Geschenke

22. Dezember 2012


Wenn ich schon zu Weihnachten nicht bei meinen Neffen und meiner Nichte in Lima sein kann, so möchte ich ihnen zumindest ein schönes Geschenk machen! Bloß: Was? Ich überlege kurz, denke an meine eigene Kindheit, erwäge, dass elterliche Liebe (und die des Onkels) wohl das Wichtigste ist, um die Botschaft aus Bethlehem glaubwürdig in unsere Zeit zu übertragen, dass es etwas sein sollte, was ihre geistig-geistlichen Naturanlagen vervollkommnet, um in ihnen Verantwortungsbewusstsein, Friedfertigkeit, Demut und den Willen zu stärken, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, in dem der Anbruch des messianische Reiches sichtbar wird. Ich entscheide mich für ein paar Computerspiele. Das hatten sie sich gewünscht.

Nur im Rahmen von Computerspielen können junge Menschen lernen, wie man einen Fußballverein zugrunde richtet („FIFA-Manager3000“), wie sich die Anatomie des menschlichen Körpers darstellt („SuperStripPoker“) und wie man die westliche Welt vom Terror befreit („KillingKaida 4.0“). Auch wenn ich trotz allem nicht ganz davon überzeugt bin, dass die genannten Erfahrungen wirklich zum obligatorischen Teil des Curriculums Vier- bis Zwölfjähriger gehören, mache ich mich auf den Weg in ein einschlägiges Etablissement, in dem derlei Dinge feilgeboten werden. Ich lerne dank eines etwa 18jährigen Verkäufers die wesentlichen Differentiationskriterien der Spielebranche: Blut spritzt – Blut spritzt nicht, Blut ist rot („So wie in echt halt.“) – Blut ist grün („Für ab 6 Jahre.“). – „Vielleicht haben Sie auch Spiele mit… ich meine, mit nicht ganz so vielen… Straftatbeständen pro Sekunde?“ – „Zeuge Jehovas?“ – Da ich den Verkäufer nicht verwirren möchte, bejahe ich kurzerhand und werde in einen kleinen Nebenraum verbracht.

Dort führt er mir einige sehr interessante „Sondereditionen“ vor, die, wie er meint, allerdings schon etwas älter sein könnten. „Werden nicht so gern genommen, außer von…“ – „Leuten wie mir?“ Der junge Mann grinst schief und lässt mich allein, dezent einen Vorhang zuziehend („Muss ja nicht jeder sehen, dass Sie… also…“ – „Nein, nein! Muss wirklich nicht jeder… Vielen Dank!“). Ich wühle mich durch das Angebot und finde ein Spiel namens „BadPolitics3“. Hier geht es darum, dass man – also: die Figur, die man durch die Szenerie lenkt – möglichst hochrangige Mandatsträger beleidigt, dabei jedoch selbst ganz ruhig im eigenen Fernsehsessel sitzen bleibt und sich nur erhebt, um ein frisches Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Es gibt mehrere Schwierigkeitsstufen, bis hin zum Landtagsabgeordneten mit 16-Stunden-Tag, den man für die volle Punktzahl mit „Faules Schwein!“ titulieren muss. Früh übt sich! Andererseits: Vielleicht doch zu kompliziert? Es sind ja schließlich Kinder!

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Aber da gibt es ja noch „InfoTel666“, bei dem man – also: die Figur, die… Sie wissen schon! – wildfremde Leute anrufen muss, um ihnen zu sagen, dass ihr Internet-Anschluss zu langsam sei, sie in der Lotterie gewonnen haben oder unbedingt eine Private Krankenversicherung bräuchten. Für die Anrufe bekommt man Punkte, mit denen man wieder neue Nummern kaufen kann, bei einer kleinen Hexe, die in der Krone eines Baumes haust, dessen lateinischer Name etwa so viel bedeutet wie „Wir werden Ihre Daten nicht weitergeben“. Ganz witzig gemacht. Gute Graphik. – Oder auch: „CashWoman 2000“. Man (also: „CashWoman“) sitzt an der Kasse und kassiert. Das kann man auch zu zweit spielen. Aus Gender-Perspektive durchaus interessant für die beiden Großen! Wo können sie sich sonst als Kassiererin erproben?

