Eine Mittagspause, zwei Nachrichten

28. Dezember 2012


Während sich viele meiner Zeitgenossen zwischen Weihnachten und Neujahr in einer Ruhephase befinden, stehe ich derzeit etwas unter Strom, da ein Publikationsprojekt bis zum Ende des Jahres seinen Abschluss finden muss. Daher kann ich mich dem Geschehen in der Welt derzeit nur sehr begrenzt widmen. Meine Mittagspause reicht gerade mal für die Rezeption zweier Nachrichten.

Die erste: Sonja Arnold und Andrea Wacker-Hempel, zwei Politikerinnen der Grünen, machen ihrem Entsetzen darüber Luft, dass es Verbraucherministerin Ilse Aigner wagt, im Besucherraum ihres Hauses ein Kreuz aufzuhängen, wo dort doch schließlich und endlich auch „andersgläubige BesucherInnen“ verkehrten. Ergo: „Das ist einfach unhöflich.“ (Wacker-Hempel) Fernerhin, so heißt es, bezahlten „wir“ die Frau Ministerin „mit unseren Steuergeldern“.

Oh, ja: Man könnte schäumen vor Wut! Man könnte natürlich auch auf die Idee kommen, dass die Steuerfinanzierung von Bundesministerien und die Einrichtung von Besucherräumen nicht ganz so elegant in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden können wie hier suggeriert, denn Frau Ministerin könnte das Kreuz ja aus eigener Tasche bezahlt haben und irgendwann gelangt selbst die Entscheidungsbefugnis des Steuerzahlers hinsichtlich der Verwendung von Finanzmitteln an ihr Ende, sonst könnte ich, als Steuerzahler, ja auch zu Frau Merkel sagen: „Ausziehen! Das Kostüm gehört mir!“ Auch könnte man sich die Frage stellen, ob eine Ministerin der Einfachheit halber ihre Arbeits- und Diensträume, die ja keine öffentlichen Einrichtungen sind, auch wenn sie gelegentlich von „andersgläubigen BesucherInnen“ aufgesucht werden, nicht nach ihrem eigenen Gutdünken einrichten dürfen sollte, ohne Rücksicht auf „BesucherInnen“ jedweder weltanschaulichen, kulturellen oder ästhetischen Prädisposition. Und wenn sie einen Picasso aufhängt und es kommt der Miró-Fanclub, dann muss dieser, so als „BesucherInnen“ halt, für die halbe Stunde des Besuchs eben damit leben. Könnte man meinen.

Aber schäumen wir lieber vor Wut, schließlich erschüttert eine christliche Fundamentalistin Deutschlands religiöse Neutralität und setzt damit wehrlose „BesucherInnen“ einem missionarischen Trommelfeuer aus, das sie, die „BesucherInnen“, soweit eben „andersgläubig“, in unzumutbarer Weise zu Opfern eines nicht hinnehmbaren Psychoterrors macht. Es ist bewundernswert, wie gelassen, ja, wie ergreifend schlicht die Berliner Tageszeitung mit der Feststellung „Im Besucherraum des Verbraucherministeriums gibt es ein Kruzifix.“ die Grausamkeit in ihrem ganzen Ausmaß identifiziert. Löblich, dass es ihr die Kommentatoren in Sachen Sachlichkeit gleich mal nachtun und erstaunlich demütig für mehr Toleranz gegenüber „andersgläubigen BesucherInnen“ werben, indem sie das Dekorationsverhalten der Frau Ministerin „schlichtweg übergriffig und respektlos“ finden und zu bedenken geben, „dass CSU-Politiker immer und immer wieder auch jenen Kreuze aufdrängen, die anderen oder keinen Religionen angehören“. Höflich und bescheiden bitten sie darum, die „widerwärtigen Schmerzensmann-Hängungen“ zu überdenken und besitzen die schier unergründliche Weisheit, im Kreuz ein „Lerngerät zum Judenhass“ sowie die „penetrante Verherrlichung von Gewalt“ zu erkennen und letztere als Sinnbild des politischen Handelns zu deuten: „Deutschland ist ein weltweit führender Rüstungsexporteur“ und daher „die häufige, demonstrative Zurschaustellung des KRUZIFIX“ (Hervorhebung im Original, J. B.) eben nicht weiter verwunderlich. Soviel Verständnis bei soviel Leid der vom Kreuz „Abgestoßenen“!

Doch damit nicht genug: Trotz des Schmerzes formulieren die vom Kreuz Gepeinigten und potentiellen „andersgläubigen BesucherInnen“ feinstens abgewogene Ratschläge zur Verbesserung unseres Gemeinwesens („Ich würde sogar soweit gehen und alle Mitarbeiter in Behörden und Ämtern zur absoluten Neutralität verpflichten, das heißt kein Mitarbeiter/Beamter darf einer religiösen Gruppe oder einer politischen Partei angehören.“), die einmal mehr ihre Vollendung in klarer Programmatik zum Wohle der Menschheit finden: „Alle Religionen gehören abgeschafft!“ Traurig nur, dass wir in der Bundesrepublik längst in einem Gottesstaat leben, wie ein besonnener Kommentator prägnant zusammenfasst: „Deutschland=Iran“. Das sich anschließende Fragezeichen ist nur der Angst vor Gefängnis, Folter und Tod geschuldet, weiß er doch nur zu gut, wozu Menschen mit Kreuz fähig sind!

Die informativen Kommentare anonymer Historiker und Theologen, in denen die Kirche für alles, was in der Beliebtheit unterhalb von Pauschalurlaub liegt, letztlich und endgültig verantwortlich gemacht wird (immer wieder bewundernswert, wie mutig Menschen werden können, wenn es um Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit geht!) kann ich aus Zeitgründen leider nur überfliegen.

Beim Dessert umfängt mich das warme Gefühl, gemeinsam mit den Heroen innerhalb der Ministerial-„BesucherInnen“ einer großen Zukunft entgegenzugehen, mit weißen Wänden, neutralen Beamten und abgeschafften Religionen. Ein goldenes Zeitalter ohne Gewaltverherrlichung. Kaffee. Kräuterschnaps (ausnahmsweise).

Ach, so – die andere Nachricht. Nicht so wichtig: 2012 wurden 105.000 Christen wegen ihres Glaubens getötet.

(Josef Bordat)

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