Todesstrafe für den Papst?

27. Dezember 2012


Oder: Warum ich dann aber auch erschossen werden müsste. Mindestens.

I.

Alipius hat mich auf einen Text hingewiesen, der u. a. den Gedanken verhandelt, der Papst (und seine engsten Berater) mögen zum Tode verurteilt werden, weil sie die Verantwortung für die Ausbreitung von AIDS und daher für Millionen künftiger Todesfälle trügen. Bei Alipius, der auch auf die Quelle verlinkt, kann die Passage des Textes im englischen Original und in der deutschen Übersetzung nachgelesen werden.

Alipius meint zwar nach der Zitation: „Muß man nicht kommentieren…“ und hat damit zweifelsfrei Recht, doch da in der Kausalkette des Autors gleich mehrere geradezu phantastische Vorurteile ineinandergreifen, will ich mich dazu doch mal kurz äußern.

Das Argument geht etwa so: Der Papst verbiete Kondome. Deswegen stürben Menschen an AIDS. Dies sei zwar kein Mord, weil der Vorsatz fehle, doch komme es aufgrund der Vielzahl an Fällen gar nicht auf die Intention an, sondern allein auf die Folgen. Außerdem sei das Kondomverbot rassistisch, weil hauptsächlich Schwarzafrikaner die Leidtragenden seien; wären die künftigen Todesopfer weiß, würde der Papst Kondome erlauben. Ergo: Der Papst sei mit dem Tode zu bestrafen. Ich bitte Sie, liebe Leserinnen und Leser, den genauen Wortlaut bei Alipius nachzulesen.

II.

Es soll mir jetzt nicht so sehr um die Frage der Todesstrafe an sich gehen, oder um die Frage, ob man für eine Tat, deren Opfer nicht zu benennen sind, weil es sie etwa noch gar nicht gibt, hier und jetzt belangt werden kann (das sind durchaus interessante Fragen), es soll mir tatsächlich um die Sache gehen. Fünf Punkte dazu.

1. Wichtig ist es zunächst einmal, anzuerkennen, dass das „Abraten vom Kondomgebrauch“, auf welches die Haltung des Papstes zum Thema HIV/AIDS hier und anderswo reduziert wird, nicht im luftleeren Raum steht, sondern Teil der katholischen Sexualmoral ist, bei deren Befolgung das AIDS-Problem gar nicht erst entstanden wäre.

Die katholische Sexualmoral ergibt sich aus der Allgemeinen Moral und diese aus der Anthropologie. Es dürfte klar sein, dass das christliche Menschenbild einer geschöpflichen, gottebenbildlichen Personalität in Form einer leiblich-seelischen Wesenseinheit hier zu anderen Ergebnissen leitet als konkurrierende Menschenbilder, die die Nähe menschlichen Verhaltens zum animalischen Trieb betonen (etwa den „Instinkt“ als moralisch leitende Kategorie einführen) und dessen Befriedigung zur Grundlage der Sexualität machen.

Anders die Theologie des Leibes, wie sie Benedikts Vorgänger, Papst Johannes Paul II. verstand. Er führt im Grunde das fort, was – schöpfungstheologisch untermauert – in der katholischen Morallehre Tradition hat: Sex ist etwas von Gott für den Menschen Gewolltes, nicht nur wegen der Notwendigkeit der Fortpflanzung, sondern auch wegen der Möglichkeit, Vertrauen und Liebe auszudrücken. Sexualität hat aus kirchlicher Sicht mithin eine dreifache Bedeutung: die Erfahrung von Lust, die Vertiefung der Beziehung und die Offenheit für neues Leben. Diese Trias ist selbstverständlich auch für den jetzigen Papst Benedikt XVI. unhintergehbar, weil ihr eben keine päpstliche, sondern eine katholische Moral im Rücken steht.

2. Die Aussage, dass nicht Kondome die erste Wahl bei der AIDS-Bekämpfung sind, insbesondere wenn es um die Verhinderung von Neuinfektionen geht, sondern Keuschheit und Treue, trifft die Position des Papstes viel besser als sie schlicht „Abraten vom Kondomgebrauch“ zu nennen. Und diese Position ist erstaunlicherweise nur dann ein Skandal, wenn der Papst sie vertritt. Am Autor des Textes scheint indes völlig vorbeigegangen zu sein, dass dies seit Jahrzehnten auch die Position der wichtigsten katholischen Hilfswerke sowie zahlreicher säkularer Einrichtungen in der AIDS-Bekämpfung ist.

Beispiel Misereor. Das bischöfliche Hilfswerk Misereor etwa teilt den Standpunkt des Papstes: „Viele Menschen in Europa verbinden mit dem Schutz vor AIDS vorschnell Kondomkampagnen. Wer aber meint, unter den Lebensbedingungen der Armutsregionen wären sie das Mittel in der AIDS-Bekämpfung, greift viel zu kurz. Die Erfahrungen unserer Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika und die Erfolge der gemeinsamen Projekte zeigen uns, dass ein wirksamer Schutz vor AIDS anders, das heißt ganzheitlich, ansetzen muss“.