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Dann nimmt also der eine CashWoman und der andere den „Controlator“, der CashWoman mit dem Kassenbon angreift und z. B. behauptet, die Tomaten seien doch „im Angebot“. Jetzt muss man als CashWoman schnell reagieren und Controlator zeigen, dass die 50% extra abgezogen wurden („Hier unten steht’s!“). Wenn Controlator dann sagt: „Joghurt hatte ich aber nur fünf, nicht sechs!“, muss CashWoman wieder schnell reagieren und den Filialleiter herbeiklingeln. Das ist Wahnsinn! Da gibt es irre viele Möglichkeiten! Mit und ohne Stornoschlüssel. Und dann gibt es noch die CD mit Special Effects („Sie können auch zu mir rüber kommen!“). Und dann kann man das Spiel auch noch upgraden mit „Pfandautomat3000“, wo CashWoman zwischendurch immer wieder die Plastiksäcke austauschen muss („Kleinen Moment! Ich komm’ gleich!“).

Ziemlich genial ist auch Bologna2012. Da bist du so ein Typ im Institut („Institution“), hermeneutisch von der Außenwelt abgeschnitten, und musst den Kopierer suchen. Du rennst durch tausend Gänge, ab und zu schießt einer auf dich. Dann bist du endlich da, ist der natürlich besetzt. Auf Level zwei muss Du Anträge ausfüllen. Das Problem ist, dass Du dabei rasend schnell „Energiepunkte“ verlierst. Dann, auf Level 3, kommt „Imperator“ und gibt Dir Aufträge, meist irgendwelche Texte durchsehen. Dafür kriegt man kaum „Leistungspunkte“, muss das aber trotzdem ohne Dialektik, Paradoxon und Widerspruch erfüllen. Da gibt’s jetzt auch noch eine Ego-Shooter Zusatz-App: ProjectPublicationManager3.0. Da musst Du gucken, dass Du bei einer Gemeinschaftsarbeit als Autor genannt wirst. Je mehr Kollegen Du erschießt, desto weiter rückst Du nach oben! Total realistisch!

Ich entscheide mich am Ende aber für das ultimative Spiel schlechthin: „Kommunalverwalter 6.0“! Man muss sich über 12 Level von Amt zu Amt hocharbeiten und aufpassen, dass man dabei nicht zu viel Energie verliert. Mit echt guter Graphik! Man erkennt sogar die Kaffeeflecken auf der Akte! Und: Ohne Altersbeschränkung. Sein kleiner Bruder spiele es gerne, meint der Verkäufer. Drei Bauanträge für Garagenerweiterungen habe er gerade gestern erst mit Hinweis auf die nicht eingehaltenen Abstände zum öffentlichen Straßengrund abgelehnt. Außerdem gehe noch heute ein Bußgeldbescheid wegen fortgesetzter Zustandsstörung an eine Gaststätte mit Ausschankbetrieb raus, deren Pächter sich weigere, die nötigen Hygienevorschriften gemäß Gemeindesatzung (in der Anlage beigefügt) einzuhalten. Im Moment sei es total spannend: Die Hälfte der Kollegen sei krank und die andere Hälfte auf Fortbildung. Alles bliebe zur Zeit an ihm hängen. Einige „Bürger“ hätten ihn auch schon beschimpft („Faules Schwein!“), aber dafür gebe es ja die Schnellfeuerpistole, die Frau Kauler-Meierhoff aus der Abteilung „Statistik und Wahlen, A-M“ in ihrem Schreibtisch… – „Was?“ – „Naja, was denken Sie denn! Ein bisschen Blut muss schon spritzen, ich meine…!“ – „Ja, sicherlich. Aber ich hoffe doch…“ – „Na, klar: grün!“ – „Das muss ich haben!“ – „Als Geschenk einpacken?“ – „Bitte!“

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Lieber Carlos Esteban, lieber Andrés Eduardo, lieber Renato, liebe Fernanda: Feliz Navidad!

Euer Onkel Josef

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