt für die Theologie und Robert Spaemann für die Philosophie erzeugt). Doch grundsätzlich war – nach außen – in den letzten 800 Jahren Macht und Gehorsam angesagt und eben nicht Vernunft und Überzeugung. Das rächt sich heute.

Ich glaube jedoch, und wenn ich solche Texte lese, wie den auf Spiegel Online, in dem eine Glaubensgemeinschaft nebenbei und fast spielerisch leicht, dennoch schier unauflöslich mit Kindesmissbrauch assoziiert wird, um dann daraus zu schließen, sie, die Glaubensgemeinschaft, sei mit „Blödsinn“ hinreichend genau beschrieben, dann glaube ich sogar zu wissen, dass in Deutschland der Zug abgefahren ist. Da kann ein Katholik noch so kluge Dinge schreiben, die Vorurteilsstrukturen sind bereits so stabil, dass er daran allenfalls wird rütteln können – zum Einsturz bringen kann er sie nicht.

Das merkt man an den ewig gleichen Vorhaltungen im Kontext der Kirchengeschichte (da kann sich Arnold Angenendt die Finger wund schreiben). Das merkt man an den ewig gleichen Missverständnissen im Bereich der Sexualmoral (Versuchen Sie es gar nicht erst, Eberhard Schockenhoff!), wo jede noch so haarsträubende Dummheit der Wiedergabe sachlich einigermaßen korrekter Fakten publizistisch meilenweit überlegen zu sein scheint. Das merkt man vor allem dann, wenn ein Nicht-Katholik das gleiche sagt wie ein Katholik, und jener für das bejubelt wird, wofür dieser Volkszorn erntet. Sagt der Papst: Geistliche sollten zölibatär leben, heißt es: „Mittelalter!“ und „Menschenverachtung!“. Sagt der Dalai Lama das Gleiche (und er sagt das Gleiche), wird er als Retter der Zivilisation gefeiert. Sagt der Papst: Kein Sex außerhalb einer festen Verbindung von Mann und Frau, heißt es: „Lustfeindlichkeit!“ und „Homophobie!“. Sagt der Dalai Lama das Gleiche (und er sagt das Gleiche), wird er als Retter der „wahren Liebe“ gefeiert. Ist der Papst gegen Abtreibung, unterdrückt er Frauen, ist der Dalai Lama gegen Abtreibung, stärkt er die Rechte indischer Mädchen. Da können Sie sich auf den Kopf stellen, es ändert sich nichts. Da lobe ich mir manchen Atheisten, der alles, was auch nur entfernt den Geruch des Religiösen hat, rundherum zurückweist und damit in seiner prinzipiellen Ablehnung zwischen Papst und Dalai Lama gar keine Unterschiede mehr machen muss. „Wer glaubt, ist doof!“ – das ist zwar eine Position, die ich nicht teile, aber sie enthält wenigstens keine doppelten moralischen Standards.

Zurück zum Thema: Ich glaube, die Medien haben eine Macht, die man nicht brechen kann. Es ist die vierte Gewalt unserer Demokratie, die einzige, die sich vor keiner anderen Gewalt ernsthaft rechtfertigen muss. Das schlimmste, was einer Medienanstalt passieren kann, ist eine Rüge seitens des Presserats. Damit sind die Medien der letzte Rest des Absolutismus in Deutschland. Mit selbstherrlichen und schlecht informierten (und dementsprechend informierenden) Organen wie Spiegel Online fallen wir weit hinter Friedrich den Großen zurück.

Glauben Sie nicht? Dann folgendes: Eine absurdere Position als die, dass man meint, es gäbe außerhalb der Kirche keinen sexuellen Missbrauch, kann man sich kaum vorstellen. Die Umfrage „ARD-Deutschlandtrend“ vom 19. März 2010 lieferte – nach wochenlanger „Berichterstattung“ über das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen – ein erstaunliches Ergebnis: 9 Prozent der Deutschen waren demnach sicher, dass sexueller Missbrauch ausschließlich in kirchlichen Einrichtungen vorkommt. Für jeden elften Deutschen gibt es also keinen Missbrauch in Familien, Sportvereinen, staatlichen Schulen, humanistisch-reformpädagogischen Internaten, Ausbildungsbetrieben und Kinderchören, also dort, wo 99,9 Prozent aller Fälle sexuellen Missbrauchs stattfinden. Damit aber stimmen kann, dass die Kirche allein für die – grob geschätzt – jährlich 200.000 Fälle von Kindesmissbrauch in Deutschland verantwortlich ist, muss ja jeder Priester ein Kinderschänder sein. Sonst würde sie, die Kirche, das wohl kaum schaffen (Priestermangel!). Ex falso quodlibet.

Das ist Macht. Dagegen hat die Wahrheit keine Chance. Satire auch nicht – soweit sie überhaupt noch verstanden werden kann. Denn: Die Macht der Medien ist Definitions- und Deutungsmacht zugleich, so dass derjenige, der die Deutung angreifen will, die Definition schlucken muss. Oder er stellt sich auf den Standpunkt, dass bereits die Definition falsch ist – und daher die Deutung indiskutabel. Im ersten Fall darf man mitspielen, aber nach den Regeln der Medien, die diese selbstbasteln wie Strohsterne. Im zweiten Fall ist man draußen. Tertium non datur. Ludwig XIV. erblasst vor Neid. Denn in seinem Selbstverständnis spielte zumindest die Anerkennung einer übergeordneten Instanz eine Rolle: Gott. Die übergeordnete Instanz der Medien heute ist der Presserat. Die Achtung vor Gott ist weg. Die Achtung vor der Würde des Menschen ist quotenabhängig.

Ja, lieber Stefan Ahrens, ich weiß: Thema verfehlt! Denn das ist sicher nicht die Antwort, die erhofft war, doch es ist die einzige, die ich geben kann. Um die gewünschte kenntnisreiche, faktenbasierte und um Sachlichkeit bemühte Auseinandersetzung mit den Themen „Katholische Sexualmoral“ (insbesondere „Homosexualität“) und „Sexueller Missbrauch“ geht es jedenfalls schon lange nicht mehr.

(Josef Bordat)

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