Beispiel UNESCO. Das UN-Hilfswerk UNESCO und die Weltgesundheitsorganisation WHO propagieren den so genannten ABC-Ansatz, bei dem A (=abstinence; Enthaltsamkeit) und B (=behavior; Verhalten, also Treue) für vorrangig gegenüber C (=condoms; Kondome) erachtet werden. Die größten Erfolge erreicht man mit A, dann mit B und erst dann – als ultima ratio – mit C.

3. Es drängen sich zudem folgende Fragen auf: Warum geht es eigentlich immer nur um Afrika? Gut, weil dort 74 Prozent der Erkrankten leben. Da ist es sinnvoll, diese Priorität zu setzen. Doch warum soll der Papst gerade für die Situation in Afrika zur Verantwortung gezogen werden, wo es dort verhältnismäßig wenig Katholiken gibt, für die ein etwaiges „Kondomverbot“ überhaupt gelten könnte? Nur 15 Prozent der Bevölkerung Afrikas sind katholisch, 85 Prozent der Afrikaner werden vom Papst – was auch immer er sagen mag – gar nicht direkt angesprochen. Und wie passt dazu, dass dort, wo in Afrika mehrheitlich Katholiken leben, die Rate der von HIV/AIDS Betroffenen signifikant niedriger liegt als anderswo? Zu erwarten wäre doch das glatte Gegenteil!

Aber es scheint die Tatsache, dass die Zahl der Katholiken und die Zahl der AIDS-Kranken in Afrika negativ korreliert, weitgehend unbekannt zu sein. Folgt man den Statistiken der Zeitschriften Komma und ideaSpektrum, so erkennt man: In den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 5% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 30% (Swaziland: 43% Infizierte, 5% Katholiken, Botswana: 37%, 4%), in den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 20% Simbabwe 25% Infizierte, 8% Katholiken, Südafrika 22%, 6%). Dort hingegen, wo der Katholikenanteil bei über 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 20% (Sambia 17% Infizierte, 26% Katholiken, Malawi 14%, 19%). Und dort schließlich, wo der Katholikenanteil bei über 30% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 5% (Ruanda 5% Infizierte, 47% Katholiken, Uganda 4%, 36 %). Kurz: Je mehr Katholiken, desto weniger AIDS.

4. Woran liegt das? Nun, insbesondere wohl an der katholischen Sexualmoral und der Möglichkeit, auf ihrer Basis einen ganzheitlichen Präventionsansatz zu entwickeln. Einen eindrucksvollen Beleg für diese These liefert das zuletzt genannte Land: Uganda. Die Regierung Ugandas hatte in den 1980er Jahren vergeblich versucht, das AIDS-Problem „technisch“, also mit der forcierten Abgabe von Kondomen zu lösen, gesponsert durch europäische Entwicklungsorganisationen. Erst durch eine u. a. von der Katholischen Kirche unterstützte Kampagne für eine Veränderung des Sexualverhaltens, mit der darauf hingewirkt wurde, dass der erste Geschlechtsverkehr später stattfindet und Sex außerhalb einer festen Beziehung seltener geschieht, konnten in den 1990er Jahren die unverbindlichen Sexualkontakte um 60 Prozent und die AIDS-Neuansteckungsrate um 70 Prozent gesenkt werden (Science). Andere Länder der Region, die nur auf Kondome gesetzt hatten, konnten, so Science, keinerlei Erfolg messen. Heute hat Uganda mit 4% eine der niedrigsten HIV/AIDS-Raten des afrikanischen Kontinents.

Die entscheidende Korrelation, auf die Science mit dieser Studie hinweist, besteht also nicht zwischen „Kondomverbot“ und „HIV/AIDS-Neuansteckungen“, sondern zwischen „unverbindlichen Sexualkontakten“ und „HIV/AIDS-Neuansteckungen“. In der Logik des Autors (der ich auch jetzt nicht folgen mag) müsste man nun also fordern, die Todesstrafe gegen diejenigen auszusprechen, die „unverbindliche Sexualkontakte“ glorifizieren und nichts gegen die gesellschaftliche Akzeptanz von „unverbindlichen Sexualkontakten“ unternehmen, wohl wissend, dass sie damit Menschenleben gefährden, nicht vorsätzlich zwar, aber darauf kommt es ja nicht an. Wahrscheinlich wären das jedoch viel zu viele.

