99 Prozent

11. Januar 2013


Ich bin im Zusammenhang mit einem Gastbeitrag auf Kath.net für eine Angabe im Text gerügt worden. Ich hatte geschrieben: „99 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt.“

Ich möchte kurz darauf eingehen.

Zunächst ist die Angabe „99 Prozent“ hier nicht arithmetisch, sondern rhetorisch gemeint. So wie man sagt: „Das habe ich schon 1000mal gemacht!“ und man meint, man habe Erfahrung, weil man – was auch immer – schon oft gemacht hat.

Soll die Angabe „99 Prozent“ arithmetisch verstanden werden, müssen wir genauer hinschauen. Tun wir das.

Wenn wir davon ausgehen, dass ein Täter im Durchschnitt mehrere Opfer hat (eine wissenschaftliche Studie aus 2012 legt das Verhältnis 1:10 nahe), und es in den letzten 60 Jahren in Deutschland 1200 Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester gab (das ist die Zahl derer, die Anträge auf Entschädigungszahlung aus dem von der Kirche eingerichteten Fond gestellt haben; das ist keine exakte Angabe, aber doch eine einigermaßen plausible Größenordnung), dann sprechen wir von 120 katholischen Geistlichen, die in der Vergangenheit zu Tätern wurden. Verdoppeln wir die Zahl „sicherheitshalber“, um Einzelfall-Täter zu berücksichtigen, dann liegen wir bei 240 katholischen Geistlichen.

In den letzten 60 Jahren wirkten in Deutschland insgesamt sicherlich mindestens 40.000 Priester. Derzeit sind es etwa 15.000. Mal zwei (denn wir können bei einem Zeitraum von 60 Jahren von zwei Priester-Generationen ausgehen), das ergibt 30.000. Doch früher gab es erheblich mehr Priester: 1990 waren es noch 20.000, 1950 waren es sogar 30.000. Zu errechnen, wie viele Priester insgesamt in der Bundesrepublik tätig waren, ist wohl kaum möglich. Als Anhaltspunkt könnten auch die „mehr als 100.000 Personalakten“, die in der KFN-Studie eine Rolle spielen, dienen, doch dabei handelt es sich nicht nur um die Akten von Geistlichen, sondern auch um die von anderen Mitarbeitern, sowohl im seelsorglich-pastoralen Dienst (Diakone, Gemeindereferenten) als auch in anderen Bereichen kirchlicher Arbeit. Gehen wir also von 40.000 Priestern aus.

Dann hätten wir auf 40.000 Geistliche 240 Täter, was einem Anteil von 0,6 Prozent der „Täter-Geistlichen“ an allen Geistlichen entspricht.

Schauen wir uns nun den Anteil „der Kirche“ an der Gesamtzahl der Missbrauchsfälle in den letzten 60 Jahren in Deutschland an. Hier legen wir ausschließlich die angezeigten Fälle zugrunde und lassen jede „Dunkelziffer“-Erwägung außen vor (denn die könnte es ja nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche geben*).

Für die deutsche Gesellschaft müssen wir von durchschnittlich mindestens 18.000 angezeigten Fällen pro Jahr ausgehen. Statistiken der letzten Jahre zeigen eine leicht rückläufige Tendenz auf derzeit etwa 15.000 Anzeigen pro Jahr, aber auch Jahre mit etwa 20.000 Anzeigen. Für die Vergangenheit ist (dem Trend folgend) mit etwas höheren Werten zu rechnen. In den letzten 60 Jahren wird es also etwa 1.080.000 angezeigte Missbrauchsfälle gegeben haben. Stellen wir die oben erwähnten 1200 Anträge daneben,** erhalten wir einen Anteil „der Kirche“ an der Gesamtzahl der Missbrauchsfälle von 0,1 Prozent.

Insoweit könnte ich meine Aussage konkretisieren: „99,4 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99,9 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt.“

Das will ich aber gar nicht. Mir ging es mit diesen Prozentangaben um Größenordnungen, um die Symbolwirkung, damit das abscheuliche Thema Kindesmissbrauch endlich als gesellschaftliches Problem adressiert wird und nicht immer nur dann, wenn es um Täter aus den Reihen der Kirche geht.

Kindesmissbrauch ist „Alltag“ in Deutschland. Und diskutiert wird über den Zölibat. Das ist der eigentliche Skandal!

Anmerkungen:

* An dieser Stelle ist freilich der Spekulation Tür und Tor geöffnet: Man braucht lediglich für die Kirche eine um einen ausreichend hohen Faktor x höhere Dunkelziffer anzunehmen als für die Gesellschaft (dort liegt die Zahl aller Fälle 15 bis 20 mal höher als die Zahl der durch Anzeige bekanntgewordenen Fälle), um jeden beliebigen Anteil „der Kirche“ zu erhalten. Mit der Rede von der „systematischen Vertuschung“ werden solche Kalküle diskursiv vorbereitet. Dagegen kann man sich nur mit einer möglichst offenen Aufklärung aller relevanten Vorgänge zur Wehr setzen.

** Korrekt wäre es zwar, nicht die Zahl der Anzeigen bzw. Anträge zu vergleichen, sondern die Zahl der rechtskräftig verurteilten Straftäter, doch hier ergäbe sich ein „schiefes Bild“, da viele Fälle innerhalb der Kirche zum Zeitpunkt ihres Bekanntwerdens schon verfristet waren, was einer strafrechtlichen Verfolgung der Taten entgegensteht. Insoweit ist auf „weichere Daten“ zurückzugreifen, um überhaupt einen Vergleich anstellen zu können.

(Josef Bordat)

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