Der Papst möchte unterdessen eindringlich davor warnen, dass das ABC der AIDS-Bekämpfung aus Gründen der Leichtfertigkeit umgekehrt wird: erst C, dann B und dann – wenn überhaupt – A. Die Katholische Kirche erinnert an die Bedeutung von A und B, während viele nur auf C setzen, obwohl nachweislich die größten Erfolge mit A, dann mit B und schließlich mit C erzielt werden.

5. Die Bedeutung des ABC der AIDS-Bekämpfung wird auch dann deutlich, wenn man sich die folgenden Fragen stellt: Wo steigt die Zahl der Neuinfektionen besonders stark? Antwort: In Westeuropa und in den USA, vor allem unter weißen Männern. Und warum? „Abraten vom Kondomgebrauch“? Gar „Kondomverbot“? Ja, sollte der Papst nicht mal langsam sein „Kondomverbot“ lockern (und sei es nur aus rassistischen Gründen!), damit gerade in Westeuropa und in den USA die Neuinfektionen zurückgehen können? Doch vor voreiligen Schlüssen im geistigen Horizont des Autors sei gewarnt, zumal, wenn man aus ihnen ein Recht über Leben und Tod ableiten zu können glaubt: Die Neuinfektionen geschehen weniger aus Mangel an Kondomen, sondern vielmehr aus Mangel an verantwortungsvollen Verhaltensweisen.

Im Schwarzwälder Boten vom 25. März 2009 war zu lesen, dass 3 Prozent der Bevölkerung von Washington D. C. mit dem HI-Virus infiziert sein sollen. „Die tatsächliche Zahl liegt noch deutlich höher“, wird Bürgermeister Adrian Fenty zitiert, und die AIDS-Beauftragte der Stadt, Shannon Hader, meint: „Unsere Ansteckungsrate ist schlimmer als die in Westafrika.“ Tatsächlich: Um 22% ist die Zahl der Infizierten seit 2007 gestiegen. Man stehe, so die Offiziellen, vor einem Rätsel, wie dies trotz der kostenlosen Abgabe von Kondomen geschehen konnte. Schlägt das „Kondomverbot“ Papst Benedikts durch? Immerhin ist ein Viertel der Bevölkerung Washingtons katholisch!

Das „Rätsel“, also die hohe Zahl der Neuinfektionen in Westeuropa und in den USA (nicht nur in Washington), ließ sich mit „Papst ist Schuld!“ offenbar nicht ganz aus der Welt schaffen, so dass es Hauptthema der letzten Welt-AIDS-Konferenz (Juli 2012) war – das sollte man wissen, wenn man über die Krankheit schreibt. Auch, was Thomas Friedman, Direktor des US-Zentrums für Krankheits- und Epidemiekontrolle, über die Ursache des Phänomens „AIDS-Neuansteckungen“ (also: des Rätsels Lösung) sagt: Es liege seiner Ansicht nach an dem „sehr viel riskanteren Sexualverhalten zwischen Männern“. Und nicht am Papst.

Fazit: Wenn sich die AIDS-Pandemie tatsächlich mit Kondomen eindämmen ließe, müsste sie längst eingedämmt sein! Ist sie aber leider nicht. Weil sie eine Folge von menschlichen Verhaltensweisen ist, nicht eine Folge des Mangels oder gar des „Verbots“ von Kondomen durch den Papst. Wer also das Verhalten ausblendet und weiter auf das Kondom als Lösung setzt, wird künftigen Generationen keinen guten Dienst erweisen. Zum Tode verurteilt werden sollte er deswegen aber nicht.

III.

Und der Papst? Es zeigt sich, dass der Autor schon im Ansatz völlig falsch liegt. Es zeigt sich zudem, wie leichtfertig hier der Verfasser mit dem Leben spielt, das für ihn offenbar intrinsisch gar keinen Wert besitzt, sondern immer nur in Bezug auf gewünschte Handlungen und Konsequenzen zum Schutzgut avanciertoder eben – sind die Handlungen und Konsequenzen vermeintlich unerwünscht – jedesRecht auf Achtung und Schutz einbüßt. Schon das ist weder mit dem christlichen Menschenbild noch mit dem Würdekonzept des Grundgesetzes vereinbar.Es zeigt sich schließlich, wohin der Konsequentialismus führt, wenn er von falschen Annahmen ausgeht: in die Irre. Selbst wer das Kalkül des Verfassers (besser ein Toter jetzt als Millionen Tote in Zukunft) mitmacht, wird spätestens dann enttäuscht sein, wenn die erwünschte Folge ausbleibt, weil irrigerweise mit kausalen Zusammenhängengerechnet wurde, die es gar nicht gibt.

Ich bin nicht der Papst und ich bin auch nicht sein Berater. Aber sollte irgendwann mal Todesstrafen für das Vertreten der katholischen Morallehre verhängt werden, dann vergesst mich bitte nicht! Ich bestehe darauf!

(Josef Bordat)

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